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GeschichteBrockhaus 1882

Merovinger oder Merowinger nennt man das Geschlecht der fränk. Könige, die das Frankenreich in Gallien begründeten, einen Teil der deutschen Stämme damit vereinigten und den Grund zu der spätern Gestaltung deutschen und franz. Gebietes gelegt haben. Merwig oder Meroväus wird als einer der Könige genannt, der um die Mitte des 5. Jahrh. regiert und dem Geschlecht den Namen gegeben habe; historisch sicher ist Childerich (gest. 481), dem seine Gemahlin Basina, eine thüring. Fürstin, den Chlodwig gebar. Chlodwig (gest. 511) vernichtete den Rest röm. Herrschaft in Gallien (486), bezwang die Alamannen, erlangte in Gallien das Übergewicht über die Burgunder und Westgoten, nahm 496 das orthodoxe Christentum an und trat dadurch in das folgenreiche Verhältnis zur röm. Kirche, aus dem später die Herstellung eines german.⸗röm. Kaisertums erwuchs. Die übrigen Frankenkönige beseitigte er mit List und Gewalt. Er teilte das Reich unter seine Söhne Theodorich I. (gest. 534), der den östl. Teil (Austrasien), Chlodomer (gest. 524), der die südl. Striche mit Orléans, Childebert J. (gest. 558), der den mittlern Teil mit Paris, und Chlotar, der den nordöstl. Teil bis zur austrasischen Grenze mit der Hauptstadt Soissons erhielt. Theodorichs Stamm starb bereits mit seinem Enkel Theodebald (gest. 553), dem Sohne Theodeberts I. (gest. 547), aus. Die Nachkommenschaft Chlodomers ward von den Oheimen Childebert und Chlotar ermordet, sodaß, da Childebert ohne männliche Erben starb, Chlotar (558) das ganze Frankenreich wieder vereinigte und von ihm die Reihe der folgenden Könige abstammt. Nach seinem Tode (561) wurde das Reich abermals geteilt. Sein Sohn Charibert (gest. 567) erhielt den Anteil mit Paris, Guntram (gest. 592) regierte zu Orléans und in dem seitdem eroberten Burgund, Siegbert (gest. 575) in Austrasien, Chilperich (gest. 584) in Soissons. Der Haß zweier Frauen, der Brunehilde, einer westgot. Königstochter, die Siegberts Gemahlin war, und der Fredegunde, die Chilperichs Geliebte war und nach der Ermordung der westgot. Galswintha, der Schwester Brunehildes, seine Gemahlin wurde, war Ursache, daß in dem ohnehin schon wilden und zügellosen Geschlechte Verbrechen auf Verbrechen sich häuften. Siegbert war während eines Kriegs mit seinem Bruder Chilperich von gedungenen Mördern der Fredegunde getötet. Brunehilde, in Chilperichs Gewalt geraten, verführte dessen Sohn Merwig, entzweite ihn mit dem Vater und floh dann zu ihrem Sohne Childebert II. nach Austrasien, der bei des Vaters Tode erst fünf Jahre alt gewesen war. Childebert erlangte dann auch durch Gunst seines Oheims Guntram, der von den Greueln der Brüder rein blieb, dessen Reich, und als er starb (595), fiel der austrasische Anteil an seinen ältern Sohn Theodebert II. (gest. 612) und der burgundische an Theodorich II. (gest. 613). über die beiden Enkel suchte nun Brunehilde die Herrschaft zu führen, aber von den Austrasiern vertrieben, fand sie in Burgund Aufnahme, besiegte die Austrasier und zog gegen die Neustrier zu Felde. Da vereinigten sich die fränk. Großen (613) und brachten sie, um den Bürgerkrieg zu beendigen, in die Gewalt Chlotars II. (geb. 584), des Sohnes von Chilperich und Fredegunde, der blutige Rache an der Feindin seines Hauses nahm und das ganze Fränkische Reich wieder in eine Hand vereinigte. Aber bereits erhob sich aus den Reihen der Aristokratie eine neue Macht, die der Majores domus (s. d.), welche allmählich das merovingische Königtum verschlang. Nach Chlotars II. Tode (629) teilten Da gobert (gest. 639) und Charibert (gest. 631), dem Chilperich folgte, das väterliche Reich. Dem Dagobert standen die Ahnherren der künftigen Könige (s. Karolinger), Pipin von Landen und Bischof Arnulf von Metz, als Majores domus zur Seite. Zwar war es noch zu früh, als Pipins Sohn Grimoald (656) versuchte, den jungen König Dagobert II. zu beseitigen und seinen eigenen Sohn zum Frankenkönige zu machen; aber der geistige und physische Verfall des Hauses nahm mit reißender Schnelligkeit zu. Der folgende Kampf entspann sich schon nicht mehr zwischen den Königen, sondern zwischen deren Majores domus und den verschiedenen Parteien, die hinter diesen standen. Aus diesen Kämpfen, in welchen Dagoberts Nachkommen Chlodwig II. (gest. 657, Chlotar III. (gest. 673), Childerich II. (gest. 675) die träge Rolle von Schattenkönigen spielen («rois fainéantso bei den franz. Geschichtschreibern), erhebt sich nach dem Siege bei Testri (687) der Karolinger Pipin von Heristall als alleiniger Major domus und vererbt diese Würde, die thatsächlich das Königtum erfaßt, auf seine Nachkommen Karl Martell und Pipin den Jüngern. Als auf Dagobert III. (gest. 715) dessen Sohn Chilperich II. (gest. 720) und dessen Sohn Theoderich IV. gefolgt und 737 gestorben war, blieb der Thron unbesetzt, bis die Söhne Karl Martells einen merovingischen Mönch Daniel aus dem Kloster holten und 743 als Childerich III. auf den Thron setzten; doch wurde dieser 752 von Pipin im Einverständnis mit Papst Zacharias wieder in ein Kloster gebracht. Damit ging das Haus der M. zu Ende. (S. Franken.) Für die frühere Zeit der M. ist Gregor von Tours (s. d.), für die spätere der sog. Fredegar (s. d.) mit seinen Fortsetzungen die wichtigste Quelle. Vgl. auch A. Thierry, «Récits mérovingiens v (Par. 1839 u. öfter)); Montenon, „La dynaàstie mérovingiennes (Par. 1863); Huguenin, Hlistoire du royaume Mérovingien d'Austrasicn (Par. 1872); Bornhak, (Geschichte der Franken unter den M.y (Greifsw. 1863); Richter, Annalen des Fränkischen Reichs im Zeitalter der M.» (Halle 1873); Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeito (Hannov. 1874); «Scriptores rerum Merovingicarumo (Bd. 1, Hannov. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 640Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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