Saint-Simon (Claude Henri, Graf), Gründer der ersten Sozialistenschule, ein Seitenverwandter des vorigen, geb. zu Paris 17. Okt. 1760, erhielt durch d'Alemberts Unterricht frühzeitig eine philos. Richtung. Im Alter von 19 J. ging er mit Bouillé nach Nordamerika, wo er unter Washington focht. Seine Neigung, ungeheuere Projekte zu machen, bekundete er schon damals, indem er dem Vizekönig von Mexiko einen Plan zu einem Kanal zwischen dem mexik. Busen und dem Stillen Ocean vorlegte. Nach seiner Rückkehr nach Europa befaßte er sich ebenfalls mit allerlei weitaussehenden Plänen, die aber nirgendwo Anklang fanden. Bessern Erfolg hatten die Spekulationen in Nationalgütern, die er in den Jahren 1790—98 in Gemeinschaft mit einem Grafen Redern unternahm. Er zog sich daraus mit einem Gewinnteil von 144000 Frs. zurück, brachte diese Summe aber in ahresfrist durch und sah sich dann genötigt eine kleine Stelle am städtischen Leihhause mit einem Jabe edoch von 1000 Frs. anzunehmen. Er gab dieselbe jedoch bald wieder auf, da einer seiner frühern Diener, Diard, der ein wohlhabender Mann geworden, es übernahm, ihm freien Unterhalt zu gewähren. S. trug sich um diese Zeit hauptsächlich mit phantastischen und unklaren Ideen über eine Erneuerung der Wissenschaften herum, berührte dabei aber auch schon das soziale Gebiet. Seine ersten Schriften: „Lettres d'un habitant de Genève à ses contemporainso (Genf 1803) und UIntroduction aux travaux scientifiques du 19° siècles (2 Bde., Par.), die er abgekürzt auch unter dem Titel Lettres au Bureau des longitudeso (1808) herausgab, blieben ganz unbeachtet. Erst die Réorganisation de la société européennen (Par. 1814), in der er entschieden das Interesse der industriellen Klasse hervorhob, machte einiges Aufsehen. Nach Diards Tode geriet er in Elend und lebte fortan nur von den Unterstützungen seiner Freunde. Gleichwohl hörte er nicht auf, mit großen Opfern Broschüren und anin che Werke drucken zu lassen. Als der Kampf der Stände heftiger wurde, erklärte S. in einer Parabole politiques, dem ersten Hefte des größern Werks XL'organisatèurv (1820), daß Frankreich mit dem Untergange von 10000 Arbeitern mehr verliere als mit dem Tode ebenso vieler Beamten und sämtlicher Glieder des königl. Hauses. Die kecke Außerung zog ihm eine Anklage zu, von der er aber durch die Jury freigesprochen wurde. In den J. 1821 und 1822 veröffentlichte er ein Système industrielo (3 Bde.) dessen Tendenz sich in dem Motto aussprach: „Ich schreibe für die Industriellen gegen die Höflinge und Adeligen, d. h. ich schreibe für die Bienen gegen die Hummeln.5 Viele junge, zum Teil sehr fähige Männer, wie Thierry, Comte, Leon Halévy, Rodrigues, scharten sich um ihn als Schüler. Dennoch verkannte S. nicht die Erfolglosigkeit seiner Anstrengungen, und dies sowie der physische Mangel und die Last des Alters brachen seine Kräfte, sodaß er 1823 zu einem Selbstmordversuch gebracht wurde, bei dem er ein Auge verlor. Es erschien dann noch von ihm der »Catéchisme des industrielso (4 Hefte, Par. 1823 —24) und als sein letztes Werk die kleine Schrift: (Nouveau christianisme (Par. 18²⁵), dessen Grundidee die ist, daß die sociale Reform auf Grund des Prinzips der Bruderliebe mittels einer religiös hierarchischen Organisation der Welt auszuführen sei, und daß es Zweck der Religion sei, die Gesellschaft möglichst rasch zur Verbeserung der Lage der ärmsten und zahlreichsten Klasse zu führen. S. starb in Paris am 19. Mai 1825. Es zeigt sich in ihm eine merkwürdige Mischung von Phantastik, überspanntheit und genialen Gedankenblitzen, wie sie sich namentlich in seinen geschichtsphilosophischen Auffassungen finden. Einen eigentlichen socialen Reformplan Iih er nicht aufgestellt, aber die bestehenden gese schaftlichen Ubel und die Notwendigkeit, dieselben zu beseitigen oder mildern, richtig erkannt. Für die Ausschreitungen seiner Schule (s. Saint-Simonismus) kann er nicht verantwortlich gemacht werden. Von seinen vielen Schriften sind noch zu erwähnen: Des Bourbons et des Stuartso (Par. 1822) und 4Opinions littéraires, philosophiques et industrielleso (Par. 1825). Eine Gesamtausgabe der &Oeuvreso des Meisters begann Rodrigues (Par. 1832 fg.); die wichtigern Schriften sind auch in «Oeuvres choisieso (3 Bde., Brüss. 1859) enthalten. Eine neue Ausgabe wurde auf Grund des Testaments von Enfantin unternommen (4Oeuyres de S. 7 Bde., Par. 1868—69). Vgl. Hubbard, «S., sa vie et ses travauxo (Par. 1857).