FeedSchäferpoesie
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Schäferpoesie (Schäferroman, Schäferspiel), eine bestimmte Art der Idylle, welche ihre Helden in der Schäfer-oder Hirtenwelt sucht. Wenn die ältesten Vorbilder dafür schon im Alten Testament und in der Odyssee gefunden werden können, so gehört die Ausbildung als besondere Gattung doch erst salchen Zeiten an, deren sittliche und gesellschaftliche Verderbnis und Überbildung sich nach einfachern Sitten und Zuständen, ja womöglich —I erträumten Herrlichkeit des ursprünglichen aturzustandes zurücksehnte. Theokrits Idyllen, welchen Bion und Moschus glücklich nacheiferten, gehören der alexandrinischen Zeit an; Virgils CEklogen dem Zeitalter des Augustus. Der erste eigentliche Schäferroman ist Daphnis und Chlossvon Longus. Auch bei den Troubadours finden sich einzelne Anklänge der Schäferdichtung. Dagegen wurde diese Dichtung zur höchsten Kunst und reichsten Entfaltung bei den Italienern erhoben. Der Anfang liegt in Boccaccios Idylle Ametoy; darauf folgte 660 das Ende des 15. Jahrh. des Neapolitaners Sannazaro Arcadiad. Tassos „Aminta (1572) und Guarinis WPastor fido (1590) führten diese Motive mit Glück in das Drama ein. Aus Italien verpflanzte sich diese Dichtart nach Spanien und wurde hier eine Zeit lang von den vorzüglichsten Dichtern mit Vorliebe behandelt. Jorge de Montemayors Dianay, um die Mitte des 16. Jahrh. in span. Sprache geschrieben, ist der älteste regelmäßige Schäferroman. Cervantes gab in seiner Galatéad eine seiner lieblichsten Dichtungen. Nach Frankreich hatte Nicolas de Montreux den Schäferroman mit seinen Bergeries de Juliettes gebracht. Hier aber, wo bereits alles höfischer Ausschließlichkeit zueilte, ging der Schäferroman sogleich in den galanten Hofroman über. Der Gründer dieses neuen Zweigs ist der berühmte Roman Honoré d'Urfés von der Liebe zwischen Asträa und Seladon, dessen erster Teil 1609 erschien. Unter dem durchsichtigen Gewande Ansoiel Schäfer und Schäferinnen gibt der Roman Inspielungen auf die nächsten Hofereignisse. Daher entwickelte sich hier auch sehr bald aus diesem Schäferroman der galante Hofroman des Herrn de la Calpraneède und der Mademoiselle de Scudery. In England wurde der Schäferroman durch Philipp Sidneys Arcadiad (1609) heimisch. In Deutschland ist die Schäferei von der Nymphe Hercyniav von Martin Opitz eine Nachahmung Tassos und Guarinis. Der span. und franz. Schäferroman wurde hier viel in Übersetzungen verbreitet, und Dietrich von Werden und Philipp von Zesen versuchten Nachahmungen; doch gewann bald die Nachahmung des franz. Hofromans die Oberhand. Einen neuen Aufschwung gewann die Schäferdichtung im Zeitalter des Rokoko namentlich auch im Lustspiel und Singspiel. Die Nachwirkungen sind bis auf Goethes Lustspiele und Singspiele zu verfolgen. Aus diesem Zeitgeschmack ist der Beifall zu erklären, welchen Geßners süßliche Idyllendichtung überall fand. Es gehört zu der mächtigen Einwirkung Rousseaus und der deutschen Sturm⸗ und Drangperiode, daß allmählich diese Art von Dichtung in die ihr gebührenden Grenzen zurückgedrängt wurde.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 290Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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