FeedTauben
TierreichBrockhaus 1882

Tauben (Columbae oder Gyrantes) heißt eine aus etwa 40 Gattungen und 360 Arten bestehende Ordnung sehr gut fliegender, meist mittelgroßer Vögel mit geradem, etwas zusfammengedrücktem, an der Kuppe gewölbtem, an der Basis weichhäutigem Schnabel, mit unter einer Klappe gelegenen Nasenlöchern, meist 12 Steuerfedern und 10 Handschwingen, vorn getäfelten, hinten gekörnten Gangfüßen. T. sinden sich ziemlich auf der ganzen Erde verbreitet, aber sehr ungleich, die meisten treten in Australien und auf der Inselwelt des Stillen Oceans (24 Gattungen) auf; die in nördl. Ländern wohnenden sind Zugvögel. Sie nähren sich ausschließlich von Vegetabilien, meist von Sämereien, die tropischen auch von Früchten. Obwohl viele Arten gesellig leben, sind sie doch streng monogamisch, nisten ein⸗ oder mehreremal im Jahre in offenen Nestern, selten in Felsen-oder Baumlöchern und legen nur sehr selten mehr als zwei weiße Cier. Die Jungen werden in den ersten Lebenstagen mit einer eigentümlichen, milch-oder käseartigen Masse, die von den verdickten Wandungen des Kropfes beider Eltern abgesondert wird, geatzt. Die Farbe des Gefieders der tropischen Arten ist oft sehr schön und bewegt sich bei den oceanischen meist in grünen, gelben, weißen, rosenroten und violetten Nuancen in mannigfachster Umstellung. Man teilt die Tauben in drei Familien: I.Dididae, Dronten (s. Dronte); II.Didunculidae, Zahntauben (s. d.), mit einer Art, der Manumea Didunculus strigirostris, s. Tafel: Tauben, Fig. 1); III. Columbidae, eigentliche Tauben, zu welchen alle übrigen lebenden Taubenarten gehören, wie z. B. die in Abessinien häufige, oben hauptsächlich olivengrün, unten hellgelb gefärbte, 31uem lange, abessinische Papageiart (Phalacroteron abyssinica, Fig. 2), die einheimische Ringeltaube (s. d., Columba palumbus, Fig. 3), und die gleichfalls den Süden und Westen Europas bis zur norweg. Küste bewohnende, graue, auf den Flügeln und auf dem Schwanze dunkel gebänderte, 34 em lange Felsentaube (C. livia, Fig. 4). Berühmt durch ihre Züge ist die nordamerik. Wandertaube (s. d.„ Ectopistes migratorius, Fig. 5), von der eine Verwandte, die Turteltaube (s. d., Turtur auritus, Fig. 6J, auch in Deutschland lebt. Die Schopftaube (Ocyphaps lophotes, Fig. 7) ist eine zierliche, 35em langwerdende, mit einer spitzen Federhaube versehene Bewohnerin Australiens, und die sehr schöne, metallisch grün und blau schillernde Mähnentaube (Calloenas nicobarica, Fig. 8), welche in ihrer Gestalt und in ihrem Wesen an die Hühnervögel erinnert, findet sich auf allen kleinern Inseln von den Nikobaren bis nach Neuguinea und den Philippinen, während die Kronentaube (Megapelia coronata, Fig. 9) auf Neuguinea beschränkt ist. Von der Felsentaube stammt die HaustaubelC. Livia domestica), dexen Zucht seit den ältesten histor. Zeiten mit Vorliebe betrieben wurde und die infolge dieser über Jahrtausende sich erstreckenden Züchtung in unzähligen Spielarten vorkommt. Die Haustaube brütet vier⸗ und mehrmal im Jahre, legt aber nur zwei Eier auf einmal. Ihr Futter bilden Getreide, besonders Weizen, Gerste, Wicken und Erbsen. Das Fleisch der T. gewährt eine leicht verdauliche und zugleich nahrhafte Speise, wird aber aus religiösen Gründen in manchen Ländern, wie Rußland, im Orient u. s. w. nicht gegessen. Noch in der Gegenwart gelten die T. (als Sinnbild des Heiligen Geistes) selbst in civilisierten Ländern vielerorts für unverletzlich, z. B. die T. von San-Marco in Venedig u. a. Vgl. Prütz, «Die Arten der Haustaubey (3. Aufl., Opz. 1878); derselbe, Illustriertes Mustertaubenbuch? (Hamb. 1884); Baldamus, „Illustriertes Handbuch der Federviehzucht» (2. Aufl., Dresd. 1881); Dürigen, Die Geflügelzuchte (Berl. 1885); Fulton, &The illustrated book of pigeonsv(Lond.). 1Taubenapfel, s. unter Apfel, Apfelbaum. CTaubenpost nennt man im allgemeinen ane Botschaftsbeförderung durch dedrder Die Verwertung der Taube zur Briefbeförderung ist uralt und läßt sich auf China und den Orient zu⸗ „ rückführen. Von Kleinasien kam die Benutzung der nBrieftaube zum Botendienst nach Griechenland und nmuß dort sehr geschätzt gewesen sein, da Anakreon . (6530 v. Chr.), eine seiner anmutigsten Oden der it Brieftaube widmet. Namentlich gebrauchte man in Hellas Brieftauben zur Verkündigung des Siegs bei den Kampfspielen (wie noch heute bei den Derbyrennen in England). Am meisten verbreitet war die Briefbeförderung durch Tauben bei den Arabern; dieselben hatten besondere Türme errichtet, auf denen die Brieftauben gezüchtet wurden und von denen aus sie ihre Flüge begannen, z. B. auf den Straßen von Bagdad bis Aleppo und längs der Küste Kleinasiens hin bis Alexandria. Später machten Wilhelm von Oranien und Napoleon I. von Brieftauben zur Nachrichtenbeförderung im Kriege Gebrauch. Die wichtigste Anwendung der Brieftauben in der Neuzeit ist indes diejenige zwischen Tours und dem belagerten Paris im Deutsch-Französischen Kriege von 1870 und 1871. Die Brieftaube (engl. homers und homing antwerps genannt) gehört einer den Haustauben verwandten Gattung an; sie ist indes etwas größer und stärker gebaut als die gewöhnliche Taube, hat dunkelbraunes oder schwarzes Gefieder und einen langen geraden Schnabel; sie wiegt etwa 0,50 bis 0,75 kg und ist gegen 36 em lang. Starke Brustmuskeln, scharfes Gesicht, Ausdauer, Liebe zur Heimat und eine instinktartige Orientierungsgabe sind die Eigenschaften, welche die Brieftaube befähigen, aus weiter Ferne her die heimatlichen Schläge wiederzufinden. Man bringt sie, meist in geschlossenen Käfigen, an denjenigen Ort, von dem aus sie in die Heimat zurückkehren sollen. Dort freigelassen, flattern sie zunächst wirr umher, um sich zu orientieren, umziehen alsdann in immer größern Kreisen den Ort des Aufsteigens und schlagen endlich mit fast unfehlbarer Sicherheit die Richtung nach der Heimat ein. Neuerdings haben außer dem Orient, wo z. B. zwischen Teheran und Tabris noch jetzt regelmäßige T. kursieren, Belgien und Holland die besten Erfolge in der Abrichtung von Brieftauben erzielt. Auch der kölner Brieftaubenverein hat sich der Züchtung von Tauben erfolgreich angenommen und veranstaltet häufig langen Aur Zur Zurücklegung der 37 Stunden langen Luftlinie von Löwen nach Köln gebrauchen die Tauben in der Regel 1¾ bis 2 Stunden: man schätzt die Schnelligkeit der Brieftaube im Durchschnitt auf 1000 m in der Minute. Das preuß. Kriegsministerium hat ebenfalls viele, mit 200— 500 Tauben besetzte Brieftaubenstationen eingerichtet, auf welchen Tauben für den Nachrichtendienst abgerichtet werden. Solche Stationen befinden sich in allen großen Festungen und in Berlin. Auch in Frankreich und Rußland ist die T. für militärische Zwecke in ähnlicher Weise organisiert worden, auch ist es in neuester Zeit gelungen, in Deutschland einige Tauben derartig abzurichten, daß sie zwischen zwei Stationen hin und zurück fliegen. Als die deutschen Heere im September 1870 Paris belagerten und keine Post von außen nach der franz. Hauptstadt hineingelangen konnte, kamen die Pariser auf den Gedanken, Brieftauben mittels des Luftballons herauszusenden und durch sie Nachrichten nach Paris bringen zu lassen. Die ersten Tauben nahm ein Ballon 25. Sept. 1870 mit; er landete in Evreux, von wo die Brieftauben die Botschaft von der glücklich vollendeten Fahrt des Ballons alsbald nach Paris zurückbrachten. Nach dem Gelingen dieses Versuchs wurde ein regelmäßiger Briefpostdienst durch Tauben zwischen dem Regierungssiz Tours und Paris organisiert. Zu diesem Zwecke ließ man in Tours durch ven Photographen Dagron, dem es gelungen war, eine ganze Seite des «Journal offciel auf dem sechsten Teile eines Quadratzolls photographisch zu verkleinern, alle Nachrichten für Paris auf „einem Blatt Seidenpapier mikroskopisch-photographisch verkleinern; das Blatt war 4,3 em lang und 3,2 em breit und konnte 3500 Depeschen zu 20 Worten, also zusammen 70000 Worte aufnehmen. Das erste derartige Blatt, welches an der Schwanzfeder einer Brieftaube befestigt wurde, kam 14. Nov. 1870 in Paris an und enthielt 226 Privatdepeschen, sowie die ganze Regierungskorrespondenz. Das Gewicht der Botschaft betrug nicht mehr als 1 E: die Rolle, welche an der Schwanzfeder mit leichtem Draht befestigt war, wog im ganzen 6g. In Paris wurden die Taubenbriefe sofort photographisch vergrößert und sodann noch an demselben Abend einzeln den Adressaten zugesandt. Nach dem Bulletin de la Réunion des officierso vom 11. Juli 1885 sind gegen 150000 amtliche Depeschen, ungefähr eine Million Privatnachrichten und für 190000 Frs. Geldanweisungen während der Belagerung durch Tauben nach Paris befördert worden. In England belastet man neuerdings die

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 493Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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