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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Siegfried, althochdeutsch Sigufrid, in der nordischen Fassung aber Sigurd, heißt einer der hervorragendsten Heroen der deutschen Heldensage. Er war ein Sohn Sigmunds, aus dem auf Odin selbst zurückgehenden Geschlecht der Welsunge, ausgezeichnet durch leuchtende Augen und unglaubliche Kraft. Erzogen hatte ihn ein weiser und kunstreicher Alb, der Regino, d. i. Ratgeber, hieß und zwar Menschengestalt, aber die eines Zwergs besaß. Derselbe verschaffte ihm dann ein Roß und schmiedete ihm ein Schwert, mit dem S. einen Amboß spalten konnte. So reizte ihn Regino, der Nibelungen Hort (Schatz) und unermeßliches Gold zu erwerben. Zuerst hatten drei Götter das Gold geraubt und aus der Tiefe des Wassers heraufgeführt. Auch ihnen hätte gewiß seine geheimnisvolle verderbliche Kraft den Tod gebracht, wenn sie es nicht nebst dem zugehörigen wunderbaren und verhängnisvollen Ringe als Wergeld für den erschlagenen Ottar gegeben hätten. So waren die Götter dem Verderben entgangen, aber das Mittelgeschlecht zwischen Göttern und Menschen, das nun im Besitze des verderblichen Schatzes war, rieb sich untereinander auf. Ottars beide Brüder töteten den Vater; Regino wurde von dem andern Bruder, Fafni genannt, verdrängt, der in Gestalt eines Drachen (Lindwurms) sein Gold bewachte. Um es ihm zu entreißen, reizte Regino den jungen S. auf, den Drachen zu töten; S. aber erschlug beide. Durch das Drachenblut, wovon er trank, wurde noch seine Kraft gemehrt oder sein Leib mehr geschützt vor Wunden. Durch das Gold und zumal durch den Ring wurde er unermeßlich reich. Die Tarnkappe gab ihm die Fähigkeit, seine Gestalt in die eines andern zu verwandeln. Trotzdem aber war er durch den Besitz des Goldes in der Knechtschaft der Nibelungen und dem Verderben geweiht. Umsonst verlobte er sich mit der kriegerischen Königstochter Brunehilde (s. d.), sein Herr Gundahari (Günther), der Nibelungenkönig, wollte sie selbst haben. In der Tarnkappe unter Günthers Gestalt ritt S. durch die Flamme, welche um ihre Wohnung loderte; er gab ihr den Ring aus dem Schatze und brachte sie dadurch in die Gewalt Günthers; sie erkannte S. nicht. Er selbst nahm ein anderes Weib, Krimhild (nach der altnordischen Fassung Gudrun), die Schwester Günthers. Brunehilde rühmte sich des tapfersten und würdigsten Gemahls, dem S. habe weichen müssen. Da entdeckte ihr Krimhild gereizt den Betrug, der Ring, den sie am Finger trage, sei aus dem Nibelungenhort; der sie gewonnen, sei S., nicht Günther. Brunehilde, die sich nun erinnerte, daß sie an dem vermeinten Günther die leuchtenden Welsungenaugen erkannt habe, ließ S., der für offenen Angriff unbesiegbar, meuchlerischdurch Hagano (Hagen) ermorden und tötete sich selbst. Der Schatz siel, nachdem alle, die an ihm teil hatten, vernichtet waren, an seine ursprünglichen Herren zurück, welche ihn in den Rhein versenkten. Dies ist nach Lachmanns gedrängter Zusammenfassung der wesentlichste Inhalt der Sage in ihrer ältesten Gestalt. In solchem einfachern, noch durchaus heidnischen und mythol. Charakter erscheint sie, freilich unter mannigfachen Abweichungen der einzelnen Züge, in den ältern nordischen Quellen, unter denen die Lieder der alten Edda (s.d.) obenan stehen. Auch die jüngere Edda berichtet von derselben, wenn auch nur beiläufig. Ausführlich wird sie wiederum erzählt in der im 13. Jahrh. abgefaßten prosaischen, aber meist auf alten Liedern beruhenden Völsungasage. Verdunkelter schon tritt sie auf in der etwas spätern Nornagestssage, und verstreute Anspielungen finden sich in verschiedenen Skaldengedichten. Wie aber schon die ältesten erhaltenen nordischen Lieder unverkennbar auf verlorene noch ältere deutsche zurückweisen, so hat die Sage von S. auch überhaupt in Deutschland ihr eigentliches Leben gehabt und demgemäß auch hier eine reiche Fortbildung gefunden. Im 7. Jahrh. ungefähr aus einer rein mythologischen in eine Heldensage umgewandelt, erscheint sie seitdem vorzugsweise gepflegt von den Franken am Niederrhein und verschmilzt wohl vor dem Anfange des 9. Jahrh. mit der Sage von dem Untergange des burgund. Königs Gunther, wodurch die Nibelungen des Mythus in burgund. Könige gewandelt werden und zugleich die Verknüpfung mit dem hunnischen Attila und zumeist durch diesen wiederum mit der Dietrichssage eintritt. So gewaltigem Sagenkomplex entsprangen dann unter fortdauernden Wandlungen die Lieder, aus denen im 12. Jahrh. das Nibelungenlied (s. d.) erwuchs. Aber so wenig alle erhaltenen ältern nordischen Quellen zusammen den ganzen Sagenkreis von S. erschöpft hatten, so wenig war das auch im Nibelungenliede geschehen. Vielmehr bestand neben demselben noch eine bedeutende Anzahl mündlich umlaufender Sagen, welche teilweise wieder den Weg in die nordische Litteratur fanden und in der zumeist auf deutschen Quellen beruhenden Thidrekssaga gerettet wurden. In Deutschland waren schon dem Nibelungenliede nachträglich noch verschiedene Zusätze aus der Siegfriedssage eingeschaltet worden, und von da ab begann diese Sage selbst zu verwildern, indem sie teils willkürliche Anderungen erfuhr, teils (und besonders die Jugendgeschichte des Helden) ins Märchenhafte sich verflüchtigte. So umgestaltet erscheint sie im Rosengarteno (herausg. von Grimm, Gött. 1836) und im „Hürnen Seyfrido (nur in roher, dem 15. Jahrh. gehörender Gestalt in alten Drucken erhalten und daraus aufgenommen in den zweiten Teil der Deutschen Gedichte des Mittelalterso, herausg. durch von der Hagen und Büsching, Berl. 1820; bearbeitet von Simrock in dessen Kleinem Heldenbuchb, Stuttg. und Tüb. 1844). Was noch jetzt von der Siegfriedssage in Deutschland im Volksmunde lebt, erscheint fast durchaus in Märchengestalt und ist größtenteils von den Brüdern Grimm in den Kinder⸗ und Hausmärcheno gesammelt worden. Es gehören dahin z. B. das Märchen vom (Dornröschenv, in welchem die schlafende Brunhild deutlich zu erkennen ist; die Märchen von den „Blutsbrüderno, von dem «Wandernden Jünglingev, den neben scheinbarer Einfältigkeit unbezwingbare Kraft auszeichnet, u. dgl. m. Reichhaltige Zusammenstellungen und Nachweisungen über das Stoffliche der Siegfriedssage geben! W. Grimm, (Die deutsche Heldensages (Gött. w1829; 2. Aufl. 1867); MRaßmann, (Die deutsche Heldensage und ihre Heimato (2 Bde., Hannov. 1857—58). Alle histor. Deutungen der Sage (von Giesebrecht, Mone, C. Rückert etc.) haben sich als unzureichend ergeben und die mythologische allein erscheint berechtigt. Lachmann, Wilh. Müller und Simrock führen S. teils auf Baldr, teils auf Freyr, Brunhild auf Gerdr zurück, sodaß die Siegfriedssage als eine Form jenes vielgestaltigen physischen Mythus von der Frühjahrssonne erscheint, welche die im Winter unter Schnee und Eis befangene Erdkraft aus der Gewalt der winterlichen Dämonen befreit. Den ethischen Gehalt der Sage hat Rieger in Pfeiffers „(Germanigo (Bd. 3) untersucht. Eine Neugestaltung der Siegfriedssage hat W. Jordan versucht (Frankf. a. M. 1868; 12. Aufl. 1884). Vgl. Steiger, Die verschiedenen Gestaltungen der Siegfriedssage in der german. Litteraturp (Hersf. 1879.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 802Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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