FeedSoissons
VerkehrBrockhaus 1882

Soissons, Hauptstadt eines Arrondissements des franz. Depart. Aisne, in der ehemaligen Islede-France, in fruchtbarem Thal am linken Ufer der Aisne, Station der Linien Paris⸗-Laon und Compiegne-S. der Nordbahn und der Linie Reims-S. der Ostbahn, am Kreuzungspunkt von sechs Heerstraßen, 105 km im NO. von Paris, ist der Schlüssel von Paris für ein Heer aus den Niederlanden und. ein bedeutender Waffenplatz. Der Hauptteil der Befestigungen, links von der Aisne, hat längs des Flusses eine 6m hohe Mauer; die übrigen Fronten werden durch mehrere unregelmäßige Bastionen mit zwischenliegenden Courtinen gebildet, von denen nur im Norden Ravelins liegen. Die Gräben können durch Schleusenanlagen inundieren. Im Südwesten befindet sich ein etwas höher gelegenes Hornwerk. Die rechts vom Flusse gelegene Vorstadt Vaast ist gleichfalls befestigt und dient als Brückenkopf. Es residiert hier ein Suffraganbischof der Erzdidcese Reims. S. hat ein Handelstribunal, ein Kommunal-Collége, ein Priesterseminar, eine 1678 gestiftete Gesellschaft für Künste und Wissenschaften und einen sehr thätigen archäol. Verein, ein Theater, eine öffentliche Bibliothek von 30000 Bänden mit vielen seltenen Handschriften, ein Taubstummeninstitut, ein Hötel-Dieu (vom J. 1247) und zählt (1881) 9066 (als Gemeinde 11112) CE., welche Pottasche, Kerzen und Chokolade fabrizieren, Lohgerbereien, Brauereien und Eisengießereien unterhalten und lebhaften Handel mit Getreide, Mehl, Hülsenfrüchten, besonders mit sehr geschätzten Bohnen, mit Flachs, Hanf, Holz und Holzkohlen, Wolle, Vieh, Wein, auch mit Tuch, Eisen⸗„ Blech- und Kupferwaren treiben. Unter den Gebäuden sind bemerkenswert: die 1212 vollendete Kathedrale mit sehr elegantem Chor, dessen Umgang fünf runde und acht viereckige Kapellen bilden, 66 m hohem Turm an der Westfagade, Glasmalereien aus dem 13. Jahrh., Teppichen aus dem 16. Jahrh. und einer dem Rubens zugeschriebenen Anbetung der Hirten; die noch vorhandenen beiden Glockentürme von 75 und 70 m Höhe der 1076 gegründeten Abtei St.⸗Jean des Vignes, mit prächtigem Portal aus dem 13. Jahrh.: die Kirche zu St.⸗Leger mit zwei Krypten, die Kollegiatkirche St.⸗Pierre, die Kapelle des Taubstummeninstituts, Rest der uralten Abtei St.⸗Médard, in welcher 833 Ludwig der Fromme seine Kirchenbuße that, die in eine Kaserne verwandelte Abtei Notre-Dame de S. und das Altertumsmuseum. über den Fluß führt eine schöne Steinbrücke, und längs desselben läuft ein herrlicher Spaziergang. Aus der Römerzeit sind Münzen, Skulpturen, Mosaiken, Gefäße und die Substruktionen eines sehr großen Theaters gefunden worden. S. hieß im Altertum Noviodunum und war die Hauptstadt der Suessiones in Gallia Belgica. Unter Augustus erhielt es den Namen Augusta Suessionum und hatte ein kaiserl. Palatium. S. war die letzte Stadt, welche die Römer in Gallien besaßen. Zuletzt residierte hier der röm. Feldherr Syagrius, der 486 in der Nähe der Stadt von Chlodwig geschlagen wurde. Bei der Teilung des Fränkischen Reichs unter Chlodwigs vier Söhne (511) wählte Chlotar I. S. (mittellat. Suessiones, Suessionae, Suessiona, Suessona, Suessio, im Pagus Suessionensis oder Suessonicus, franz. Soissonnois) zu seiner Residenz, und als dessen Söhne das väterliche Besitztum teilten, kam es 561 an Chilperich. In S. wurde 744 eine wichtige Synode gehalten; später fiel S. Karl dem Kahlen zu und im 10 Jahrh den Grafen von Vermandois. Dann kam die Grafschaft S. durch Heirat nacheinander an die Häuser Nesle, Chäatillon und Artois, durch Kauf an das Haus Coucy, darauf an Bar und Luxembourg und endlich 1482 durch Heirat an das Haus Bourbon, und zwar an den Seitenzweig Bourbon-Condé. Im J. 884 wurde S. von den Normannen genommen. Zu S. wurde im April 1213 von Philipp II. August ein Reichstag gehalten. Am 20. Mai 1414 ward die Stadt von Karl VI. erobert und geplündert. Kriegsgeschichtlich ist sie noch bekannt durch den Sieg Chilperichs I. über die Austrasier 576, Karl Martells über den Herzog von Aquitanien 719 und des Herzogs Hugo des Großen von Francien über Karl III. den Einfältigen Juni 923. Im Juli 923 wurde hier Herzog Rudolf von Burgund zum König ausgerufen. Im Kriege von 1814 nahmen Bülow und Wintzingerode 3. März die bloß nach alter Art befestigte Stadt, wogegen sie Marmont und Mortier 5. März wieder zurückeroberten. Im J. 1815 wurde sie von den Preußen eingeschlossen und 14. Aug. diesen übergeben. Während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 und 1871 wurde S. bereits 11. Sept. 1870 von Truppen der deutschen Maasarmee erreicht, später cerniert und vom 12. Okt. an förmlich belagert. S. kapitulierte nach viertägiger hartnäckiger Artillerieverteidigung am 16. Okt. 1870. Vgl. Gärtner, «Die Belagerung von S. im Sept. und Okt. 1870 (Berl. 1874). Graf von S. nannte sich Raoul Herr von Coeuvres, welcher w1239 die Königin-Witwe Alix von Cypern heiratete, aber schon 1241 Palästina und seine Gemahlin verließ. Ein anderer Graf von S. siel 1302 in der Sporenschlacht bei Courtray. Im 16. Jahrh. nahm Charles von Bourbon, geb. 13. Nov. 1556, der Sohn des Prinzen Ludwig J. von Condeé (s. d.), aus dessen zweiter Ehe mit Frangoise von Orléeans-Longueville, den Titel Graf von S. an. Nach wechselnder Parteistellung in den Religionskriegen starb er 1. Nov. 1612. Louis von Bourbon, Graf von S., geb. 11. Mai 1604, der Sohn des vorigen aus der Ehe mit Anne von Montasie, unterstützte die Witwe Heinrichs IV., Maria von Medici, gegen deren Sohn, Ludwig XIII., wandte sich aber bald wieder dem König zu. Mit Richelieu verfeindet und an der Verschwörung von 1626 beteiligt, floh er nach Italien, wurde aber vom König zurückgerufen, diente nun bei der Belagerung von La-Rochelle und kaufte 1630 die Grafschaft Soissons vom Prinzen von Condé. Im Feldzuge von 1636 gegen Spanien befehligte er erfolglos ein kleines Korps an der Aisne und Oise. In demselben Jahre verband er sich mit dem Herzog von Orléans zur Ermordung Richelieus. Als der Anschlag durch des Herzogs Zaghaftigkeit vereitelt war, floh S. nach Sedan, wo ihm der Herzog von Bouillon Aufenthalt gewährte. Hier vereinigte er sich mit Bouillon und dem Herzog von Guise zum förmlichen Kriege gegen den Minister. Spanien sagte ihnen Hilse aus den Niederlanden zu. Richelieu setzte jetzt zwei Armeen, die eine gegen die niederländ. Grenze, die andere gegen Sedan in Bewegung. Schon hielten sich die Verschworenen für verloren, als ihnen der kaiserl. General Lamboi eine Verstärkung von 7000 Mann zuführte, 6. Juli 1641, und nun brachten sie bei Sedan den königl. Truppen eine entschiedene Niederlage bei. S. wurde jedoch im Gefecht erschossen. Mit ihm erloschen die männlichen Nachkommen dieser Seitenlinie des Hauses Bourbon-Condé, und sein Besitz und Titel ginhen auf den zweiten Sohn seiner Schwester Marie über, die mit dem Prinzen Thom. Franz von Savoyen-Carignan vermählt war. Eugene Maurice von Savoyen, als Erbe des bei Sedan gefallenen Oheims Graf von S., war 1633 zu Chambery geboren. In der Jugend zum WAriensd Stande bestimmt, trat er später in ranz. Kriegsdienste und heiratete 1657 Olympia kancini, Nichte des Ministers Mazarin. Er zeichnete sich in den Kriegen Ludwigs XIV. aus und starb 7. Juni 1673 bei der Armee in Westfalen, angeblich an Gift. Sein ältester Sohn, Ludwig Thomas (gest. 15. Aug. 1702), setzte die Linie Savoyen-S. fort, die mit dem Tode seines Enkels Eugene Jean Frangois 24. Nov. 1734 erlosch. Sein jungerer Sohn war der berühmte Prinz Eugen (s. d.) von Savoyen. Die erwähnte Olympia Mancini, Gräfin von S., geb. 1640 zu Rom, kam 1647 mit ihren Schwestern nach Paris und wurde nach ihrer Vermählung zur Surintendantin des Hauses der Königin erhoben. Weil sie sich in die Maitressenhändel des Königs mischte, entfernte sie Ludwig XIV. mehrmals vom Hofe und nahm ihr endlich die Stelle. Sie unterhielt seitdem Verkehr mit der berüchtigten Giftmischerin Voisin und wurde durch deren Aussagen so kompromittiert, daß sie nach Brüssel entfloh. Von hier wandte sie sich nach Madrid, wo sie das Vertrauen der Gemahlin Karls II. gewann. Der Herzog von St.⸗Simon beschuldigt sie, nicht nur ihren Gemahl, sondern auch die Königin von Spanien vergiftet zu haben. Aus Madrid vertrieben, irrte sie lange umher, bis sie endlich in Brüssel, von allen, selbst von ihrem Sohne, dem Prinzen Eugen, verlassen, 9. Okt. 1708 starb. Vgl. Renee, Les nièces de Mazarin (2 Bde., Par. 1856).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 901Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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