FeedStephan (Heinrich von)
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Stephan (Heinrich von), der erste Generalpostmeister des neuen Deutschen Reichs, geb. als Sohn eines Handwerkers 7. Jan. 1831 zu Stolp in Pommern, besuchte das Abiturkentet daselbst und trat nach Ablegung der Abiturientenprüfung ins Postfach ein. Seine reichen Sprachkenntnisse veranlaßten 1856 seine Berufung in das Generalpostamt zu Berlin. Im J. 1858 zum Postrat, 1863 zum Oberpostrat befördert, arbeitete er eine neue Dienstanweisung für die Oberpostdirektionen aus, ein weitschichtiges, bedeutsames Dienstkompendium von hohem technischen Wert, und wurde 1865 zum Geh. Postrat und vortragenden Rat, 1868 zum Geh. Oberpostrat ernannt. «Unsere Zeito und Raumers «Histor. Taschenbuche brachten mehrere nationalökonomische und geschichtliche Essays S.s, deren Gediegenheit und schöne Sprache Aufmerksamkeit erregten. In seinem Berufe leistete er Hervorragendes auf dem Gebiete der internationalen Postreformen, indem es ihm gelang, den Ideen von der Wirksamkeit der Post als eines Hebels der Kultur bei den ihm übertragenen internationalen Vertragsschlüssen Geltung zu verschaffen und den Verkehr der Nationen untereinander von den lästigen Fesseln der Fiskalität zu befreien. S.s glänzendste Leistung auf diesem Felde war die übereignung des Thurn und Taxisschen Postwesens an die Krone Preußen durch den Staatsvertrag vom 28. Jan. 1867, womit der letzte Rest der Feudalpost des Mittelalters beseitigt war. Auf Befürwortung des Handelsministers von Itzenplitz wurde S. 26. April 1870 zum Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes ernannt. Mit seinem Amtsantritt beginnt eine neue, thatenreiche Epoche des Postwesens. Noch mit der Reform des Bundespostwesens, namentlich mit der Durchführung des Einheitsportos u. s. w. beschäftigt, mußte S. alle innern Aufgaben zurückstellen und die Organisation der norddeutschen Feldpost im Deutsch-Französischen Kriege ins Werk setzen, eine gewaltige Arbeit, welche mustergultig gelöst wurde. Als nach Errichtung des Deutschen Reichs die norddeutschen Postinstitute zu einer einheitlichen Postgemeinschaft, zur Deutschen Reichspost, verschmolzen waren, welcher Baden und Elsaß-Lothringen beitraten, wurde S. zum Kaiserlichen Generalpostdirektor, später zum Generalpostmeister ernannt, und begann nun das wichtige Werk der Verschmelzung so zahlreicher, eigenartig eingerichteter Territorialposten durch Einführung einer einheitlichen, von Memel bis Konstanz reichenden Postgesetzgebung (871). Er führte außerdem den einheitlichen Tarif für Pakete durch, schuf das neue Verkehrsmittel der Postkarten, der Postanweisungen und Postmandate, sowie die für den litterarischen Verkehr wichtige Bücherpost und rief eine Reihe erheblicher Erleichterungen für die Nation bei Benutzung der Postanstalten ins Leben. Erfolgreich waren ferner S.s Bemühungen zur Hebung der geistigen Wohlfahrt der Beamten (durch Stipendienbewilligung zu Studienreisen aus der Kaiser-Wilhelms-Stiftung, durch Gründung von Amtsbibliotheken und amtlichen Zeitschriften, «Postarchivo), und ebenso seine Bestrebungen für Besserung der materiellen Lage der Beamten und Unterbeamten (Gehaltserhöhungen, Spar⸗ und Vorschußvereine, Sonntagsruhe). S.s bedeutsamstes Werk aber ist die Gründung des Weltpostvereins (s. d.), einer Kulturerrungenschaft ersten Ranges. Trotz des Widerstrebens der auf Deutschlands Erfolge im Verkehrswesen eifersüchtigen Staaten (namentlich Frankreichs) gelang es S., auf der am 15. Sept. 1874 in Bern Postkonferenz den großen Gedanken der Gründung einer allgemeinen Post-Verkehrsgemeinschaft aller Völker in den Hauptgrundzügen zu verwirklichen. Im Juni 1878 wurde auf der Pariser Konferenz der Verein zum Weltpostverein erweitert, dem jetzt, mit geringen Ausnahmen, alle Kulturstaaten des Erdballs angehören. Die Konferenzen in Paris und (1885) Lissabon Munt zugleich den Postpaketdienst (nach deutschem Muster) und den Postanweisungs⸗, so- wie Geldversendungsverkehr in die internationalen Postbeziehungen ein. Neben den internationalen Reformen unterließ S. keineswegs den Ausbau des innern Verkehrswesens. Im J. 1875 übernahm er die Telegraphenverwaltung des Reichs und verschmolz sie mit den Betriebseinrichtungen der Post in seitdem glücklich bewährter Organisation. In den folgenden zehn Jahren lieferte die Verwaltung unter S.s Leitung gegen 180 Mill. Mark an das Reich ab. Dabei aber waren fort und fort wichtige Verkehrserleichterungen und Reformen ins Werk gesetzt worden. Die Zahl der Postanstalten, welche 1872 nur 57⁵⁵ betrug, wurde bis 1884 auf 13403 erhöht, die Zahl der Telegraphenanstalten von 1691 auf 11200. Erwägt man ferner, daß bei der wichtigen Reform des Landpostdienstes (1881—85) die Zahl der Landbriefträger auf das Doppelte, von 10000 auf 20000, gebracht ist, von denen viele mit Fuhrwerk ausgerüstet sind, und daß S. in wenigen Jahren alle wichtigen Hauptstädte und Handelsplätze des Reichs mit unterirdischen, allen Störungen entzogenen Kabeln in einer Länge von 5615 Em verbunden hat, wodurch das Netz der Telegraphenlinien im Reichsgebiet auf 68386 EKm Länge gebracht ist: so kann man S. die Anerkennung nicht versagen, daß er die deutsche Post und Telegraphie auf den höchsten Stand unter allen Kulturstaaten gehoben hat. Dazu kommt noch die Einführung des Worttarifs bei den Telegrammen, die Errichtung der Rohrpost in Berlin, beziehungsweise Charlottenburg, die Telephoneinrichtungen, die Herstellung von Hunderten neuer Postgebäude, meist in klassischen Stilformen, in allen Teilen des Reichs, die Gründung des Postmuseums, des Clektrotechnischen Vereins und in neuester Zeit die durch seine Initiative erfolgte Herstellung der transoceanischen Reichspostdampferlinien u. s. w. Im Febr. 1880 wurde S. zum Staatssekretär des Reichspostamts ernannt, 1885 vom Deutschen Kaiser in den erblichen Adelsstand erhoben. Er ist Mitglied des Bundesrats, des preuß. Herrenhauses, des Staatsrats und mehrerer wissenschaftlichen Vereine, Ehrendoktor der Universität Halle und Ehrenbürger der Städte Stolp und Bremerhaven. Außer zahlreichen Essays über das Verkehrsleben sind von ihm erschienen: „Geschichte der preuß. Posto (Berl. 1859), (Das heutige Agyptenv (Opz. 1872) und «Weltpost und Luftschiffahrte (Berl. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 209Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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