FeedMurner (Thomas)
ReligionBrockhaus 1882

Murner (Thomas), deutscher Satiriker, geb. 24. Dez. 1475 zu Oberehenheim bei Straßburg, besuchte das Barfüßerkloster zu Straßburg, trat dann in den Franziskanerorden und studierte in Paris, Freiburg, Köln, Rostock, Prag, Wien und Krakau, an welchem letztern Orte er die Würde eines Baccalaureus der Theologie erlangte. Als Wimpfeling in seiner „Germania (Straßb. 1501) dem straßburgischen Rate einen Plan zur Gründung einer humanistischen, von den Klosterschulen unabhängigen höhern Lehranstalt vorgelegt hatte, trat M. dagegen in einer groben, 4Germania Nova (Straßb. 1502; mit Wimpfelings Schrift neu herausg., Straßb. 1874) betitelten Schmähschrift auf. Wie es scheint, mußte M. infolge dieses Vorfalls Straßburg verlassen und führte nun eine Reihe von Jahren ein unstetes Leben. Endlich fand M. eine Zuflucht zu Basel, wo er jurist. Vorlesungen hielt und mit der Veröffentlichung seiner deutschen Satiren die zweite Periode seiner schriftstellerischen Thätigkeit begann. Es erschienen die Narrenbeschwörung » (Straßb. 1512; Elberf. 1518; umgearbeitet von G. Wikram, Straßb. 1556 u. öfter), eine Nachahmung von Sebastian Brants «Narrenschiff o; Der Schelmen Zunfto (Frankf. 1512 u. öfter; herausg. von Waldau, Halle 1688; lateinisch bearbeitet von J. Flitner unter dem Titel Nebulo nebulonumo), die als Fortsetzung der «Narrenbeschwörung gelten darf; «Die geistliche Badenfahrt» (Straßb. 1514), in welcher die christl. Besserung mit einem Bade verglichen wird; Die Mühle von Schwindelsheim »(Straßb. 1515), gegen verschiedene Fehler und Thorheiten gerichtet; und die „(Gäuchmatte», d. i. Narrenwiese (Basel 1519), gegen die Liebebethörten. Alle diese Satiren stehen an Form und sittlicher Reinheit unter Brants Narrenschiffe, aber sie sind bei weitem lebendiger, greifen frisch ins Leben hinein und enthalten bei aller Derbheit und Roheit einen Reichtum des schärfsten und treffendsten Witzes. Dazwischen fallen nur wenige Werke wissenschaftlichen Charakters, eine übersetzung Virgils (Straßb. 1515), eine mnemotechnische Anweisung zum Einprägen der Institutionen (Straßb. 1518) und eine übersetzung der Institutionen selbst (Basel w1519). Daß M. der Verfasser, jedenfalls der Ordner und erste Herausgeber des zuerst 1519 zu Straßburg erschienenen Volksbuchs «Eulenspiegelo ist, hat Lappenberg in seiner Ausgabe (Lpz. 1854) bewiesen. Seit 1519 lebte und lehrte M. wiederum zu Straßburg in seinem Kloster und verfaßte in der damit anhebenden dritten Periode seiner schriftstellerischen Laufbahn nur Schriften theol. Inhalts, die fast alle zugleich gegen die Reformation und die Reformatoren ankämpften. Darunter seine vorzüglichste Satire, welche zugleich wohl überhaupt die beste unter allen gegen die Reformation gerichteten ist: „Von dem großen Lutherischen Narren, wie ihn Doktor M. beschworen hat» (Straßb. 1522; herausg. von H. Kurz, Zür. 1848). Im J. 1523 ging M. zufolge einer Einladung Heinrichs VIII. auf kurze Zeit nach England, geriet aber nach seiner Rückkehr wieder in neue Händel, infolge deren er Straßburg verlassen mußte. Er fand Aufnahme in Luzern, ward im Franziskanerkloster untergebracht und erhielt eine Pfarrstelle und Professur. Als aber wegen seiner Schmähschriften «Die Gots heyl. Meß, wider die fünffte Schlußred zu Bern disputiert in der Eidtgenossenschaffty (Luzern 1528) und „Der Luterischen Evangelischen Kirchendieb und Ketzerkalendero, Zürich und Bern von Luzern (1529) Genugthuung verlangten, mußte M. auch von hier fliehen. Seine letzten Lebensschicksale liegen im Dunkeln; um 1536 soll er in Heidelberg gestorben sein. M.s Schriften, die fast alle äußerst selten und für die Sprache wie für die Zeitgeschichte höchst wichtig sind, sind noch ungenügend durchforscht. Die Abdrücke mehrerer derselben in verschiedenen Bänden von Scheibles «Kloster v sind größtenteils unbrauchbar. Vgl. Waldau, Nachrichten von Th. M.s Leben und Schrifteno (Nürnb. 1775); Lessing (Hempels Ausg., XII, 715 fg.); Strobel, „Beiträge zur deutschen Litteraturo (Par. 1827); Jung, «Beiträge zu der Geschichte der Reformationo (Straßb. u. Lpz. 1830); Spach, 4«Sé= bastien Brant et Thomas MW.v (in seinen Oeuvres choisies, Bd. 2, Straßb. 1866).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 953Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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