FeedMelusine
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Melusine, eine schöne Meerfee, welche die Dichtung Raimondin, einem Sohne des Grafen von Forét, zur Gattin, dem Geschlecht Lusignan zur Stammmutter gibt. Einst überraschte sie ihr Gemahl in Fischgestalt, die sie an gewissen Tagen annehmen mußte, und sie verschwand mit lautem Schrei. So oft seitdem dem Königreich oder ihren Nachkommen, den Grafen von Lusignan, Unglück bevorstand, wurde sie drei Tage vorher auf dem Turme des Schlosses von Lusignan in Poitou, das von ihrem Gemahl erbaut und ihr zu Ehren benannt worden sei (Lusineem, Anagramm von Melusine), in Trauer gesehen, schmerzliches Wehegeschrei ausstoßend. Als der Turm 1574 abgebrochen wurde, verschwand sie auf immer. Zuerst schrieb über M. (1387) Jean d'Arras, dessen latein. Werk, in franz. Prosa übertragen (gedr. 1478), zum Volksbuch wurde. Das deutsche Volksbuch verfaßte nach dem Französischen (1456) Thüring von Ringoltingen aus Bern (gedruckt zuerst in Augsburg 1474); es wurde auch in das von Feierabend (Frankf. 1587) herausgegebene «Buch der Liebe v aufgenommen. Vgl. Graesse, 4Sagenkreise des Mittelalterso (Dresd. 1842). Von den aus Frankreich stammenden deutschen Volksbüchern war das von der schönen M., wie die große Zahl von alten Drucken beweist, eins der beliebtesten; noch in neuester Zeit hat der Stoff seine Anziehungskraft auf Dichter und Künstler (wie Moritz von Schwind, der ihn in einer Reihe zusammenhängender Aquarellbilder darstellte) nicht verloren und wurde vielfach poetisch behandelt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 607Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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