FeedSaint-Quentin
VerkehrBrockhaus 1882

Saint-Quentin, Hauptstadt eines Arrondissements im franz. Depart. Aisne, auf einer 104 m hohen Anhöhe an dem Kanal gleichen Namens, welcher von der Oise zur Schelde führt, an der Somme und der Nordbahn gelegen, ist gut gebaut und hat ein got. Rathaus mit merkwürdigen Ornamenten, eine schöne Kathedrale, mehrere andere Kirchen und Hospitäler, ein Lyceum, Gesellschaften für Kunst und Wissenschaft, für Ackerbau u. s. w., ein Museum, eine öffentliche Bibliothek mit 15000 Bänden und ein Theater. Die Stadt ist Sitz einer Unterpräfektur, eines Tribunals erster Instanz, eines Friedensgerichts, einer Handels-⸗ und einer Ackerbaukammer, einer Bankfiliale und zählt (1881) 45 697 E. Bemerkenswert ist die got. Kollegiatkirche, eine der schönsten in Seh er und das Stadthaus aus dem 14. Jahrh. Der Ort bildet den Mittelpunkt eines Manufakturdistrikts, der 130000 Arbeiter in 800 Werkstätten beschäftigt und jährlich für 80 — 90 Mill. Frs. Waren liefert. Bedeutend sind namentlich Baumwoll- und Wollspinnerei. Die Baumwollweberei liefert Kalikos, Perkals, Piqués, Jaconas, Crétonnes, Croisés, berühmte Musseline u. s. w. Auch wollene und seidene Shalws sowie Hand- und Maschinenstickereien werden gefertigt. Nächst dieser Textilindustrie nehmen die Bleichen, die Appreturanstalten, der Maschinenbau und die Zuckerfabrikation die wichtigste Stelle ein. Lebhaft ist der Handel mit Manufalturen, Flachs, Getreide, Obst und Obstwein. das röm. Augusta Veromanduorum, meist Sitz eines Bischofs, wurde am Ende des 8. Jahrh. Hauptort der Grafschaft Vermandois in der Picardie, fiel 1215 an die Krone Frankreich und ward mit seinen Festungswerken einer der wichtigsten Grenzplätze. Geschichtlich merkwürdig ist es auch durch die große Schlacht, welche hier die Franzosen (unter dem Connétable Montmorency) während der Regierung Heinrichs II. 10. Aug. 1557 gegen die Spanier (unter dem Herzog Emanuel Philibert von Savoyen) verloren, worauf der Platz 27. Aug. mit Sturm genommen wurde. Vgl. Lecocq, XHistoire de la ville de S.5 (Par. 1875). Während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 und 1871 spielte S. mehrfach, namentlich aber im Jan. 1871 eine hervorragende Rolle. Am 17. Jan. besetzte die franz. Nordarmee die Stadt, am 18. fand ein Zusammenstoß der Vortruppen und am 19. die entscheidende Schlacht bei Saint— Quentin statt, in welcher der Armee des Generals Faidherbe (franz. 22. und 23. Korps) deutscherseits unter General von Goeben das 8. und Teile des 1. Korps und der 3. Kavalleriedivision, sowie die sächs. Kavalleriedivision, das sächs. Jägerbataillon Nr. 12 und die sächs. 2. reitende Batterie gegenüber kämpften. Die Schlacht drehte sich wesentlich um den Besitz der Dörfer Javy, Grugis, Neuville, St.⸗Amand und Gauchy, welche von den aeirount besetzt, jedoch durch den Kanal de Crozal getrennt waren. Nach mehrstündigem Kampfe wurden die Dörfer von den Deutschen genommen, beide Flügel Faidherbes umgangen und dadurch die ganze franz. Linie zurückgedrängt. Ein um 2 Uhr nachmittags vom 22. Korps und der Reserveartillerie unternommener Vorstoß wurde abgeschlagen, und um 4 Uhr befanden sich die franz. Truppen überall auf dem Rückzuge, der um 7 Uhr abends in eiligste Flucht auf Cambrai und Guise ausartete. Noch am Abend des 19. Jan. wurde der Bahnhof von S. gestürmt und die Stadt von deutschen Truppen besetzt. Die Folge des Siegs vor S. war die völlige Auflösung der franz. Nordarmee.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 124Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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