Thucydides (grch. Thukydides), der größte unter allen griech. Geschichtschreibern, geb. etwa um 460 v. Chr. zu Athen, war der Sohn des Oloros Des Abkömmlings des thraz. Fürsten Oloros, dessen Tochter Hegesipyle im J. 515 Miltiades geheiratet hatte), daher T. auf der Küste Thraziens, der Insel Thasos gegenüber, Besitzungen (besonders Bergwerke) hatte. Als Jüngling soll er in der Philosophie den Anaxagoras, in der Redekunst den Antiphon zu Lehrern gehabt haben. Ersteres ist möglich, letzteres sicher ein Irrtum. T. befehligte im Peloponnesischen Kriege 424 ein athenisches Geschwader bei Thasos; da er aber zur Rettung von Amphipolis, welches damals durch den Spartaner Brasidas überrumpelt wurde, um einige Stunden u spät anlangte, wurde er von den Athenern mit Verbannung bestraft. Gerade dieser Verbannung, die er teils im Peloponnes, teils auf seinen Gütern in der thrazischen Skapte Hyle, verlebte, verdankt man die von T. mit höchstem Eifer und mit großen Kosten betriebene Sammlung des Stoffs zu seinem WHαον ULZMAνννναιινν) und die teilweise Ausarbeitung desselben. Im J. 404 oder 403 nach Athen zurückberufen, widmete er sich ganz der Ausarbeitung seines Werks, wurde aber durch den Tod, der ihn angeblich von Mörderhand traf (nach den einen in Athen, nach andern auf seinen Besitzungen in Thrazien, wahrscheinlich bald nach 400), an der Vollendung desselben gehindert. In seinem Werke gibt T. eine Darstellung des Peloponnesischen Kriegs in acht Büchern, die aber nur den größern Teil desselben 431—411 v. Chr. umfaßt und welche Xenophon (s. d.) in seiner Hellenikap fortsetzte. T. lieferte die erste und zugleich vollendetste Darstellung selbsterlebter Ereignisse, sah aber dabei nicht bloß auf Unterhaltung in der Erzählung, wie sie bei Herodot (s.d.) namentlich hervortritt, sondern löste seine Aufgabe von einem weit höhern Standpunkte aus, indem er mit einem tiefen Blick und scharfem Geiste die einzelnen Begebenheiten nach ihrem ursachlichen Zusammen-Bwe darlegte und zugleich die Grundsätze und eweggründe der handelnden Personen in ein klares Licht setzte. Die Hauptvorzüge seines Werks sind strenge Wahrhaftigkeit, kritische Genauigkeit und große Schärfe und Feinheit der Charakterzeichnung. Dafür sind besonders die in die Darstellung eingeflochtenen Reden von Bedeutung, in welchen er zugleich seine Ansichten von den Beweggründen, durch welche Staaten und Personen bestimmt wurden, in objektiver Weise darlegt. Sein Stil ist streng und knapp, infolge der Kürze und des verwickelten Periodenbaues bisweilen ziemlich dunkel. Von den Bearbeitungen des Werks des T. sind zu nennen: die größern Ausgaben von Wasse und Duker (Amsterd. 1731), deren Kommentare später mit den Anmerkungen anderer erweitert, mehrfach abgedruckt worden sind (6 Bde., Zweibr. 1788 —89); die von Beck (2Bde., Lpz. 1790 — 1804), von Poppo (11 Bde., Lpz. 1821 —40), von Bloomfield (Lond. 1842 fg.), von Arnold (neue Ausg., 3 Bde., Lond. u. Orf. 1848—51). Zu den besten Handausgaben gehören die von Haacke (2 Bde., Lpz. 1820), Bekker (Berl. 1832), L. Dindorf (Lpz. 1824), Göller (2 Bde., Lpz. 1826; 2. Aufl. 1836), Poppo (4 Bde., Gotha u. Erfurt 1843—56; neue Ausg., fortgesetzt von Stahl, 1866 fg.), Krüger (3. Aufl., 2 Bde., Berl. 1860), Böhme (2 Bde., Lpz. 1856; 3. Aufl. 1871—75) und Classen (8 Bde., Berl. 1862 fg.). Deutsche übersetzungen lieferten Heilmann (Lengo u. Lpz. 1760; neueste Üüberarbeitung von Bredow, pz. 1823), Jacobi (3 Bde., Hamb. 1804—8), Osiander (8 Bdchn., Stuttg. 1826—29), Müller (S Bdchn., Prenzl. 1828—30), Klein (Münch. 1828 fg.), Campe (2 Bde., Stuttg. 1856—58), Wahrmund (Stuttg. 1869). Vgl. Creuzer, «Herodot und T.» (Lpz. 1798); Krüger, «Untersuchungen über das Leben des T.» (Berl. 1832); Roscher, Leben, Werk und Zeitalter des T.„ (Gött. 1842); Ullrich, „Beiträge zur Erklärung des T.» (Hamb. 1846)]; derselbe, Beiträge zur Kritik des T.v (Abteil. 1—3, Hamb. 1850—52); Oncken, «Athen und Hellaso (zweiter Teil: «Perikles, Kleon, T.v, Lpz. 1866); Petersen, «De vita Thucydidiso (Dorp. 1873); Czwiklinski, De tempore quo T. priorem historiae partem composuerito (Berl. 1873); derselbe, «aüber die Entstehungsweise des zweiten Teils der T.schen Geschichtes (im Hermesv, 1877); Wilamowitz, Die Thucydides-Legended (im «Hermeso, 1877); Schöll, «Zur Thucydides-⸗Biographies (im „Hermeso, 1878); Michaelis, Die Bildnisse des T.» (Straßb. 1877).