FeedMesopotamien
ErdkundeBrockhaus 1882

Mesopotamien (grch., d. i. Zwischenstromland) hieß bei den spätern Griechen das Land, welches in einer Längenerstreckung von 1120 km (von Telek im N. bis Kornah im S.) zwischen den Strömen Euphrat und Tigris sich ausbreitet und im N. vom armen. Berglande begrenzt wird. Das hebr. Sinear (Sennaar) scheint denselben Begriff auszudrücken; in der Bibel heißt das Land Aram-Naharaim (d. i. Zweistrom-Syrien), bei den Arabern El-Dschesireh (d. i. Insel). Da Ströme keine Länder⸗ und Völkergrenzen bilden, so ist auch M. stets nur ein geogr., nie ein ethnogr. und nur unter der röm. Verwaltung als Name einer röm. Provinz polit. Name gewesen. Der nördl. Teil M.s hatte im Altertum keinen andern Namen, er begriff die Landschaften Osroöna und Mygdonien; der südliche dagegen wurde Babylonien und Chaldäa genannt. Seit 538 v. Chr. haben nie einheimische Fürsten über M. geherrscht; es war nacheinander persisch, macedonisch, syrisch, parthisch, römisch und wiederum persisch bis zur Kalifenzeit. Nach dem Sturze der Kalifen 1258 ein Raub der Mongolen, kam es abermals an Persien, wurde aber 1648 der Türkei unterthan. M. bildet jetzt die Vilajets Diarbekr, Bagdad und Bassora. Nur der nördlichste Teil von M. ist gebirgig; das übrige ist eine nach Süden sich abdachende Ebene, deren Niveau sich bei ihrem nördl. Auslaufe auf 500 m erhebt. Solange Kunst die reiche Wassermenge des Südens regelt, ist das Land einer hohen Kultur fähig. Unter pers. Herrschaft war das südliche M. das reichste Land des Reichs, und es blieb bis zu dem Ende der Kalifenzeit durch ein künstliches Bewässerungssystem auf einem hohen Grade der Kultur. Arab. Schriftsteller durften noch die Strecke zwischen Bagdad und Babylon mit einem Garten vergleichen; heute ist sie eine Wüstenei, den Saum, der die beiden Ströme begrenzt, ausgenommen. Das Klima ist im N. ziemlich gemäßigt, im Süden herrscht während acht Monaten ein wolkenloser Himmel und eine tropische Hitze. Die Hauptprodukte des Landes sind dieselben, die Vorderasien hervorbringt; die Hauptvegetation des Südens bildet die Dattelyalme, im Norden gibt es ausgedehnte baumlose Strecken. Eine besondere Erwähnung verdienen heute, wie im Altertum, die Naphthaquellen und Galläpfel. Nur wenige Flüsse geben den Nomadenvölkern des Nordens Wasser; die bedeutendsten sind der Balikh (Belias), der sich unterhalb Rakka (Nicephorium), und der Chabur (Aborras, Chaboras), der sich bei Circesium in den Cuphrat ergießt. Das Innere wird von arab. Beduinen bewohnt, im Norden hausen die Tai und die Schammar, im Süden die Montefiks, und zuweilen dehnen die Anezeh ihre Raubzüge bis hierhin aus. Außerdem wohnen im Norden Turkomanen, Syrer, Jezidis und Kurden. Die Hauptsprache des Nordens ist türkisch, südlich von Mardin wird meist arabisch gesprochen. Die bedeutendsten Städte sind im Norden Diarbekr oder Amid (Amid der Assyrer, Amida der Römer), Orfa oder Edessa (. d.), Mardin, Nisibin (Nisibis der Alten), einst die Metropole des christlichen M., jetzt kaum noch ein elendes Dorf, Harran (Karrhä der Alten), Sitz einer religiösen Sekte, der Harranier, Djezirathibn-Omar (Bezabde), Mossul (dem alten Ninive gegenüber). Außerdem nennen die Alten Hatra (El-Hader, große Ruinen), Circesium (ietzt Kerkisieh oder Abu Serai) u. s. w. Von den Städten Südmesopotamiens (s. Chaldäa und Babylonien) war Babylon die bedeutendste.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 646Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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