Taubstummenlehrer genannt. In England waren es John Bulwer, John Wallis und Wilh. Holder, in Holland der aus der Schweiz gebürtige Arzt Joh. Konr. Amman, in Deuts hland Agricola, Karger, Schulze, Raphel, Lasius, Arnoldi, in Frankreich Deschamps und Pereira, welche mit Wort und That sich der Taubstummen annahmen. Indessen begann man erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. der ganzen Klasse dieser Armen Sorgfalt zu widmen. Zwei Menschenfreunde, der in Frankreich gefeierte Abbe de l'Epée (s. d.) und in Deutschland der gleich verdienstvolle Samuel Hei—⸗ nicke (s. d.) stellten es sich zur Lebensaufgabe, einen planmäßigen, auf wissenschaftliche Prinzipien gegründeten Unterricht der Taubstummen durchzuführen und eröffneten auch zu diesem Zwecke die ersten Erziehungsanstalten. Im J. 1760 begründete de l'Epée, zunächst aus eigenen Mitteln, eine T. zu Paris, die freilich erst in der Revolution 1791 zur Staatsanstalt erhoben wurde; 1778 verlegte Heinicke auf Veranlassung des Kurfürsten Friedrich August von Sachsen seine in Eppendorf bei Hamzurg bestehende Privatanstalt für Taubstumme nach eipzig. Bald nachher entstanden die Anstalten zu Wien, Berlin und Prag. Gegenwärtig finden sich in allen kultivierten ändern Europas T. In Deutschland gibt es 98, n Osterreich-Ungarn 18, in der Schweiz 12, in srankreich 50, in Italien 16, Großbritannien 27, chweden und Norwegen 21, Dänemark 3, Holland 4, Belgien 4, Rußland 13, Spanien 3, Portugal 1 T. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas befinden sich gegen 60 Anstalten. Trotzdem wächst immer noch ein großer Teil der bildungsfähigen (im Alter von 8 — 15 J. stehenden) Taubstummen ohne jeden Unterricht auf. Am meisten ist im Königreich Sachsen, der preuß. Provinz Hannover, Schleswig-Holstein, Württemberg und dem Großherzogtum Hessen für das Taubstummenbildungswesen gethan worden. In Preußen ist seit 1878 eine besondere Prüfungsordnung für Taubstummenlehrer eingeführt worden. Vgl. „Organ der Taubstummenanstalten in Deutschlando, herausgegeben von J. Vatter (Friedberg 1855 fg.); Walther, «„Geschichte des Taubstummenbildungswesenso (Bielef. u. Lpz. 1882). Taubstummenunterricht. Dieser ist sehr schwierig und erfordert seitens des Lehrers, welcher bei den Taubstummen immer zugleich Erzieher sein muß, eine unermüdliche Geduld und Ausdauer, Kenntnis der Sprache und Gewandtheit in der Entwickelung der Begriffe, weil bei ihnen dasjenige Organ fehlt, durch welches in der Regel der Seele Ideen und Kenntnisse zugeführt werden. Der nächste Zweck des T. ist, den Taubstummen dahin zu bringen, daß er andere versteht und sich ihnen verständlich machen kann. Hiermit geht Hand in Hand die Weckung und Übung der geistigen Kräfte, die Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Die Hauptsache bei dem T. sind mithin die Mittel, wodurch der Taubstummenlehrer und die Taubstummen sich gagensii verständlich machen, und deren Aneignung. Solche Mittel sind: 1) die natürliche Zeichen⸗ oder Geberdensprache, die ein Gemeingut der Menschen, aber bei dem auf sie beschränkten Taubstummen besonders ausgebildet ist. Dieses Verständigungsmittel ist bei dem ersten T. unentbehrlich, indem dasselbe den anfänglichen Verkehr der Taubstummen unter sich und mit dem Lehrer allein möglich macht. 2) Die künstliche oder methodische Zeichen⸗ oder Geberdensprache, die fast in jeder Anstalt eigentümlich ausgebildet, aber schwer zu erfinden und zu erlernen, auch zeitraubend ist, den Taubstummen von dem Studium der geistigen Mienensprache abzieht und deshalb in den deutschen Anstalten mehr und mehr verschwindet. 3) Die Finger-oder Handsprache, mittels welcher die Buchstaben des Alphabets durch die Bewegungen der Finger oder der Hand dargestellt werden. Sie hat noch weniger Wert als die künstliche Zeichensprache und ist fast ganz außer Gebrauch. 4) Die Schriftsprache ist ein Hauptmittel des T. 5) Die Tonsprache oder Lautsprache. Sie ist zwar von dem Tauben sehr schwer zu erlernen und erfordert sowohl von seiten des Lehrers als des Schülers einen großen Zeitaufwand, große Anstrengung und viel Geduld; aber einmal erlernt, ist die Möglichkeit zu jedem fernern Unterricht im Verhältnis zu den Schwierigkeiten des bisherigen so leicht geworden, daß sie als Zweck des Unterrichts angesehen werden muß. Die Lautsprache ist unstreitig die höchste Aufgabe in der Taubstummenbildung, wenn auch viele Taubstumme nur mit einer eintönigen, übellautenden Stimme sprechen oder auch nur undeutlich artikulieren lernen; der Taubstumme gelangt dadurch in den vollständigen Besitz der Sprache und wird in den Genuß der Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. Vorteile der menschlichen Gesellschaft eingesetzt und für das bürgerliche Leben vollkommen brauchbar gemacht. Indem er sprechen lernt, wird er zugleich in der Kunst des Ablesens vom Munde geübt. Er lernt durch aufmerksames Beobachten der Bewegungen der Lippen, der Zunge und zum Teil der Gesichtszüge nicht nur einzelne Worte, sondern zusammenhängende Sätze den mit ihm Sprechenden vom Munde abzusehen. Zu Welcher Fertigkeit es viele Taubstumme im artikulierten Sprechen, wie im Ablesen vom Munde bringen, davon gibt jede deutsche Taubstummenanstalt zahlreiche Beweise. Die genannten Unterrichtsmittel werden nun vorzüglich nach zwei voneinander abweichenden Hauptansichten beim T. benutzt. Außer der von beiden für gleich wichtig gehaltenen Schriftsprache hält die eine von ihnen, die deutsche von Samuel Heinicke begründete Schule, das laute Sprechen für das wichtigste Mittel zur Bildung der Taubstummen, während die andere, die von de l'Epée gegründete Schule, die Geberdensprache für die Muttersprache derselben ansieht und sich daher beim Unterricht auf sie beschränkt. Der ersten folgen alle deutschen Anstalten und auch im Auslande findet sie mehr und mehr Anerkennung, sodaß jetzt auch in Frankreich und Italien, in England und Nordamerika die Artikulationsmethode zur Geltung kommt und die Taubstummenlehrer-Kongresse zu Paris und Mailand sich mit großer Mehrheit für dieselbe ausgesprochen haben. Der Schweizer Konrad Amman zuerst lehrte die Taubstummen dadurch sprechen, daß er sie daran gewöhnte, auf die bei jedem einzelnen Laute veränderte Stellung der Organe des Mundes zu achten, sie mit dem Gesicht aufzufassen und vor dem Spiegel nachzuahmen. Während er einen Ton vorsprach, ließ er des Taubstummen Hand an seine Kehle halten, um die zitternde Bewegung zu bemerken, welche darin entstand, wenn er den Ton von sich gab. Bei dem Nachahmen dieses Tons ließ er dann die Hand an die eigene Kehle legen und gelangte so zum Aussprechen von Tönen, welche ein Taubstummer durch das bloße Nachahmen der mit dem Gesicht aufgefaßten Mundstellungen nicht würde haben hervorbringen können. Heinicke hat später diese Methode sehr vervollkommnet. Derselbe verwarf zwar die Geberdensprache nicht ganz, sondern fand in ihr ein brauchbares Mittel beim ersten Unterricht, das aber mehr und mehr in den Hintergrund tritt, je weiter der Schüler in der Lautsprache vordringt. Beim gegenwärtigen Unterricht der Taubstummen sucht man zunächst mit Hilfe der Augen und des Gesichts eine möglichst reine Artikulation zu erzielen und dem Schüler die größtmöglichste gel des im Ablesen vom Munde zu geben. Als Ziel des Sprachunterrichts gilt es, den Zögling dahin zu bringen, daß er. sowohl mündlich wie schriftlich seine Gedanken in einfacher, aber korrekter Form ausdrücken kann. In den. übrigen Fächern des Unterrichts ist das Ziel einer gewöhnlichen Volksschule auch das der Taubstummenschule, natürlich mit Ausnahme des Gesangs. Vgl. Hill,«Der gegenwärtige Zustand des Taubstummenbildungswesens in Deutschland) (Weim. 1866); Heil, Der Taubstumme und seine Bildung⸗ (3. Aufl., Hildburgh. 1880); Schöttle, «Lehrbuch der Taubstummenbildungo (Tüb. 1874): Vatter, früher Matthias, Organ der Taubstummenanstalten » (Jahrg. 1—32, Friedberg 1855 — 86). Lehr-und Sprachbücher für Taubstumme schrieben besonders Hill, Köbrich, Körting, Küppers, Arnold, Vatter, Rößler, Danger u. a.