FeedSeidenraupe
TierreichBrockhaus 1882

Seidenraupe und Seidenzucht. Die Seidenraupe oder der Seidenwurm ist die Raupe eines ursprünglich nur in China einheimischen Nachtschmetterlings, des Seidenspinners oder Maulbeerspinners (Bombyx Mori, Tafel: Insekten III, Fig. 10, das Weibchen), der mit ausgebreiteten Flügeln etwa 4,5 em in der Breite und 2 cm in der Länge mißt, schmutzigweiße Flügel mit zwei bis drei dunklern ren Halom und mit einem undeutlichen bräunlichen Halbmond bezeichnete Vorderflügel hat. Das Männchen stirbt bald nach der Begattung; das Weibchen klebt seine 200—300 graugelben Eier an Baumstämme an. Die im Frühjahr auskriechenden Raupen fressen hauptsächlich Maulbeerblätter, wachsen sehr schnell häuten sich viermal während ihres sechs bis sieben Wochen dauernden Lebens und spinnen sich dann ein. Die Raupen sind glatt, weißlich-glänzend, mit verschiedenen graulichen und rötlichen Flecken und mit einem Horne auf dem letzten Ringe. Sie besitzen, wie viele andere Spinner, an der Unterlippe ein Spinnorgan und haspeln durch eigentümliche Bewegungen den nur 0,ot mm im Durchmesser haltenden, aber elastischen und zähen, bisweilen an 1000 m langen Faden hervor, welchen sie mit den Vorderfüßen in anfangs unregelmäßigen, dann aber sehr regelmäßigen Achtertouren umher wickeln und so eine ovale, innen glatte Hülse (Cocon) bilden, in der sie sich verpuppen und aus welcher nach drei Wochen der Schmetterling ausschlüpft, der mittels eines scharfen Saftes den Cocon durchbricht und so den Zusammenhang des ihn bildenden Fadens vielfach zerreißt. Es gibt nur eine Art, aber verschiedene Rassen der Seidenraupe, welche sich in zwei Gruppen: Weißspinner und Gelbspinner, je nach der Farbe des Seidenfadens, verteilen. Die Seidenzucht wurde schon in den ältesten Zeiten in China getrieben und verbreitete sich einerseits nach Japan, andererseits nach Innerasien. Unter Justinian sollen zwei Mönche die ersten Cier in hohlen Stöcken im J. 533 nach Konstantinopel gebracht haben, worauf sich die Seidenzucht weiter von Griechenland aus nach Spanien, Portugal, Sicilien, Italien und in jüngerer Zeit auch nordwärts verbreitete. Jetzt sind außer China und Japan die wesentlichsten Produktionsländer die Umgebungen des Mittelmeers; nördlich der Alpen wird nur noch wenig produziert. Bei der Seidenzucht selbst kommen zwei Gesichtspunkte in Betracht: Erzielung vieler Seide und gesunde Nachkommenschaft. Hütung vor Nässe, Erhalten in möglichst gleicher Temperatur, sorgfältige Beseitigung der erkrankten Raupen, Darreichung trockener, gesunder Blätter, Verhütung vor überfüllung der Räume sind wesentliche Bedingungen. Man betreibt die Zucht entweder als Nebenindustrie in den Häusern oder in großen Zuchtanstalten (Magnaneries); letztere sind Krankheiten und Epidemien mehr ausgesetzt. Die mohnkorngroßen Eier (graines) werden nach Unzen verkauft; die Unze liefert gegen 32000 Raupen, die an Futter etwa 16 Ctr. weißer Maulbeerblätter bis zur endlichen Verpuppung bedürfen. Man hält die Eier in kühlen Räumen, bis die Maulbeerblätter entwickelt sind und läßt sie dann in höherer Temperatur ausschlüpfen. So lassen sich zwei bis drei Zuchten im Jahre (Sommer) in südl. Gegenden ermöglichen (Bivoltini, Trivoltini). Die Raupe braucht 30 Tage bis zum Einspinnen. Zehn Tage nach dem Einspinnen tötet man diejenigen Cocons, welche Seide (s. d.) liefern sollen, durch Wärme (über 60.), die schönsten aber behält man zur Nachzucht. Die Krankheiten, welche unter den Raupen oft entsetzliche Verheerungen anrichten, haben sich durch stete Inzucht bei der Kultur so vermehrt, daß sie eine bedeutende Einbuße der Produktion, namentlich in Europa, veranlassen und zur steten Einfuhr frischen Seidensamens (Eier oder Grains, auf Kartons abgelegt) aus Japan nötigen. Die hauptsächlichsten Seidenraupenkrankheiten sind: Gelbsucht (Jaunisse), Fettsucht Grasserie), Starrsucht (Muscardine), Verkalkung Caleino), Schlaffsucht (Atrophie) und Körperchenkrankheit (Gattina, Distrophie). Letztere, auch Pilzsucht genannt, ist die gefährlichste und verbreitetste; sie entsteht durch Pilzwucherung im Körper der Raupe, tritt seuchenartig auf und ist erblich. Zuerst von Cornalia ergründet, hat Pasteur und nach ihm Haberlandt gelehrt, sie durch Zellengrainierung, d. i. abgesonderte Begattung untersuchter gesunder Schmetterlinge, zu beschränken. In Ostasien gibt es noch zahlreiche Seiden spinner, deren Cocons einen verwendbaren Faden liefern. Aus ihnen wurden seit 1850 besonders drei Arten in Curopa eingeführt und versuchs-H weise gezüchtet: 1) Bombyx Cynthia, der Ailanthusspinner, auf dem Götterbaum und Ricinus lebend, 1857 durch den Missionar Fantoni aus China nach Europa gebracht, seit 1858 durch Guerin-Meneville in Frankreich kultiviert; 2) Antherea Perniji und 3) A. Vama-Mai, beide in Ostasien auf Eichen lebend. Letztere, die wertvollere Art, gelangte 1863 durch Pompe van Meerdervorst nach Frankreich. In Japan lebt sie auf Quercus alba, dentata, serrata, in Europa gedeiht sie am besten auf der Stieleiche, dann der Trauben- und Zerreiche. Die Raupe des Nama-Mai-Seidenspinners ist viel größer als die des B. mori, sie spinnt nur Doppelfäden, viel stärker als diejenigen des letztern, wie denn auch ihre braunen Cocons noch einmal so groß sind. Verschiedentlich wurde sie im Freien in südeurop. Eichenwäldern gezüchtet, so im großen von Baron Bretton in Retfalu bei Essegg in Kroatien. Leider geben die Cocons eine geringe Ausbeute an Seide und sind schwer abzuhaspeln, daher ohne Nachfrage; die weitere Zucht wurde daher aufgegeben. Vgl. Haberlandt, Der Seidenspinnero (Wien 1871); Weißweiler, Zucht des Maulbeerbaums und der Seidenraupe) (Berl. 1875); Pasteur, „Etudes sur les maladies des vers à soie (Par. 1871); Bolle, «Die Krankheiten der Seidenraupes (Görz 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 667Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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