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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Minerva, eine italische, bei den Sabinern und Lateinern heimische und dann, wie es scheint, von den Etruskern übernommene Gottheit, welche besonders in Rom hohe Verehrung genoß. Sie ist ihrem Grundbegriff nach eine Göttin des Verstandes und der Klugheit, der Erinnerung und des Gedächtnisses. Im übrigen floß sie so früh mit der griech. Athena zusammen, daß man schwer sagen kann, was der italischen M. ursprünglich eigentümlich war. Ihr Hauptfest in Rom wurde an den Quinquatrus, zuerst am 19. März, später, wo man Quinquatrus irrig als das fünftägige Fest deutete, vom 19. bis 23. namentlich von Künstlern und Handwerkern gefeiert. Die griech. Athena (Athene in epischer Poesie, Athana dorisch), häufig auch Pallas Athene genannt, ist ihrer ursprünglichen Naturbedeutung nach eine Göttin, die im Blitze die Gewitterwolken spaltet, sodaß hernach wieder der Himmel in hellem Lichte strahlt. Doch tritt bei ihr die Naturbedeutung noch mehr als bei den meisten andern griech. Gottheiten hinter den ethischen zurück. Aus der Siegerin im Gewittersturm wird einerseits eine Göttin, die den Menschen den Sieg verleiht, Athene Nike oder Nikephoros, andererseits eine Göttin der hellen, klaren Einsicht, der Weisheit im kriegerischen und friedlichen Sinne, der alles Dunkle, Unreine fremd ist. So wurde sie als reine Jungfrau (Athena Parthenos), als Athena Ergane (Arbeiterin) und Athena Promachos (Vorkämpferin), ja sogar als Athena Pronoia (Vorsehung) verehrt. Nach einer von Dichtern und Künstlern vielbehandelten, am schönsten und großartigsten von Phidias im Giebel des Parthenon dargestellten Sage gebar Zeus, nachdem er seine erste Gemahlin, die Metis, verschlungen hatte, aus seinem Haupte, das er durch Hephästos (oder Prometheus) mit dem Beile spalten ließ, die Athena, die sogleich als erwachsene Jungfrau in voller Waffenrüstung hervorsprang und von den andern Göttern mit Freuden begrüßt wurde. Nach einer andern Sage, die sich fast nur in dem Beinamen der Göttin, Tritogeneia, erhalten hat, ist sie aus dem Wasser, aus dem See oder Bache Triton geboren, den die einen nach Libyen, andere in andere Landschaften versetzen. Als kriegerische Göttin nimmt sie hervorragenden Anteil an dem Kampfe der Götter gegen die Giganten und steht dem Herakles in allen seinen Kämpfen bei; in ähnlicher Weise beschützt sie auch andere Heroen, namentlich solche, die Klugheit und List mit Kühnheit und Tapferkeit verbinden, wie den Odysseus. Im Trojanischen Kriege steht sie nach der Darstellung der Ilias entschieden auf der Seite der Griechen gegen die Trojaner; doch rächt sie nach der Eroberung Trojas an dem griech. Heere schwer den Frevel des Aias, Sohnes des Oileus, welcher der am Altar und Bilde der Göttin Schutz suchenden Kassandra Gewalt angethan hatte. Als strenge Wächterin ihrer Jungfräulichkeit straft sie den Tiresias, der sie nackt im Bade gesehen hat, durch Blendung: den Hephästos, der sie zur Gattin begehrt und sich gewaltsam ihrer bemächtigen will, weist sie heftig zurück; doch nimmt sie sich des Erichthonios an, als er aus der von Hephästos befruchteten Erde geboren war, und übergibt ihn, in einer Kiste verborgen, in ihrem Tempel auf der athenischen Burg hur Pflege den Töchtern des Königs Kekrops, Aglauros, Herse und Pandrosos. Aber diese (alle oder die beiden erstern) öffnen wider das Gebot der Göttin die Kiste und stürzen sich, als sie den von einer Schlange bewachten Knaben erblicken, von Wahnsinn ergriffen von dem Burgfelsen hinab. Verehrt wurde Athena überall, wo Griechen wohnten, ganz besonders aber in Attika. Dieses Land hatte sie einst im Wettstreit mit Poseidon, in dem dieser eine Meerwasserquelle auf der Akropolis hervorrief, sie selbst einen Ilbaum, sich zu eigen gewonnen. Unter den zahlreichen Festen, welche ihr hier im Laufe des Jahres geweiht waren, ist das wichtigste das der Panathenäen, welche alljährlich in der Mitte des Monats August mit Festzug und Opfern, sowie mit gymnastischen und musischen Wettkämpfen, alle vier Jahre aber als Große Panathenäen noch glänzender gefeiert wurden. Auch die künstlerische Darstellung der Göttin hat in Athen ihre höchste Ausbildung erhalten, besonders durch Phidias, der sie namentlich außer in dem kolossalen Erzbilde auf der Akropolis, der sog. Athena Promachos im Parthenon, in einem Kolossalbilde aus Gold und Elfenbein als Nikephoros darstellte, auf dem Haupte den Helm, über der Brust die Agis mit dem Gorgoneion, ein goldenes Bild der Nike (Siegesgöttin) auf der vorgestreckten Rechten, den Schild (unter welchem sich die heilige Schlange emporringelte) und den Speer an die linke Seite gelehnt. (Vgl. Schreiber, Die Athena Parthenos des Phidias und ihre Nachbildungeno, Lpz. 1883.) Wollen die Künstler sie als friedliche Göttin, als Athena Ergane oder als Agoräa (zum Volke Redende) bezeichnen, so werden meist die Attribute des Schildes oder Speers, seltener beide zugleich, weggelassen. Niemals erscheint M. unbekleidet, sondern immer mit langem, bis auf die Füße herabreichendem und den ganzen Körper bedeckendem Gewand, oft auch 9 mit einem Überwurf bekleidet. Die Formen des Körpers zeigen mehr Kraft als weibliche Fülle; der Ausdruck des Gesichts ist der ruhigen Ernstes und klarer Verständigkeit, mehr streng und würdevoll als anmutig. Phidias hatte ihr noch ein mehr rundliches, volleres Gesicht gegeben, und unter seinem Einfluß ist auch noch später dieser Typus oft nachgebildet worden. Daneben aber kam ein anderer Typus auf mit einem länglichen, schmalen, scharfgeschnittenen Gesicht, wie es namentlich eine schöne Statue im Louvre (s. Tafel: Bildnerei IV, Fig. 5) und eine Büste in der Glyptothek in München zeigen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 746Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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