FeedSchlegel (Aug. Wilh. von)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Schlegel (Aug. Wilh. von), deutscher Dichter und ausgezeichnet als Übersetzer wie als Kritiker und Orientalist, der Sohn Johann Adolf Schlegels, wurde zu Hannover 8. Sept. 1767 geboren, von Hauslehrern und auf dem Gymnasium zu Hannover in Sprachen und Wissenschaften unterrichtet, studierte auf der Universität Göttingen anfangs Theologie, dann Philologie, gewann Bürgers Freundschaft und war Mitglied des philol. Seminariums unter Heyne. Von Göttingen ging er als Hofmeister nach Amsterdam in das Haus des Bankiers Muilman und von da nach drei Jahren nach Jena, wo er Professor wurde und von Karl August den Titel eines Rats erhielt. Hier nahm er an Schillers „Horeno, sowie später an dessen Musenalmanacho lebhaften Anteil und war bis 1799 einer der fleißigsten Mitarbeiter an der «Allgemeinen Litteratures Shakspeare (zuerst 9 Bde., Berl. 1797—1810), deren Einfluß auf die deutsche Dichtkunst und auf die deutsche Bühne gleich groß wurde. Doch hat er selbst nur 17 Stücke übersetzt; die übrigen wurden unter L. Tiecks Aufsicht von dessen Tochter Dorothea und vom Grafen Baudissin übertragen (Berl. 1825 —33). Eine neue, unter Ulricis Leitung sorgfältig revidierte und teilweise neu bearbeitete Ausgabe des Ganzen besorgte die Deutsche Shakspeare-Gesellschaft (12 Bde., Berl. 1867 fg.). Vgl. M. Bernays, „Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen Shakspearer (Lpz. 1872). S. hielt in Jena ästhetische Vorlesungen und gab mit seinem Bruder Friedrich das Athenäump (3 Bde., Berl. 1798 — 1800) heraus, welches bei aller kritischen Strenge manche Anregung zu poetischer Thätigkeit enthielt. Noch erschienen Wäßvend seines Aufenthalts in Jena die erste Ausgabe seiner „Gedichtey (Tüb. 1800) und die satirische Ehrenpforte für den Theaterpräsidenten von Kotzebuer (1800), veranlaßt durch den gegen S. gerichteten Hyperboreischen Eselo Kotzebues. Letzterer, mit G. Merkel verbündet, fuhrte diesen Kampf auf oft unwürdige Weise im „Freimütigeno fort, wobei namentlich die „Zeitung für die elegante Welto auf seiten der sog. Romantischen Schule stand. Mit seinem Bruder Friedrich gab S. ferner Charakteristiken und Kritikens(2Bde., Königsb. 1801) heraus. Nach der Trennung von seiner Gattin Karoline, einer Tochter des Professors Michaelis in Göttingen, welche später den Philosophen Schelling heiratete (s. Michaelis [Karolinel), wendete sich S. nach Berlin, wo er in den Wintern von 1801 und 1802 Vorlesungen über Litteratur, Kunst und Geist des Zeitalters hielt, die in seines Bruders „Europa (Bd. 2) abgedruckt wurden (Neudruck, von J. Minor besorgt, in Seufferts Deutschen Litteraturdenkmalen des 18. und 19. Jahrh.v, Bd. 17—19, 3 Bde., Heilbr. 1884). Im J. 1803 erschien „Jonv, ein antikes Trauerspiel ohne rechte Lebenskraft. Hierauf erschien sein «Span. Theater (2 Bde., Berl. 1803—9; neue Aufl., Lpz. 1845), fünf Stücke Calderons in nach balte und Pieyer so meisterhafter übersetzung entaltend, daß jener Dichter durch dieselbe eigentlich zuerst in Deutschland eingeführt wurde. Gleiches leisteten für die Lyriker des Südens die „Blumensträuße der ital., span. und portug. Poesier (Berl. 1804). Schon früher (1791 — 97) hatte er in Zeitschriften, besonders in den «Horenv, zahlreiche und zum Teil umfängliche Bruchstücke aus Dantes „Göttlicher Komödier in Terzinenform übersetzt. S.s Leben gewann einen neuen Wendepunkt, als er 1804 mit Frau von Staél auf Reisen ging und abwechselnd in Coppet, Italien, Frankreich, Wien, Stockholm u. s. w. lebte. In franz. Sprache schrieb er 1807 eine Vergleichung der Phädra des Euripides mit der des Racines, welche unter den pariser Schriftstellern ungewöhnliches Aufsehen machte. Im Frühling 1808 hielt er in Wien Vorlesungen über dramatische Kunst und Litteraturd (3 Bde., Heidelb. 1809—11; 2. Aufl. 1817), die fast in alle gebildeten Sprachen übersetzt wurden. Dieselben haben bei manchem Irrtum in den Grundideen und im Einzelnen sowohl die geschichtliche als die ästhetische Einsicht in das Wesen des Drama wesentlich gefördert. In der neuen Sammlung seiner «Poetischen Werker (2 Bde., Heidelb. 1811; 2. Aufl. 1820) findet sich der größte Reichtum poetischer Formen und eine vollendete Kunst der Sprache und des Rhythmus; am höchsten darunter stehen die Sonette und die Elegie cRomy. Im J. 1813 begleitete er den Kronprinzen von Schweden, welchen er 1812 in Stockholm kennen gelernt hatte, als Sekretär und erhielt die Erneuerung seines Familienadels. Nach Napoleons I. Sturze kehrte er zu Frau von Staél zurück, nach deren Tode er 1818 als Professor an die Universität Bonn ging. Kurz vorher hatte er sich mit der Tochter des Kirchenrats Paulus zu Heidelberg verheiratet; doch auch diese Ehe mußte schon 1821 wieder getrennt werden. In seiner neuen Laufbahn trug er vorzüglich die Geschichte der Kunst und der Litteratur vor. Gleichzeitig wendete er sich dem Studium der orient. Litteratur, namentlich, einer der ersten in Deutschland, dem des Sanskrit zu. Demzufolge gab er die Ind. Bibliotheko (3 Bde., Bonn 1823—30) heraus und richtete eine indische Druckerei ein. Als Probe seiner Bearbeitung sanskritischer Texte erschien 1823 „Bhagavad-Gita, eine Episode aus dem Epos «„Mahäbhäratav mit lat. übersetzung (2. Aufl., von Chr. Lassen besorgt, Bonn 1846); später ließ er den Anfang einer Ausgabe des epischen Gedichts Ramäjanay (Bd. 1 u. 2, Bonn 1829 —46) folgen. Seine orient. Studien führten ihn nach Frankreich und 1823 nach England. Nach seiner Rückkehr. übernahm er auch die Aufsicht über das Museum vaterländischer Altertümer. In Berlin hielt 1827 (Vorlesungen über Theorie und Geschichte der bildenden Künsters (Berl. 1827). Diesen folgten seine Kritischen Schrifteny (2 Bde., Berl. 1828) und die an Mackintosh gerichteten Réflexions sur Peétude des langues asiatiqueso (Bonn u. Par. 1832). In der Broschüre „Berichtigung einiger Mißdeutungeno (Berl. 1828) verteidigte er sich gegen die ihm gemachte Beschuldigung des Kryptokatholizismus. S. starb zu Bonn 12. Mai 1845. Nach seinem Tode besorgte Böcking eine sorgfältig redigierte Ausgabe von S.s «Sämtlichen Werkend (12 Bde., Lpz. 1846—47), der sich die Oeuvres, écrites en français o (3 Bde., Lpz. 1846) und die „Opuscula latinav (Lpz. 1848) anschlossen. Eine neue Auswahl seiner Gedichte erschien 1854 (Lpz.). Die interessanten Briefe seiner frühern Gattin Karoline (s. unter Michaelis)veröffentlichte Waitz (2 Bde.,Lpz.1871).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 378Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6