FeedStrohverarbeitung
TechnikBrockhaus 1882

Strohverarbeitung, die technische Verwertung der Halme mehr oder weniger ausgereifter Getreidepflanzen, besonders des Roggens, der Gerste, des Weizens, des Hafers und des Reises, welche, abgesehen von ihrer Verwendung in der Landwirtschaft und zur Dachdeckung, als Materialien für Gewebe und Flechtarbeiten, zur Herstellung von Besen und Bürsten, als Rohstoff der Papierfabrikation (s. unter Papier und Strohstoff), als Polstermaterial, als Verpackungsmittel u. s. w. dienen. Für die verschiedenen Gewebe und Flechtarbeiten wird das Stroh, und zwar ausschließlich Weizen- oder Roggenstroh, besonders gesammelt, indem man die Halme vor der vollendeten Reife der Ahren abschneidet, worauf man sie, sorgfältig vor dem Brechen und Knicken geschützt, an der Sonne, auch durch Schwefel oder Chlor bleicht und dann nach der Stärke sortiert. In Italien kultiviert man für diese Zwecke eine besondere Art von Stroh, die unter dem Namen Marzolano bekannt ist und von einer durch vorzüglich dnne und biegsame Halme ausgezeichneten Varietät des Sommerweizens (grano marzuolo, d. i. Märzsaat) stammt. Für feinere Flechtarbeiten wird das Stroh gespalten und führt dann den Namen Reißstroh, fälschlich Reisstroh; nur die gröbsten Waren werden aus ungeteiltem und ungebleichtem Stroh geflochten. Ganz oder teilweise aus Stroh fertigt man Körbe, Teller, Geflechte zum Reinigen, Schnüre, Stuhlsitze, Rouleaux, künstliche Blumen, eine Art Mosaikarbeiten, namentlich aber Hüte. Diese Waren zeigen hinsichtlich des Materials wie der Ausführung große Verchsiedenheiten. In allen Fällen muß das zu verarbeitende Stroh einen hohen Grad von Zähigkeit, Festigkeit und Biegsamkeit, sowie genügende Länge besitzen; außerdem ist für manche Gegenstände eine bestimmte Färbung erforderlich. Die am meisten verbreiteten und bezüglich der Produktionsweise am weitesten fortgeschrittenen unter den betreffenden Fabrikaten sind die Strohhüte. Das beste Rohmaterial für dieselben ist das toscanische oder florentinische Stroh. Nach dem Bleichen und Trocknen werden die Halme zwischen den Knoten in Stücke zerschnitten. Die Teile zwischen der Ahre und dem ersten Knoten sind die längsten (24—30 em) und eignen sich am besten für Strohgewebe, weshalb man sie von den übrigen Teilen, welche geflochten werden, sondert. Für die feinsten Waren müssen die Halme in möglichst gleichmäßige Streifen (von O,s —1s Br.) geteilt werden, was gewöhnlich mittels des Strohspalters, eines kleinen stählernen Werkzeugs in Form eines zugespitzten Stifts mit 3—10 im Kreise strahlenförmig angeordneten scharfschneidigen Blättern, geschieht, indem man den Stift ins Innere des Halms steckt und letztern erst so weit vorschiebt, daß der zerspaltene Anfang hinter den Schneidblättchen mit den Fingern erfaßt werden kann, worauf man den Halm rasch ganz hindurchzieht. Ein anderes Verfahren, welches noch gleichmäßigere Streifen ergibt, besteht darin, daß man zuerst den Halm in der Längenrichtung aufschlitzt, hierauf denselben flach ausbreitet und zwischen den Walzen eines kleinen Walzwerks völlig glatt legt, um ihn dann mittels eines geraden Kammes mit scharfen Zähnen zu spalten. Die so erhaltenen Streifen werden also entweder nach der Arbeitsweise des Webens zu breiten Stücken, oder durch Flechten zu schmalen Bändern verarbeitet. Die Strohgewebe sind, dem Wechsel der Mode entsprechend, von großer Mannigfaltigkeit. Bei gröbern Waren dient als Kette ein Leinenzwirnfaden, als Einschlag ein Strohstreifen; die Kettenfäden liegen dann weit auseinander, oft paarweise nebeneinander, und es wechselt bei Anwendung eines Gazeschafts am Webstuhl (s. Weberei) ein offenes Fach mit einem gekreuzten, zwischen welchen der Strohstreifen festgeklemmt ist. Bei feiner Ware dient als Kette Seide, als Einschlag Stroh allein oder abwechselnd mit Seidenfäden. Teils ist die Bindung einfach leinwand-Boder köperartig, teils sind durch die Seidenfäden Muster eingewebt. (Vgl. Strohdünntuch.) Die zur Anwendung kommenden Webstühle sind, der Kürze des Materials entsprechend, klein gehalten und besitzen statt des gewöhnlichen Schiffchens eine eigentümliche Vorrichtung, Maulschütze genannt. Das im feuchten Zustand zu verwebende Stroh wird dem Weber gewöhnlich von einem Kinde zugereicht, und zwar abwechselnd ein Streifen mit dem obern, ein Streifen mit dem untern Ende zunächst, weil das Stroh nie an beiden Enden gleichfarbig ist und durch den Wechsel ein Ausgleich stattfindet. Dabei wird stets die äußere, glänzende Seite als rechte Seite genommen. Aus Strohgewebe macht man Tischdecken, Matten, Damenhüte u. s. w. Das zu feinern Geflechten, namentlich Hüten, bestimmte Stroh wird zu schmalen Bändern geflochten, die entweder unmittelbar zu Hüten verarbeitet, oder als Halbfabrikate in den Handel gebracht werden. Auch bei den Flechtwaren ist die glänzende Seite die rechte; die beim Anstücken der Streifen auf der linken Seite vorstehenden Enden werden durch Abschneiden zum Teil entfernt. Vor der weitern Verarbeitung werden die Bänder nochmals geschwefelt, hierauf zwischen glatten oder feingeriffelten Walzen gepreßt und etwas gestreckt; alsdann werden dieselben in Spirallinien zu Hüten zusammengenäht, deren Form durch Steifen und Bügeln vollendet wird. Die gröbsten Geflechte sind die Strohseile, welche für landwirtschaftliche Zwecke, in Gießereien (bei der Kernbildung), sowie als Umhüllungsmaterial für Dampfleitungen u. s. w. ausgedehnte Verwendung finden. Für größern Bedarf benutzt man zur Herstellung derselben mechan. Vorrichtungen, Strohseilspinnmaschinen, welche teils von eigenartiger Konstruktion, teils der Watermaschine (. unter Baumwollin dustrie) nachgebildet sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 308Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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