Seiltänzer, auch Akrobaten (grch.), nennt man gymnastische Künstler, welche auf einem mehr oder minder hoch über dem Boden horizontal oder auch schräg ausgespannten Seile nicht bloß in allen Gangarten einherschreiten und tanzen, sondern auch die verschiedenartigsten Körperbewegungen, Sprünge, gymnastische und andere Künste ausführen. Die eigentliche Kunst des Seiltanzes besteht bei der Schmalheit der Bahn und dem stetigen Schwanken des Seils in der geschicktesten Wahrnehmung des Gleichgewichts (daher die franz. Benennung Equilibristen), zu dessen Unterstützung sich die S., wenigstens bei gewissen Kunststücken, einer Balancierstange bedienen. (S. Balancieren.) Die Kunst des Seiltanzes findet sich bei allen Kulturvölkern alter und neuer Zeit, des Abendlandes wie des Morgenlandes. Die Griechen und Römer leisteten, wie überhaupt in den Gauklerkünsten, auch in diesem Fache Außerordentliches. Schon im Altertum zogen Gesellschaften von S. (grch. νοννdεαεα, lat. funambuli) beiderlei Geschlechts von Ort zu Ort. Doch wurden sie auch, namentlich bei den Römern zur Kaiserzeit, zur Verherrlichung öffentlicher und privater Festlichkeiten herangezogen. Einzelne vornehme Römer hielten unter ihren Sklaven Gaukler und Equilibristen jeder Art. Viele merkwürdige Seiltänzerkünste finden sich teils von den Alten erwähnt, teils auf Vasen und Wandgemälden abgebildet. Vielfach scheinen die S. ihre Künste im Kostüm von Sirenen, Faunen und andern mytholog. Gestalten produziert zu haben. Die Besteigung des sog. Turmseils wurde schon im Altertum ausgeführt. Nach den Berichten des Plinius und Sueton soll man selbst Elefanten zu diesem schwierigen Kunststücke abgerichtet haben. Einen besondern Ruf in der Kunst der Akrobatie hatte die Stadt Cyzitus, auf deren Munzen bisweilen das Besteigen des Turmseils abgebildet ist. Auch im Mittelalter erscheinen S. auf Messen und Märkten. Einzelne hervorragende Künstler dieser Art werden zu den Zeiten Karls VI. von Valois und Ludwigs XII. ausdrücklich genannt. Der Akrobat Areangelo Tuccaro, der seine Künste im 16. Jahrh. an den Höfen Deutschlands, Frankreichs und Englands zeigte, verfaßte auch eine Schrift über dieselben (Par. 1599, mit Holzschnitten). In neuerer Zeit haben besonders die Italiener als S. Vorzügliches geleistet, wie z. B. die Chiarini und die Frau Saqui. In Deutschland erlangte im zweiten Viertel des 19. Jahrh. besonders die Familie Kolter Popularität. In neuester Zeit erregt namentlich der Amerikaner Blondin, der unter anderm den Niagarafall auf einem gespannten Seile überschritt, allgemeine Aufmerksamkeit.