FeedSchauspielkunst
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Schauspielkunst ist die notwendige Ergänzung und Vollendung der dramatischen Dichtung. Die Dichtung schließt sich in die Grenze der innern Vorstellung ein und arbeitet nur für die Phantasie, während der volle Umfang der Kunst und des künstlerischen Genusses verlangt, daß diese Grenze durchbrochen werde, daß die bloß innere Gegenwart und Wirklichkeit in die sinnlich sichtbare und hörbare Vergegenwärtigung und Verwirklichung übergehe, daß das Phantasiebild Körper gewinne durch Aktion und Deklamation. Dies ist das Wesen und die Aufgabe der S., d. h. der Kunst der theatralischen Darstellung. Es ist daher klar, daß die S. nicht bloß reproduktive, sondern produktive Kunst ist. Der echte Schauspieler Gen dem dramatischen Dichter nicht bloß nachzutauchen in das Meer der menschlichen Gesinnungen und Leidenschaften, sondern er bringt auch etwas wesentlich Neues, Erfüllendes, Ausführendes hervor. Das Darstellungsmaterial des Schauspielers ist seine eigene gegebene und zufällige Persönlichkeit. Diese kann er ausbilden, heben, ideal steigern und läutern, aber nicht überwinden, nicht dem Phantasiebilde des frei schaffenden Dichters in allen Stücken und Bedinungen völlig gemäß und entsprechend gestalten. Alle Kunst des Schauspielers besteht daher darin, die Unangemessenheit zwischen dem Darstellungsmaterial (seiner eigenen Persönlichkeit) und dem darzustellenden Ideal (der Gestalt des Dichters) möglichst vergessen zu machen, d. h. die Rolle trotz aller Hinderni se zu decken und in ihr schlechthin aufzugehen. Ziel der Auffassung und Darstellung ist, daß der Schauspieler sich seiner Rolle so ganz und gar anschmiege, daß der Zuschauer mit der Rolle den Träger derselben völlig eins und verwachsen glaube und er zu der Täuschung gezwungen werde, als sehe er nicht einen Darsteller, sondern die betreffende Gestalt der Dichtung selbst. Die Alten erleichterten dem Schauspieler diese Objektivität durch typische Masken, die Neuern mit ihren Winnaller nach schärferer Charakteristik und Individualisierung gestatten diese Masken nicht mehr und verlangen lebendige Mimik, d. h. lebendige Geberdensprache. Deklamation (s. d.) und Mimik (s. d.) sind daher die Grundbestandteile aller Vgl. Rötscher, Die Kunst der dramatischen Darstellung» (Berl. 1841); Benedix, «Der mündliche Vortrag (3. Aufl., Lpz. 1871). Je inniger die S. mit der dramatischen Dichtung zusammenhängt, um so genauer spiegeln sich auch in ihr alle nerschiedenen Stilrichtungen, welche wir in der Geschichte des Dramas verfolgen. Zum Teil geschieht dies sogar noch schärfer als im Drama selbst, weil voller und augenfälliger. Der Plastik des antiken Dramas gemäß war die S. der Alten durchaus plastisch; Maske, Kothurn, ja der ganze Schauspieler war eine lebendige Statue. Wie die gesamte moderne Kunst vom Plastischen zum Malerischen neigt, so ist auch in der S. alles indipidualisierter, porträtartiger, physiognomisch durchgebildeter. Allein auch innerhalb dieser Grenzen findet sich wieder derselbe Gegensatz zwischen den roman. und german. Völkern, wie in der Dichtung. Bei Italienern und Franzosen zeigt sich in der hohen Tragödie noch immer etwas Getragenes, Recitatives im Vortrage, einfach große Bewegung, plastische Gemessenheit im Spiel; in neuester Zeit freilich auch viel grelle Manieriertheit. Die englische S. zur Zeit Shakspeares ist offenbar ganz dem individualisierenden Zuge der Shakspeareschen Dramen ähnlich gewesen. Mit der franz. Dramatik und Dramaturgie war in Deutschland auch die franz. Schauspielweise eingedrungen. Ekhof stürzte sie mit seinem Dringen auf wärmere Naturwahrheit, während gleichzeitig Lessing dieselbe Revolution in der Dichtung 21 0— Der Höhepunkt der Schule war Schröder. Gegen den platten Naturalismus, der sich zum Teil schon in Iffland geltend machte, kämpfte die Weimarische Schule unter Goethe und Schiller, die sogar nicht von der Einseitigkeit freizusprechen ist, im Eifer der Opposition ost das Ideale auf Kosten der Individualisierung geltend gemacht zu haben, und daher besonders durch Tieck, der an der Schule Schröders und Flecks festhielt, bekämpft wurde. Jetzt herrscht, wie in aller modernen Kunst, in der S. viel stilloses Schwanken. Vgl. Eduard Devrient, Geschichte der deutschen S.v (5 Bde., Lpz. 1848—74).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 310Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 7

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6