Epos, Epische Poesie. Die epische Poesie ist wesentlich erzählender Natur; sie stellt den Gegenstand, welchen sie behandelt, als vergangen und abgeschlossen dar. In weiterm Umfange begreift dieselbe als Unterarten auch die Ballade (s. d.) und Romanze (s. d.), ferner das Idyll (s. d.) und die Tierfabel, ja selbst den Roman, die Novelle und jede Erzählung in prosaischer Form. Die Hauptgattung ist das eigentliche E., die Epopöe, das Heldengedicht. Wenn man bei der Plastik sogleich an die griech. Plastik als an die höchste Entfaltung der Kunstgesetze denkt, so denkt man in der Betrachtung der epischen Dichtungsart zunächst an Homer oder vielmehr an die Ilias und Odyssee, in welchen die epischen Kunstgesetze sich am reinsten und vollständigsten entfaltet haben. In der That sind es auch vornehmlich die Untersuchungen über Ursprung und Wesen der Homerischen Dichtungen gewesen, an welchen unsere heutige Einsicht in Ursprung, Wesen und Gesetz des E. sich gebildet und erweitert hat. Bis gegen das Ende des 18. Jahrh. dachte man sich Homer als einen Dichter wie alle andern Dichter, sein Gedicht erfindend und schaffend, wie noch heute unsere Dichter thun. Einzelne geniale Männer, wie Giambattista Vico, Hedelin, Rob. Wood, wiesen zwar auf die Verwandtschaft Homers mit der Volksdichtung, aber nur in ganz vereinzelten Vermutungen und Ahnungen. Da trat 1795 Friedrich August Wolf (s. d.) mit seiner berühmten Schrift über Homer auf und erwies die Homerische Dichtung als Sammlung und Zusammenfassung der alten griech. Volkslieder und Volkssagen. Auch wenn man nicht, wie Wolf und dessen Anhänger, Homer ganz zur mythischen Person macht, so bleibt dennoch das Ergebnis unumstößlich fest, daß der Dichter der Ilias und der Dichter der Odyssee aus dem frischen Volksliederschatz schöpfte und der Natur der Sache nach seine eigenste Aufgabe nur darin sah, die einzelnen und voneinander unabhängigen Volkslieder zu verbinden und zum in sich einheitlichen und geschlossenen Kunstwerk zu erheben. Bald zeigte sich, daß dieselbe Betrachtungsweise auch für die ind. Epen cRamayanav und «Mahabharatav, für die pers. Dichtung Firdusis und für die Nibelungen des deutschen Mittelalters nicht nur anwendbar, sondern unbedingt notwendig war. Man wußte und erkannte fortan, daß alle diese Epen nur die Zusammenfassung und die letzte dichterische Klärung der naturwüchsigen Volkspoesie seien. Mit Recht nennt man daher diese ursprünglichste und höchste Art der epischen Dichtung Volksepos, Nationalepos oder, wie man auch zu sagen pflegt, Nationalepopöe. Aus der Entstehung des Volksepos ergibt sich mit innerster Notwendigkeit dessen Wesen. Als die dichterische Einheit und Zusammenfassung des Volksliederschatzes, in welchem ein Volk sein gesamtes Sein und Handeln, Denken und Empfinden niedergelegt hat, muß es möglichst alle Seiten der Volkstümlichkeit umfassen, muß es ein dichterisches Gesamtbild der allgemeinen Welt⸗ und Volkslage sein. Ein solches Nationalepos ist um so größer, je universaler es ist. Daher kommt es auch, daß sich in einem und demselben Volke mehrere, voneinander verschiedene Volksepen ausbilden können: die Ilias ist die Zusammenfassung der griech. Kriegssagen, die Odyssee die Zusammenfassung der auf Haus und Familie, auf Wander- und Schifferleben bezüglichen Sagen; neben dem heldenhaften Nibelungenlied steht die zarte Welt der Kudrundichtung. Weil das Volksepos ein solches Totalbild und doch im Gegensatz zu den frühern vereinzelten und unter sich zusammenhangslosen Volksliedern eine feste, geschlossene, künstlerische Einheit sein soll, greift es eins der hervorragendsten Ereignisse aus der Urgeschichte des Volks heraus und gruppiert um diesen festen Mittelpunkt in Vor⸗ und Rückblicken die verwandten und doch ferner liegenden Sagen und Lieder. Daher die stetig wiederkehrende Erscheinung, welche geradezu als Notwendigkeit, d. h. als ästhetisches Gesetz, zu bezeichnen ist, daß der Held des E., im Gegensatz zu dem rasch vorschreitenden, ungestüm handelnden Helden des Dramas, eine mehr leidende, der Obmacht und Verkettung der äußern Umstände nachgebende Natur ist. Daher auch die sog. epische Breite und Behaglichkeit. Die einheitliche Handlung, welche den Mittelpunkt bildet, ist nicht der ausschließliche Zweck, sondern vielmehr nur der Rahmen, der die Nebenhandlungen und Einzelschilderungen, die Episoden, umspannt und zusammenhält. Es ist klar, daß diese höchste Gattung des Volksepos nur im Jugendalter der Volker möglich ist; die Sage muß noch lebendig sein. Nichtsdestoweniger hat es niemals an den mannigfachsten Versuchen gefehlt, auch in spätern Zeitaltern ein E. zu schaffen. Dieses künstliche E., welches das Werk eines einzelnen Dichters ist, nennt man im Unterschied von dem naturwüchsigen Volksepos Kunstepos. Dies ist das Verhältnis Virgils zu Homer, sowie des ritterlich-höfischen E. eines Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg zu den Nibelungen und zu den in ihren ersten Anfängen stehen gebliebenen nordfranz. Gedichten. Die berühmtesten Kunstepen in neuerer Zeit haben Dante, Ariost, Tasso, Camöes, Milton, Klopstock gedichtet. Je prosaischer die Weltzustände werden, um so unmöglicher wird selbst das Kunstepos. Es ist nur möglich, wenn es nach dem Vorgange Ariosts vor der Anwendung der Selbstironie nicht zurückschreckt und also, wie Wielands &Oberono, ein sog. romantisches oder, wie Byrons „Don Juano, ein komisches C. ist. Der rein epische Ton ist jetzt nur noch in den einfachen patriarchalischen Verhältnissen der Idylle (s. d.) durchführbar. An die Stelle des E. ist jetzt der Roman (s. d.) getreten; dieser ist das E. der verständigen, wunderlosen, prosaischen Welt, daher auch der übergang vom Vers und Rhythmus zur Prosa. Vom E. hat der Roman die Aufgabe empfangen, ein möglichst vollständiges Gesamtbild der geschilderten Lebens- und Sittenzustände zu sein. Wird aus diesem Gesamtbild nur eine einzelne Seite hervorgehoben, so ist die Erzählung nicht Gesch Roman, sondern Novelle (s. d.). Für die Geschichte und Ästhetik der epischen Poesie sind besonders die tiefsinnigen Untersuchungen Wolfs, Lachmanns und der Brüder Grimm wichtig. W. von Humboldts Buch über Goethes Hermann und Dorotheao, obgleich eine Theorie des E., ist nur insofern veraltet, als es noch keinen Unterschied zwischen Volksepos und Kunstepos kennt. Trefflich sind die Erörterungen Goethes und Schillers in ihrem Briefwechsel. Vgl. außer den ästhetischen Werken Hegels, Vischers und Carrieres besonders Zimmermann, eüber den Begriff des E.v (Darmst. 1848).