Shakespeareschen Werke vorangesetzten biographischen Arbeiten haben ihren vorläufigen Abschluß efunden in K. Elze's William S.v (Salle 1876). Im 19. Jahrh. hat die Shakespeare-Litteratur einen kaum noch übersehbaren Umfang gewonnen. Lowndes im „Bibliographer's Manualo (neue Aufl. von Bohn, Tl. 8, Lond. 1864) verzeichnet bereits nicht weniger als 262 verschiedene Ausgaben der Werke des Dichters. In das erste Viertel des Jahrhunderts gehören außer der Ausgabe von Chalmers (9 Bde., Lond. 1805) noch die Überarbeitungen der Johnson-Steevensschen Ausgabe von Reed (21 Bde., Lond. 1813) und die der Maloneschen von Boswell (21 Bde., Lond. 1821), welche beide eine Fülle kritischen, historischen und litterarischen Materials beibrachten (die bekanntesten der sog. Variorum editions). Unter den neuern kritischen Ausgaben werden besonders geschätzt die von Ch. Knight (Pictorial editiono, 8 Bde., 1838 —43 u. öfter), Collier (8 Bde., 1841—44; 2. Aufl. 1853; auch in Einem Bande), Hazlitt (4 Bde., 1851: 5 Bde., 1859 u. 1864); ferner die Ausgaben von Dyce (6 Bde., 1857; 2. Aufl., 9 Bde., 1864— 67), von dem Amerikaner Grant White (12 Bde., Boston 185763; 1865) und von Clark und Wright (9 Bde., Cambr. 1863—66). Neben letztern sind noch zu nennen die von Staunton (3 Bde., 1858— 60), Mrs. Cowden Clarke (4 Bde., Lond. 1864 Clark und Wright (aGlobe editionv, 1864) „Keightley (6 Bde., Lond. 1866), die von H. H. Furneß begonnene New Variorum edition v u. s. w. Eine Prachtausgabe in 16 Foliobänden erschien unter Leitung Halliwells (Lond. 1852—65). Neuerdings gab Staunton eine sorgfältig photolithographierte Nachbildung der für die Kritik wichtigen ersten Folio von 1623 (Lond. 1864 fg.) heraus. Seit 1861 wurden von Ashbee und Griggs auch photographische Nachbildungen der verschiedenen Auartos besorgt. Neuere Gesamtausgaben von S.s Poetischen Werken» besorgten Dyce (1832 u. öfter), Brown (1838), Knight (1842), Valpy (1862) u. a.; kritische Ausgaben der «Sonnetso veranstalteten Massey (1863) und Dowden (Lond. 1881). An die Tertausgaben Sts reihen sich zahlreiche Schriften über das Leben des Dichters, die damaligen Kultur- und insbesondere über die Theaterverhältnisse, unter denen besonders die von Halliwell und Collier hervorzuheben sind. Biographien S.s lieferten außerdem in neuerer Zeit noch Drake bt Bde., Lond. 1817), Skottowe (1824), Ch. Knig t (1842) u. s. w. Lamb, Price, Birch, Coleridge, Halpin, Heraud u. a. erörterten S.s Stil, Geist und Charakter, während W. Hazlitt (Characters of S.s plays „, Lond. 1817 u. öfter) und Miß Jameson (4S.'s female charactersv, Lond. 1833 u. öfter) die zerstreuten Züge der dramatischen Charaktere S.8 in Gesamtbildern zusammenzufassen suchten. Die Zerskunst S.s wurde von S. Walker (a8.'s Versificationo, Lond. 1854), von Abbott (A Shakespearian Grammars, Lond. 1875) und Elze (Notes on Elizabethan Dramatises 5, Halle 1880 behandelt. Die charakteristischen Eigentümlichkeiten des während S.s dramatischer Laufbahn sich bedeutsam modifizierenden Versbaues sind von engl. und deutschen Gelehrten (Spedding, Hertzberg, Fleay) als Handhaben benutzt worden, um mit Zuhilfenahme anderer innerer und äußerer Indizien die Entstehungszeit der einzelnen Stücke zu bestimmen. Die Herstellung einer chronologischen Anordnung ist 0 sch bis jetzt noch nicht gelungen und dürfte auch schwerlich weiter als in allgemeinen Umrissen gelingen; alle bisher gemachten Versuche sind hypothetisch und haltlos. Die 1841 begründete (seit 1853 aufgelöste) Shakespeaxe-Society ließ in 48 Bänden teils Dramen von Zeitgenossen, Vorgängern und Nachfolgern S.8, teils auch andere für die Geschichte der dramatischen Kunst wichtige, aber selten gewordene Werke wieder abdrucken. Ihr ist in neuerer Zeit die von Furnivall gegründete New S.⸗Society gefolgt mit einem noch ausgedehntern Wirkungskreise zur Erforschung der betreffenden Litteratur und zur Veröffentlichung der betreffenden Texte. Die von Payne Collier veröffentlichten Notes and emendations to S.“s playso (Lond. 1852), welche eine durchgängige Revision des Textes der Dramen S.s auf Grund von handschriftlichen (aus der ersten Hälfte des 17. Jahrh. stammenden) Randbemerkungen zur zweiten Folioausgabe enthielten, riefen nicht nur in England, sondern auch in Deutschland eine sehr lebhafte Polemik hervor, bis durch Ingleby (& complete view of the S. controversyv, Lond. 1861) zur Evidenz nachgewiesen wurde, daß nicht allein diese angeblichen Emendationen des Textes 75:7 auch mehrere andere, von Collier in engl. Irchiven und Bibliotheken entdeckte und als interessante Beiträge zur Biographie des großen Dichters veröffentlichte Dokumente nichts als moderne Fälschungen sind. Nächst den Engländern und den Amerikanern haben sich besonders die Deutschen um die philol.⸗kritische Feststellung und Erklärung des Shakespeare-Textes bemüht, so unter andern Nikolaus Delius in seinen verschiedenen Ausgaben der „Werken S.s (7 Bde., Elberf. 1854—61 u. öfter). Obgleich ein Teil der Stücke S.s schon in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrh. (etwa seit 1603) in Deutschland durch die sog. Englischen Komödianten und Instrumentistend in sehr freien deutschen Bearbeitungen aufgeführt wurde, blieb doch der Name des großen Dichters so gut wie unbekannt. Die erste eigentliche übersetzung eines Stücks von S. verfaßte der preuß. Staatsminister von Bork („Julius Cäsarv, Berl. 1741), welche jedoch ebenso wenig wie die übertragung eines Ungenannten von „Romeo und Julia (Bas. 1758) Erfolg hatte. Erst als Lessing (uerst in der Theatralischen Bibliotheko, 1754 fg., dann in den «Litteraturbriefen», 1759, und der (Hamburg. Dramatargien, 1767) durch seine ästhetisch-kritischen Urteile dem deutschen Geiste das Verständnis des großen brit. Dichters eröffnet hatte, trat Wieland mit seiner Übersetzung von 22 Dramen desselben (8 Bde., Zür. 1762 —66) hervor, die in der Er wiederum Eschenburg der seinigen (13 Bde., Zür. 1785 —82; neue umgearbeitete Aufl., 12 Bde., 17981806) zu Grunde legte. Um jene Zeit brachte auch Schröder Bearbeitungen der Wieland-Eschenburgschen Texte auf die Bühne. Zum geistigen Eigentum der deutchen Nation wurde jedoch S. 11 erhoben durch ugust Wilhelm von Schlegels Übertragung von 17 der Shakespeareschen Dramen (9 Bde., Berl. 1797—1810), die erste, in welcher mit genialer Gewandtheit nicht nur der Gedanke S.s, sondern auch die eigentümliche Form desselben, der Stil S.s in allen seinen charakteristischen Wendungen und Metamorphosen nachgebildet war. Fortgesetzt und vollendet wurde die Schlegelsche üÜbersetzung durch Ludwig Tieck in Verbindung mit seiner Tochter Dorothea und dem Grafen Wolf von Baudissin (9 Bde., Berl. 1825—34; vgl. Bernays, Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen S. „„ Lpz. 1872). Andere Übertragungen S.s, wie die von J. H. Voß und dessen Söhnen (1818 0., J. Meyer (1824 fg.), Benda (1825 fg.), Jul. Körner (1836), A. Böttger und Döring (1836), Fischer, Ortlepp, A. Keller und Rapp u. s. w., haben die Schlegelsche nicht erreicht; nur etwa die unvollendet gebliebene von Kaufmam (Bd. 1—4, Berl. 1830 36) kommt ihr einigermaßen nahe. Größere Bedeutung jedoch haben zwei in jüngster Zeit erschienene Übertragungen, welche, auf Schlegel fußend und mit Hilfe der seitdem wesentlich fortgeschrittenen Textkritik und übersetzungskunst den Geist und Ton des Originals noch treuer in unsere Sprache verpflanzen: «William S.s dramatische Werke. üÜbersetzt von F. Bodenstedt, N. Delius, O. Gildemeister, G. Herwegh, P. Heyse, Hermann Kurz, A. Wilbrandt. Nach der Textrevision und unter Mitwirkung von N. Delius. Mit Einleitungen und Anmerkungen. Herausgegeben von F. Bodenstedto (38 Bdchn., Lpz. 1867—71; 3. Aufl. 1878), und „S.s dramatische Werke und Sonette in neuen Ori3. Ceeder, N. Ein von F. Dingelstedt, W. Jordan, „Seeger, K. Simrock, H. Viehoffo (10 Bde., Hildburgh. 1867—71). übertragungen der Sonettey und anderer Gedichte lieferten K. Lachmann, Bodenstedt, Gildemeister, Freiligrath, Gelbcke, W. Jordan, K. Simrock u. a. An diese übersetzungen schließen sich zahlreiche Schriften an, welche den deutschen Leser mit der Geschichte S.s und seiner Zeit, mit dem Charakter der ihn umgebenden Dichter, mit den Eigentümlichkeiten seiner Sprache, mit den Einrichtungen des damaligen Theaters bekannt zu machen und somit das Verständnis des Dichters zu fördern suchen. Dahin gehören Tiecks «Altengl. Theater » (1811) und «Vorschule S.s » (1823); Franz Horns 4S.s Schauspiele erläuterte (5 Bde., 1823—-31); E. von Bülows «Altengl. Schaubühner (1831); Bodenstedts «S.s Zeitgenossen und ihre Werkes (4 Bde., Berl. 1858—60); Simrock, Echtermeyer und Henschel,«Quellen des S.y (3 Bde., Berl. 1831—32), in neuer Auflage umgearbeitet von Simrock (2Bde., Bonn 1870); Cohn, «S. in Germany in the sixteenth and seventeenth centuryo (Lond. und Berl. 1865); A. Schmidt, «Shakespeare-Lexikon v (Berl. 1874—75) u. s. w. Fast noch zahlreicher sind die deutschen Arbeiten, welche seit Goethes „S. und kein Ende teils die Shakespeareschen Dramen überhaupt, teils einzelne Stücke vom ästhetisch-kritischen Standpunkte aus betrachten und erörtern. Außer den Werken der eigentlichen Asthetiker, unter denen besonders Friedr. Vischer hervorragt, sind vor allem aus neuerer Zeit nennen: Ulrici, «S.s dramatische Kunsto (Halle 1839; 3. Aufl., Lpz. 1868); Rötscher, Cyklus dra matischer Charakterev (Berl. 1844); Gervinus, „Shakespeare (4 Tle., Lpz. 1849—50; 4. Aufl., 2 Bde., 1873); Kreyssig, „Vorlesungen über S.» (3 Bde., Berl. 1860; 2. Aufl., 2 Bde., 1873—74); Hebler, «Aufsätze über S.v (Berl. 1865); von Friesen, Shakespeare-Studieno (3 Bde., Wien 1874— 76); Rümelin, «Shakespeare-Studien » (Stuttg. 1866); Elze,«Abhandlungen zu S.» (Halle 1877); Delius, «Abhandlungen zu S.» (1878) u. s. w. Neuerdings fanden die Shakespeare-Studien in Deutschland einen Mittelpunkt in der Deutschen Shakspeare-Gesellschaft‘. Eine 1863 als Manuskript gedruckte Abhandlung Ideen zur Grün-With einer Deutschen Shakespeare-Gesellschafte von Wilh. Ochelhäuser in Dessau gab Veranlassung du dieser GesellschaftsbildFung. Im Verein mit Franz Dingelstedt (der anfangs seine Teilnahme abgelehnt hatte, später aber durch das außerordentliche Interesse, welches die Großherzogin Sophie von Weimar dem Unternehmen entgegenbrachte, zur Mitwirkung bewogen ward) erließ derselbe 12. März 1864 einen Aufruf an die deutschen Shakespeare-Verehrer, welcher am 23. April desselben Jahres, dem Tage der 300jährigen Rhenmen zur Konstituierung der Gesellschaft auf den in jener Abhandlung vorgeschlagenen Grundlagen führte. Diese Gründung fiel zusammen mit der von Dingelstedt inscenierten ersten Aufführung der sog. Königsdramen aus der engl. Geschichte, einem in der Geschichte des deutschen Theaters epochemachenden Ereignis. Protektorin und eifrigste Förderin des Vereins ist die Großherzogin Sophie von Weimar; das erste Präsidium ward gebildet von Herm. Ulrici, Wilh. Ochelhäuser und Franz Dingelstedt. Sitz der Gesellschaft ist Weimar. Ihre wesentlichsten Leistungen bestanden bisher: 1) in der fortlaufenden, gegenwärtig bis zum 23. Bande gediehenen Herausgabe des Jahrbuchs der Deutschen Shakespeare-⸗Gesellschafto, welches seit 1864 den Centralpunkt der deutschen philologischen und ästhetischen Shakespeare-Kritik geworden ist; 2) in der revidierten, mit Einleitungen und kritischen Noten versehenen Ausgabe der Schlegel-Tieckschen übersetzung S.s (Berl.) und 3) in der Begründung einer Shakespeare-Bibliothek, die gegenwärtig die reichhaltigste in Deutschland sein dürfte. Aus der indirekten Anregung der Gesellschaft sind unter anderm auch die neuen Übersetzungen von Franz Dingelstedt, Fr. Bodenstedt u. a., sowie das Bühnenbearbeitungswerk von W. Ochelhäuser entstanden. Die erste franz. Übersetzung der Werke S.s von Letourneur (pseudonym) erschien 1776—82 (20 Bde.) in Paris; eine neue Bearbeitung derselben von Guizot und Pichot (13 Bde., Par. 1821; 5. Aufl., 8 Bde., Par. 1865) enthält auch eine Biographie des Dichters von Guizot. Unter den spätern übersetzungen sind die von F. Michel (3 Bde., 1839— 40), Laroche (2 Bde., 1839 — 40 u. öfter) und besonders die von Frangois Victor Hugo (12 Bde., Par. 1859 — 62) und Montégut (4 Bde., Par. 1867 fg.) zu nennen. Vgl. über die Shakespeare-Litteratur außer Lowndes die bibliogr. Arbeiten von Halliwell, Thimm (Shakespearèanav, Lond. 1866) und Sillig (Die Shakespeare-Litteratur bis Mitte 1854, Lpz. 1854), sowie für die neueste Zeit die Üübersichten von Cohn im erwähnten „Jahrbuchv, endlich die vollständigste, bis 1870 reichende Biblio-Allibon der neuesten Shakespeare-Litteratur in llibones &«Critical Dictionary of English literature and Britisbh and American authorsv. Ausgehend namentlich von der Erwägung, daß es sich schwer erklären läßt, wie der geschichtliche S., der kaum die dürftigste Schulbildung genossen haben soll, diejenige Fülle und Universalität des Wissens besessen haben kann, welche in seinen Dramen zu Tage tritt, hat man seit der Mitte der fünfziger Norde des 19. Jahrh. besonders in England und Nordamerika lebhaft die Frage erörtert, ob S. wirklich der Verfasser der unter seinem Namen gehenden Dichtungen sei. Von vielen Seiten ist ihm die Autorschaft abgesprochen und Lord Francis Bacon als der eigentliche Verfasser bezeichnet worden, während S.s Mitwirkung an den Dramen sich darauf beschränkt habe, dieselben bühnengerecht zu machen. Einen liberblick über den Stand dieser