FeedMagyaren (spr. Madjaren)
ErdkundeBrockhaus 1882

Magyaren (spr. Madjaren), der herrschende Volksstamm in Ungarn, der ural-altaischen (oder turanischen) Völker⸗ und Sprachenfamilie angehörig. Die M. leben außer in Ungarn, Siebenbürgen und Kroatien-Slawonien in größerer Anzahl nur noch in Wien, in der Bukowina und in Rumänien. In Ungarn beträgt (1880) ihre Gesamtzahl 6445 487 Seelen oder 41,21 Proz. der Bevölkerung des gesamten Königreichs. Davon kommen auf Ungarn-Siebenbürgen 6403 687 (46,65 Proz.), auf +är (Stadt und Gebiet) 383 (1,82 Proz.), auf roatien-Slawonien 36854 (3,090 Proz.) und auf die ehemalige kroat.⸗slaw. Militärgrenze 4563 (0,s Proz.). Auch in Ungarn-Siebenbürgen ist die Verteilung des magyar. Volksstammes eine sehr ungleiche; es finden sich in dem Gebiete auf dem linken Donau-Ufer 452311 (25,75 Proz.), auf dem rechten. Donau-Ufer 1729982 (67,51 Proz.), zwischen Donau und Theiß 1660031 (70,80 Proz.), auf dem rechten Theißufer 619292 (42,96 Proz.), auf dem linken Theißufer 1045 736 (57,43 Proz.), zwischen Theiß und untere Donau 265 855 (15,4½ Proz.), in Siebenbürgen 630477 (30,25 Proz.). Der Konfession nach zählt der größere Teil der M. (3475874 Seelen) zur röm.⸗kath. Kirche; zur griech.⸗kath. gehören 134951 M.; ferner bekennen sich zur helvet.⸗ evang. (1916 473), zur evang.⸗luth. (250 764) und zur unitar. Kirche (52657 Seelen). Ein Produkt der neuesten national-⸗polit. Entwickelung sind die 353 272 israel. M., sodaß 55,31 Proz. der Juden in Ungarn sich als M. bekannten. Der Volksstamm ist gegenwärtig in Bezug auf die Sprache ein ziemlich einheitlicher scharfe, weit auseinander gehende Dialektunterschiede gibt es nicht. Nur in der Aussprache und in einigen sprachlichen Sonderbarkeiten machen sich heute die Palöczen (Eumanischer Abkunft) in den Komitaten Neograd, Heves, Borsod und Gömör und die eigentlichen Kumanen in der Ebene von den übrigen M. bemerkbar. Die Székler in Siebenbürgen sind kein besonderer magyar. Volkszweig, sondern die Nachkommen der von den ungar. Königen in das nordöstliche Siebenbürgen angesiedelten Grenzhüter. Die magyarische Sprache gehört zu den turanischen oder agglutinierenden (anleimenden) Sprachen und zwar hier zur finn.⸗ugrischen Gruppe; doch 1—— sie der Sprache der eigentlichen Ugren (Wogulen, Ostjaken, Syrjänen oder Permier) am nächsten. Aus dieser sprachlichen Verwandtschaft haben ungar. Sprachforscher und Ethnographen auch auf die genetische Abstammung, Verwandtschaft und Herkunft des magyar. Volks Folgerungen und Schlüsse gemacht. Die M. gehören (nach P. Hunfalvy) zu dem finn.⸗ugrischen Völker⸗ und Sprachenstamme, sie haben ihre erste Bildungsperiode in der Gemeinschaft mit Finnen und Ugren verlebt. Damals standen sie kulturell auf der Stufe von Jagd- und Fischervölkern. Ihre Urheimat lag entfernt vom Nordmeere, im S. der übrigen Ugrier, deren ursprüngliches Gebiet zu beiden Seiten des Ural von den Petschora, Zama und der mittlern Wolga im W. bis zum Ob, dem untern Irtisch und obern Jaik im O., etwa vom 56 bis zum 67 nördl. Br. sich erstreckte. In diesem Jugorien, Juharia oder Ogorland (woher auch der slaw., deutsche etc. Name Ugero, aUgreno, Ungern, Ungarn stammt) hatten die M. ihre Sitze am südl. und südöstl. Grenzpunkte des ugrischen Völkergebiets in unmittelbarer Nachharschaft türk. Völkerschaften, deren Einfluß auf die M. ebenfalls aus deren Sprache ersichtlich und nachweisbar ist. Einen andern Standpunkt vertritt Vämbery in seinem Werke: „Der Ursprung der M.v (Lpz. 1882). Nach ihm sind die M. ein türk. Volksstamm, der an den nördl. und nordöstl. Marken des turko-tatar. Völkerelements sich aufhielt und tiefgehende Spuren des ugrischen Verkehrs aufweist. Aus welchen Gründen die M. ihre uralische Heimat verließen, ist nicht bekannt. An der untern Donau erscheinen sie um 836 n. Chr.; 862 beunruhigten bis dahin unbekannte magyar. Reiter zum ersten mal die Grenzen des Ostfränkischen Reichs. Die Niederlassung der M. in ihrem heutigen Vaterlande fällt in die Jahre 895—897. Seit 898 kann man die M. als im alten Pannonien dauernd angesiedelt betrachten. Die Einwanderung geschah wahrscheinlich entlang des Donaustroms und nicht über das karpatische Waldgebirge, wie dies eine spätere fabelreiche Geschichtsquelle aus dem 13. Jahrh. berichtet. (S. Ungarn.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 346Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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