Terracotta lital., d. i. gebrannte Erde) ist nach der ersten Bedeutung jede Arbeit aus gebranntem Thon, des Handwerks sowohl wie der Kunst, unglasiert, glastert, Fayencen und Porzellan. In beschränktem Sinne gebraucht, bezeichnet das Wort die unglasierten Gegenstände aus gebrannter Erde und ganz vorzugsweise die plastischen, Reliefs oder Rundfiguren. Diese Arbeiten sind so alt wie die Töpferei überhaupt. In den Gegenden Asiens, wo die Geschichtschreibung die Anfänge der Kultur Fuverlegt, Babylonien, Chaldäa, Assyrien, ist die Thonerde von Natur mit leicht sich verglasenden Weinstein⸗ und Natronsalzen vermischt, sodaß man die Kenntnis der Glasur für ebenso alt halten muß als die Erfindung der Töpfereien selbst. Die mythische Kunstgeschichte der Griechen läßt die Töpferkunst von dem Athener Koröbos oder von dem Korinther Hyperbios erfinden; allein die Kunstdenkmale Agyptens bezeugen, daß sie lange vor der Gründung Athens und Korinths bei den Agyptern blühte. Wahrscheinlich wurde die Thonplastik in der Töpferstadt Korinth am glücklichsten betrieben. Die irdenen Reliefs und Statuen der Korinther waren nicht minder geschätzt als ihre Gefäße. Plinius läßt die Thonplastik von Korinth nach Tarquinii hinkommen mit Demaratos und seinen Gefährten. Doch darf man annehmen, daß die Etrusker die Thonplastik, wie die Töpferkunst von ihrer uralten Wanderung aus Asien mitgebracht hatten. Gewiß ist, daß in Etrurien Reliefs, Statuen, Viergespanne oder einfachere Ornamente aus Thon gearbeitet wurden, die in den Giebelfeldern, wer den Akroterien und an andern Teilen der Tempel ihre Stelle fanden. Rom borgte zuerst von den Etruskern Staatsanstalten und Kunstprodukte. Tarquinius der Altere, Sohn des nach Etrurien geflüchteten korinth. Demaratos, der, von den Römern zum König ausgerufen, die Stadt Rom verschönerte, ließ aus Etrurien einen Künstler berufen, um ihm eine in den kapitolinischen Tempel zu weihende Jeulichen Ge von Thon zu verfertigen, die man bei festlichen Gelegenheiten mit Mennige anzustreichen pflegte. Aus Thon waren auch die e auf dem Giebel des ebengenannten Tempels aufbattendi Biergespanne. Nach den Etruskern atten die Römer die Griechen zu Lehrern. Plinius spricht von zwei griech. Künstlern, Damophilos und Gorgasos, die zugleich Thonbildner und Maler waren, und in dieser doppelten Eigenschaft den t 261 v. Chr. geweihten Tempel der Ceres, des Liber und der Libera, beim Circus maximus, verzierten. Aus einem Briefe Ciceros an Atticus sieht man, daß zu seiner Zeit die irdenen Reliefs ein Handelsartikel waren. Die Werke aus gebrannter Erde waren häufig bemalt, und bei vielen finden sich sehr deutliche Spuren von Farben. Andere hatten bloß einen farbigen Hintergrund. Überreste antiker T. hat man in Agypten, Kleinasien, Griechenland, Italien, Sicilien gefunden, und die meisten Anti uitätensammlungen enthalten eine beträchtliche Anzahl von Reliefs, Statuen und Geschirren aus gebrannter Erde. In der neuesten Zeit sind eine große Anzahl kleiner bemalter Terracottafiguren in den Gräbern bei Tanagra in Böotien aufgefunden worden, meist weibliche Gestalten, dem Leben nachgebildet und darum treue Repräsentanten griech. Frauen aus der Zeit Alexanders d. Gr. Viel gesucht und teuer gezahlt laber auch gefälscht) sind sie schnell zu hohem Rufe gelangt. (Dgl. Kekulé, «Die Thonfiguren von Tanagray, Stuttg. 1877.) Das Museum in Neapel hat den Vorzug, einige lebensgroße Figuren in T. zu besizen. Bisher hatte das Britische Museum die schönste Sammlung von Basreliefs, die größtenteils aus dem Townleyschen Kabinett und einige aus dem Museum des Sir Hans Sloane herstam—⸗ men. Seitdem aber die franz. Regierung 1862 die Sammlung des Marquis Campana zu Rom angekauft, — das Louvre in dieser Beziehung das Britische Museum nicht mehr zu beneiden. Die Campanasche wie die Townleysche Sammlung waren vorzüglich 4— an Basreliefs, welche sowohl an und für sich, hinsichtlich ihres Kunstwertes und ihrer Wichtigkeit für die Geschichte der Plastik, als auch in ihrer Eigenschaft von Wiederholungen verloren gegangener Werke der antiken Skulptur ein großes Interesse darbieten. (S. Tafel: Keramik, Fig. 1 u. 2.) Vgl. Combe, HDescription of the collection of ancient terracottas in the Britis3b Museumv (Lond. 1810, mit 40 Kupfern); Seroux d'Agincourt, „Recueil de fragments de sculpture antique en terre cuĩtev (Par. 1814); Campana, «Antiche opere in plasticav (Rom 1842, mit 80 Tafeln). Aus Italien kam die Thonplastik nach Gallien und Britannien, an den Rhein und die Donau, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Bei dem Einbruch der Barbaren sollte jedoch diese Industrie ihrem Untergange nicht entrinnen. Dieselbe gab mehrere hundert Jahre kein Lebenszeichen mehr, und das Mittelalter fand sie beinahe ganz vernichtet. Erst nach dem J. 1000 begann ein neuer Aufschwung. Aber die einfach gebrannte Töpferarbeitwar um diese Zeit sehr unvollkommen; sie bot nur noch schwere, barbarische Formen und ließ das Wasser durchsickern. Nun suchten und fanden die Töpfer wieder eine Glasierung für das Wasserdichtmachen der Gefäße; auch buntglasierte Dachziegel und Bodenfliesen waren ein eigentümliches Ornament des Außern und Innern vieler Kirchen des roman. und got. Stils. Nach diesem ersten Schritte blieb die Kunst lange stehen; sodann zeigt sich ein neues Vorangehen. An die Stelle der durchsichtigen Glasur setzte man ein undurchsichtiges Glas, d. h. den Schmelz. Dieser Schmelz ward als Glasur auf Stücke aus Thon angewendet, und so erfand man die Fayence (s. d.). Der florentinische Bildhauer Luca della Robbia (s. d.) wurde im 15. Jahrh. der Schöpfer einer neuen Gattung der Plastik, bestehend in Bildwerken aus gebranntem Thon, die weiß oder farbig glasiert waren und als architektonische Ornamente vielfacheAnwendung fanden. Gleichzeitig erblühte eine Plastik in unglasierter T. Die großen ital. Bildhauer des 15. Jahrh. haben viele Porträtbüsten in gebranntem Thon gearbeitet. Eine sehr schöne Kollektion besitzt das South-Kensington-Museum in London. Auch Bildhauer des 16. Jahrh. fuhren fort in derselben Weise zu arbeiten, z. B. in Venedig Alessandro Vittoria. Eine Anzahl seiner Terracottenbüsten ist im österr. Museum zu Wien. In Frankreich machte sich in der letzten Hälfte des 16. Jahrh. der Glasmaler Bernhard Palissy (s. d.) einen berühmten Namen mit seinen buntglasierten Figuren, Tieren, Vasen und andern Dekorationsstücken aus gebranntem Thon für die Verzierung der Grotten und Wasserwerke in fürstl. Schloßgärten. In den beiden letzten Jahrhunderten abermals vernachlässigt, wurde die T. erst in neuester Zeit wieder vielfach zu architektonischen Zieraten und Gliedern angewendet, indem man Ornamenteaus zebranntem Thon einsetzte. Aber auch die T. als Material der Bildhauerkunst ist wieder aufgelebt, und ganz besonders sind es franz. Bildhauer, wie Dubois, Carrier-Belleuse, welche sie ebensowohl zu Porträtbüsten wie zu ganzen Figuren verwenden. Zahlreich sind die kleinen Zierfiguren, welche gegenwärtig die Luxuskunst in Paris schafft. An andern Orten, z. B. in Wien, werden viel Vasen und Figuren für Gärten in T. gearbeitet. [Bari.