Madagaskar, eine der größten Inseln der Erde, im Indischen Ocean, von der ihr fast parallel laufenden Ostküste Südafrikas durch den 370— 1000 km breiten, sehr tiefen Kanal von Mozambique getrennt, erstreckt sich von Kap Amber (12 bis Kap Ste.⸗Marie (25 35“ südl. Br.) in einer Länge von 1570 km und einer Breite bis zu 560 km und hat ein Areal von 591 563, mit den Küsteninseln von 591964 qkm. Die Küste zeigt namentlich im Nordwesten zahlreiche tief eingeschnittene Buchten, wie die Passandavabai hinter der franz. Insel Nossi-Bels.d.), die Narrinda-, die Madschambo- und die Bembatukabai, an welcher Boina (Böni), die alte Hauptstadt der Sakalawen, liegt. Im Südwesten sind die Bai St.⸗Augustin unter dem Wendekreise, an der Nordostecke die herrlichen Baien Diego-Suarez und Port⸗-Luquez, weiter südlich an der Ostküste die Antongil- oder Antäo-Gongalesbai (an welcher 1786 Graf von Benjowsky getötet wurde) und jenseit der franz. Insel Sainte-Marie (welche 89,7 akm mit 11883] 7496 C. hat) die Reede von Foule⸗-Point oder Mahavelona und Tamatave die besuchtesten Punkte. Mit Ausnahme des nördl., sowie des südöstl. Teils bei dem verlassenen Fort Dauphin (25 südl. Br.) ist der Küstensaum flach, durch eine 15110 Em breite, sehr niedrige, sumpfige, stellenweise seenreiche Zone gebildet. Im übrigen zeigt sich die Oberfläche der Insel gebirgig. Von der Küstenebene steigt das Land nach dem Innern terrassenförmig, im Westen allmählicher, im Osten viel rascher zu 320, 900, 1400 bis 1800m hohen Stufen empor. Dem Küstenumriß folgt in einiger Entfernung ein breiter Waldstreifen; das Innere der Insel aber ist im ganzen baumlos und dürr, eine Häufung öder roter Berge, und nur die Flußläufe begleitet üppige Vegetation. Als höchster Gipfel der Insel gilt der 2728 mhohe Tsiafazavona im Ankäratragebirge, im Südwesten der Hauptstadt. Dies Gebirge, dessen nördlichster Gipfel der 2500 m hohe Ambohitrakoholaby, ist eine Gruppe von fünf mächtigen erloschenen Vulkanen. Dieselbe liegt am Rande des 52 kmulangen, durchschnittlich 1950 mehohen Centralplateau Imerina. Die Unterlage desselben, wie wohl der ganzen Insel, bildet Gneis, und darüber liegen Granit und Glimmerschiefer. Dies Plateau wird überall von engen, nicht sehr tiefen Thälern durchschnitten, zwischen zahllosen Höhen aus rotem Thone, über welche gewaltige Gneismassen gestreut sind. Beim Itasisee, 64 km westlich von der Hauptstadt, liegt eine Region von 40 erloschenen Kratern, deren mittlerer, der Ambosimailala, der höchste ist; 80 km südlicher folgt eine andere Vulkangruppe, die noch in histor. Zeit thätig gewesen sein soll, und bis in den Süden der Ankäratraberge sind noch 60 Krater gezählt worden. Im übrigen sind die geognost. Verhältnisse der Insel noch ungenügend bekannt. Es finden sich Eisen, viel Kupfer, Mangan und Blei, auch Braunkohlen und Marmor, sowie Bergkrystalle; die Ablagerungen von Laven und Schlacken nehmen weite Räume ein. Erdbeben sind nicht selten; auch fehlt es nicht an warmen und kalten Mineral⸗, so- wie an Salzaquellen. Die Insel, namentlich der größere Westteil, hat zahlreiche Bäche und Flüsse, auch einige Seen; es gibt Flüsse von 150—500 km Länge, deren Mündung aber meist durch Sandbänke versperrt ist. Bei der großen Erhebung und Zerrissenheit des Terrains bilden die aus dem Innern abfließenden Gewässer meist Wasserfälle, dagegen keine Kommunikationswege. Das Klima zeigt bedeutende Unterschiede. Tropische Hitze erzeugt in den Sumpfniederungen der Küstenstriche Miasmen und die den Europäern fast stets tötlichen, unter dem Namen der Madagassischen Fieber bekannten Gallenfieber, welche der Insel den Namen des europ. Kirchhofs verschafft haben. Die Hochebenen des Innern dagegen sind gesund; hier steigt die Temperatur selten über 23e, und die Berggipfel zeigen Eis, aber nie Schnee. Die Pflanzen⸗, sowie die Tierwelt M.s bilden eine besondere physische Region. Die Vegetation, obschon vielfach der südafrikanischen und indischen ähnlich, zeigt sich gleichwohl eigentümlich und im ganzen selbst von der Flora der Inseln Reunion und Mauritius verschieden. Besonders in den Küstengegenden ist der Pflanzenwuchs von wunderbarer Mannigfaltigkeit, und noch finden sich dichte Urwaldungen. Ungemein reich ist M. an Handelsprodukten, Schiffbauholz, Farbe- und feinen Tischlerhölzern, Gewürz-, Arznei⸗, Ol⸗, Balsam- und Gummipflanzen, an Reis (das Hauptnahrungs—⸗ mittel der Bewohner) und zahlreichen tropischen Nahrungspflanzen, an Tabak, Baumwolle u. s. w. Von den eingeführten Gewächsen gedeihen Wein und europ. Südfrüchte, sowie die Kartoffel und der Kaffeebaum. Die ganz eigentümliche Fauna der Insel zeigt nur in einigen Tierformen Verwandtschaft mit der ostindischen. M. besitzt keine Wiederkäuer, Dickhäuter und großen Raubtiere. Die Affen sind durch zahlreiche Arten von Halbaffen oder Lemuren vertreten. Das größte lebende wilde Tier ist der Im lange, pflanzenfressende Cryptoprocta Ferox, von Gestalt eines Wiesels. In den Wäldern leben wilde Schweine in großer Menge. Es gibt sehr zahlreiche Vögelarten mit dem schönsten Gefieder, viele Bienen, prachtvolle Schmetterlinge, zahlreiche Krokodile, große, aber wenig gifütige Schlangen. Geflügel zieht man überall, sowie eingeführte Schafe, Ziegen und besonders viele Rinder. (S. Karte: Südafrika und Madagaskar, Bd. I, S. 187.) Die Bewohner der Insel, die sich selbst Malagasi oder Malagasch nennen, woraus die Europäer Madegassen oder Malgaschen gebildet, und deren Zahl auf 3500000 geschätzt wird, gehören, obschon sie in viele Stämme zerfallen, doch nur zwei Hauptvölkern an, aber in vielfachen Mischungen, nach Mullens sogar nur einem einzigen, einem malaiischen, auf welchen an der Westseite afrik. Einwanderer aufgepfropft sind. Außerdem gibt es Tausende ehemaliger Negersklaven. Abgesehen von eingewanderten Arabern und Suahelis wohnt auf der Ostseite und im Innern ein oliven⸗ zum Teil ziemlich hellfarbiges, schöngebildetes Volk, mit schlichtem oder krausem Haar, den Malaien nahe verwandt; auf der ganzen Westseite ein schwarzes, viel kräftigeres Volk, unter dem Namen der Sakaläwas zusammengefaßt, etwa 500000, mit Wollhaar, aber nicht mit dem Negertypus der Mozambiquer, sondern vom Kafferncharakter. Die schmale Hochebene zwischen der Ostküste und dem östlichsten Terrassenabfalle nehmen die Betsimitsäraka (etwa 100000) ein, den übrigen Osten die Bezanozani, Tanala, Taisaka, Taimoro. Jener hellere Teil der Bevölkerung, der vorherrschende auf der Insel, zeigt sich civilisierter als der dunkle, aber auch schlau, stolz, rachsüchtig und habgierig. Alle Bewohner Mis sprechen dieselbe Sprache, das Malgasi, welche zum malaiischen Sprachstamme gehört und zunächst mit dem Tobadialekt des Batta verwandt ist. Die Madegassen sind im ganzen gastfrei, sorglos und rachsüchtig, meist sehr tapfer und freiheitsliebend. Offiziell ist bei ihnen das Christentum eingeführt und das Volk bekennt sich nominell zum Presbyterianismus. Die Madegassen sind meist Landbauer oder Hirten, Jäger und Fischer; nur die Howas und ihre Stammverwandten, die Betsiléos und Sihänaka, treihen infolge ihres unfruchtbaren Bodens auch technische Industrie und sind geschickt in Anfertigung von old⸗ und Silberarbeiten, Holz- und Eisenwaren, Seiden⸗ und Wollgeweben, namentlich von kostbaren Teppichen. Die Ostküste führt Ochsen und Reis nach Mauritius und den Sechellen, und Kautschuk, Rindshäute und Kopal nach Europa. Die Westküste verhandelt nach Zanzibar, den Comoren und der Küste Afrikas Reis, Ochsenhäute, Orseille, Schildkröten, Wachs, Eben- und Palissanderholz gegen Baumwollzeuge, grobe Fayencegeschirre, Schießpulver, Steinflinten u. s. w. Die einzelnen Stämme der Madegassen in der Westhälfte der Insel stehen unter der völlig despotischen Herrschaft zahlreicher Häuptlinge. In der Osthälfte ist der Stamm der Howas oder Owas (etwa 1700000), deren Sprache auch die ausgebildetste, der bedeutendste, civilisierteste und herrschende; ihnen gehört die schönere und wertvollere Hälfte der Insel mit zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung. Unabhängig von ihnen sind die Sakalawen (außer den südl. Antimenen und einem Teile der Antibuenis), die Mahafalen, die Antandruis, die Baren und die ausgewanderten Antanossen, sowie im S. das Zwergvolk der Wasimbas, welche man für die Urbewohner hält. Von ihrer Heimat, dem Lande Ankow, der im Centrum der Insel gelegenen Hochebene, stiegen die Howas 1813 herab und vereinigten die übrigen Stämme zu einem Reiche. Die Howas haben M. in 20—22 Provinzen eingeteilt, von denen jede unter einem Sberbese lshaber steht. Das Heer zählt etwa 35000 Mann. Der auswärtige Handel wird meist durch engl. Schiffe von Mauritius betrieben; Haupteinfuhrartikel ist Rum, ausgeführt werden Rindvieh, Häute, Wachs, Kautschuk, Gummi, Talg, Olsamen u. s. w. Mitten auf dem Plateau liegt in 1460 m Seehöhe, 157 km von der Ostküste, auf einem 150 müber die 1370 mehohe Ebene emporragenden Hügel die Hauptstadt des Reichs, Tananarivo oder Antananarivo, die Residenz und Grabstätte der Howasbeherrscher, mit 75000 oder 100 000 E., einem großen Residenzpalast und andern Gebäuden der königl. Familie, welche Radäma I. im europ. Stil von einem franz. Architekten erbauen ließ. Außerdem ist noch bemerkenswert der Haupthandelsplatz Tamatave, an der mittlern Ostküste, ein Dorf von etwa 6000 CE., mit einigen Konsulatsgebäuden. Geschichtliches. Die Insel M., bei den Eingeborenen Nossi-Ndambo (Insel der Wildschweine), von den Arabern Dschesira-el-Komr (Mondinsel) genannt, führt schon Marco Polo im 13. Jahrh. als Magastar oder Madaigascar an; sie wurde aber erst 2. Febr. 1506 von dem Portugiesen Fernando Soares, der zur Flotte Almeidas gehörte, entdeckt und seitdem lange Zeit als St. Lorenzinsel, von den ältern franz. Ansiedlern auch als Dauphine bezeichnet. Holländer und Engländer machten seitdem vergebliche Versuche, sich daselbst niederzulassen, noch mehr aber die Franzosen. Diese gründeten 1642 unter den Auspicien einer Handelsesellschaft und der Société d'Orient eine Niederassung zu St.⸗Louquez, nahmen 1643 Besitz von der Insel Ste.⸗Marie und der Antongilbai und errichteten 1644 Stationen zu Fenerife und Mananhar, sowie auf der Halbinsel Tolangara ein Fort. Der Minister Colbert bildete sodann 1664 eine neue Handelsgesellschaft, welche in die Rechte der bisherigen trat, und Ludwig XIV. selbst mit den Prinzen beteiligten sich durch Kapitalien an den Unternehmungen. Seit 1719 erneuerte Frankreich vergeblich seine Ansprüche auf M. Endlich schickte man 1774 den Grafen Benjowsky (s. d.) als Generalgouverneur ab, der an der Antongilbai Louisbourg, sowie sieben Forts zu Foule-Point, Tamatave und andern Punkten erbaute. Durch Verträge mit einheimischen Häuptlingen gewannen die Franzosen 1841 Nossi-Bé und einige benachbarte Eilande, die seitdem als Zufluchtsstätten der dem Joche der Howas sich entziehenden Sakalawas und als Dependenzen der Kolonie Mayotte in den Comoren (s. d.) wichtig geworden sind. Der Erfolg einer neuen franz. Expedition war die Gründung der Missionsstation Bali im Lande der Sakalawas (16e südl. Br.), deren Häuptlinge sich 1859 unter den Schutz Frankreichs stellten. Das Haupthindernis gegen die Festsetzung der Europäer auf M. war bisher das 1810 von König Radäma I. begründete Reich der Howas. Dieser Herrscher wurde zugleich der Civilisator des Volks, errichtete Schulen und schöne Gebäude, ließ auch tüchtige Leute auf der Insel Mauritius, zu London und Paris in den europ. Gewerben, Künsten und Wissenschaften unterrichten. In wenigen Jahren gelang es ihm, eine so starke Armee herzustellen, daß er die Häuptlinge der übrigen Stämme zu Vasallen machen konnte. Dabei lieh er den Anträgen der Engländer auf Abschaffung des Sklavenhandels und der Menschenopfer, sowie auf Einführung des Christentums ein williges Ohr. Missionare gründeten die Anstalten in Tananarivo, sodaß das Christentum Wurzel zu fassen anfing. Aber 27. Juli 1828 wurde er von seiner Frau Ranavälona I. vergiftet, die sich, nachdem sie auch die Verwandten Radämas umgebracht, auf den Thron schwang, auf dem sie mit blutigem Despotismus herrschte und alle Keime europ. Civilisation ausrottete, wodurch sie sich immer mehr mit den Engländern und Franzosen verfeindete, sodaß es 1845 zu einem blutigen Konflikt zwischen ihren Truppen und den Streitkräften der beiden Nationen kam. Erst nach Ränavälonas Tod (16. Aug. 1861) wurden unter ihrem Sohne und Nachfolger Radäma II. die Verhältnisse wieder günstiger für die Europäer. Die Toleranz, sowie die Civilisationsbestrebungen des Königs, noch mehr aber verschiedene vom Volk gemißbilligte Maßregeln und Gesetzerlasse brachten jedoch bei der alten Howaspartei und zurückgesetzten Offizieren und Großen den Plan einer Thronumwälzung zur Reife. Radäma II. wurde 12. Mai 1863 erdrosselt und seine Witwe Rabodo unter dem Namen Rosaherina zur Königin ausgerufen nach Unterzeichnung einer Konstitution, durch welche die Krone die Legislative nur in Gemeinschaft mit dem Adel und den Häuptern des Volks übt. Zugleich gewährt dieses Gesetz den Fremden gleichmäßigen Schutz und den eingeborenen Christen wie den Nichtchristen Religionsfreiheit. Am 27. Juni 1865 schloß der brit. Konsul Packenham zu Tananarivo einen vorteilhaften Friedens⸗, Freundschafts⸗ und Handelsvertrag ab, in dem die Königin auch die Abschaffung der Giftprobe und die gänzliche Auf-Rechte des Sklavenhandels versprach. Sämtliche echte, die der Vertrag den Engländern gewährt, sollen sich auch auf alle andern Nationen erstrecken. Nach dem am 1. April 1868 erfolgten Tode der Königin wurde einer Verwandten derselben, Namens Ramona, die Krone übertragen. Dieselbe nahm als Königin den Namen Ränavälona II. an und ließ sich von einheimischen christl. Lehrern im christl. Glauben unterrichten; 3. Sept. 1868 fand bereits bei Gelegenheit ihrer Krönung die offizielle Anerkennung des Christentums und 21. Febr. 1869 die Taufe der Herrscherin und eines großen Teils des Adels statt. Seitdem hat das Christentum auf M. rasche Fortschritte gemacht. Durch Proklamation vom 20. Juni 1877 wurde die Sklaverei abgeschafft. Ränavälona II. starb 13. Juli 1883, worauf ihre Schwestertochter Ränavälona III. folgte. Die Franzosen, welche seit den Zeiten Richelieus Anspruch auf M. zu haben glauben, schickten im Sommer 1882 einige Kriegsschiffe zum Schutze der franz. Unterthanen nach M., worauf eine Gesandtschaft der Howa im Sept. 1882 in Paris eintraf; die Verhandlungen mit denselben endeten im November mit einem franz. Ultimatum, worin die Anerkennung der franz. Schutzherrschaft über die Ostküste M.s verlangt wurde. Nach der Ablehnung dieser Forderung reisten die Gesandten nach London, wo sie 19. Febr. 1883 einen Vertrag mit der Regierung schlossen. Der franz. Admiral Pierre eröffnete nun die Feindseligkeiten und 13. Juni 1883 wurde Tamatave besetzt. Seitdem beherrschen die Franzosen die Ostküste, aber ins Innere der Insel sind sie nicht gedrungen. Vgl. Ellis, «History of M.v (Lond. 1838); derselbe, «Three visits to M. v (Lond. 1858); Barbier du Bocage, M., possession française depuis 1642 (Par. 1859); Ida Pfeiffer, «Reise nach M.v (2 Bde., Wien 1861); MacLeod, XM. and its peoplep (Lond. 1865); Mears, «The story of M.v (Philad. 1873); „Südafrika und M. » (3. Aufl., Lpz. 1874); Mullens, Twelve months in M.v (Lond. 1875); Grandidier, «Histoixe physique, naturelle et politique de M. (Par. 1876 fg.); Sibree, M., Geographie, Naturgeschichte, Ethnographie der Inselv(Lpz.1881).