Thiers (Louis Adolphe), berühmter franz. Staatsmann und Geschichtschreiber, geb. 15. April 1797 zu Marseille, studierte in der Akademie zu Aix die Rechte und ließ sich dort in den Advokatenstand aufnehmen. Bald jedoch wandte er sich der Geschichte, Politik und Nationalökonomie zu und ging 1821 nach Paris, um Journalist zu werden. Dort schrieb er zuerst für den «Constitutionnebo, damals das vornehmste Organ der liberalen Partei, und trat in dessen Redaction ein. Seiner Thätigkeit gelang es in kurzer Zeit, sich zu einem Wortführer des Liberalismus emporzuschwingen, zumal seine Geschichte der Französischen Revolution v in allen Kreisen des Volks mit großem Enthusiasmus aufgenommen ward. Im Verein mit Armand Carrel und Odilon Barrot gründete er den Nationalp, dessen erste Nummer 1. Jan. 1830 unter seiner Oberleitung erschien. Das Auftreten dieses neuen Blattes, das sich durch die Kraft und Kühnheit der Polemik viele Leser und Mitarbeiter erwarb, war für die damalige Lage ein polit. Ereignis. T. berühmter Ausspruch: «Der konstitutionelle König herrscht, aber regiert nichto (Le roi regne, il ne gourerne paso) wurde das Schlagwort des Tags. Als am Morgen des 26. Juli 1830 die Ordonnanzen (s. d.) erschienen, versammelten sich die Redacteure aller liberalen Journale im Bureau des National' und entwarfen unter T. Einfluß eine heftige Protestation, die als Einleitung zu dem beginnenden Kampfe gelten konnte. T. nahm persönlichen Anteil an den Unterhandlungen mit dem Herzog von Orléans und wurde nach der Julirevolution zum Staatsrat und Generalsekretär im Finanzministerium (im August), unter Laffitte (im Nov. 1830) zu dessen Unterstagtssekretär ernannt. Als Abgeordneter der Stadt Air trat er in die Deputiertenkammer ein. Bei Laffittes Rücktritt im März 1831 blieb T. in derselben Stellung unter dem Ministerium Casimir Perier, und nach Periers Tode wurde er in dem Kabinett vom 11. Olt. 1832 Minister des Innern. Ein Zerwürfnis mit seinen Kollegen bewog ihn, im Dez. 1832 das Departement des Innern mit dem des Handels und der öffentlichen Arbeiten zu vertauschen. In dieser Stellung zeichnete T. sich aus durch gemeinnützige Schöpfungen und Bauten, sowie durch Werke, die den bonapartistischen überlieferungen schmeichelten, wie die Herstellung des Napoleonischen Standbildes auf der Vendömesäule und die Vollendung des Triumphbogens de l'Etoile. Seit 13. Dez. 1834 war er Mitglied der Akademie. Während er sich dem Hofe, trotz manches Zerwürfnisses, notwendig zu machen wußte, unterhielt er mit der liberalen Partei ein gewisses freundliches Verhältnis. Unter solchen Umständen blieb er in dem 4. April 1834 umgestalten Kabinett und übernahm wieder das Ministerium des Innern. Seine Strenge und Energie gegen die demokratischen Aufstände in Paris und Lyon entzweiten ihn jedoch dauernd mit seinen alten republikanischen Freunden. Als im Febr. 1836 das vielfach modifizierte Ministerium abtrat, erhielt T. den Vorsitz in dem neuen Kabinett mit dem Portefeuille des Auswärtigen. In der innern Politik den Eingebungen Ludwig Philipps nachgebend, wollte er in Spanien zu Gunsten des Liberalismus einschreiten, scheiterte aber an dem Widerstande des Königs, sodaß er schon 26. Aug. zurücktrat und sich an die Spitze der Opposition stellte. Am 1. März 1840 wurde er Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen. Als solcher ordnete er die Zurückführung der Leiche Napoleons I. von St. Helena an, trat der Quadrupleallianz vom 15. Juli entgegen, wollte den Vizekönig von Agypten unterstützen, sprach von der Eroberung der Rheingrenze und veranlaßte den Beschluß, Paris zu befestigen. Da der König vor einem Kriege zurückscheute, gab T. 20. Okt. 1840 seine Entlassung ein. Er grisf mit neuem Eifer den schon früher gefaßten Plar auf, die Geschichte Napoleons zu schreiben, zu wel chem Zwecke er die Schlachtfelder in Deutschland und Italien bereiste. Bis zum Sturze des Juli königtums führte er die Opposition gegen das Guizotsche Ministerium und die Politik Ludwig Philipps. sollte T. 24. Febr. mit Odilon Barrot ein neues Kabinett bilden; aber es war zu spät. Die Republik wurde proklamiert. Bei den allgemeinen Wahlen in die Nationalversammlung wurde er nicht gewählt, sondern erst bei den Ergänzungswahlen vom 4. Juni. Bald war er einer der Führer (der sog. Burggrafen) jener Majorität, die der sozialistischen Linten und dem Bonapartismus gegenüber sich zu behaupten suchte. Seine im Sommer 1851 nach London und Claremont unternommene Reise schien auf orleanistische Restaurationstendenzen hinzuweisen. Da er den imperialistischen Plänen Ludwig Napoleons entgegenwirkte, wurde er beim Staatsstreich 2. Dez. 1851 verhaftet und des Landes verwiesen. Nachdem er einige Zeit in England, der Schweiz und Oberitalien verlebt, erhielt er 1852 die Erlaubnis zur Rückkehr nach Frankreich, wo er sich histor. Arbeiten widmete. Seine mehrfach ins Deutsche (unter anderm unter Leitung von Bülau, 20 Bde., Brüss. 1845—62, und von Burckhardt und Steger, 4 Bde., Lpz. 1845—61) übersetzte Mistoire du Cousulat et de IEmpirer (20 Bde., Par. 1845 —62) war die Frucht dieser Muße. Bei den Neuwahlen von 1863 wurde er in Paris zum Mitgliede des Gesetzgebenden Körpers gewählt und bewährte hier in den Reihen der Opposition seine alte Beredsamkeit. Bei den Neuwahlen vom Mai 1869 wiedergewählt, lieh T., wie die meisten der Altkonstitutionellen (Orleanisten), anfangs dem Ministerium Ollivier seinen Beistand. Als Napoleon III. im Juli 1870 die span. Thronfolgefrage zum Vorwand gebrauchte, um den Deutsch Französischen Krieg von 1870 und 1871 zu entzünden, war T. einer der wenigen, welche gegen solche Überstürzung protestierten, und erklärte, daß adie Gelegenheit zum Kriege schlecht gewählt und Frankreich nicht gerüstet seis. Nach dem Sturze des Kaisertums übernahm T. (12. Sept.) eine diplomatische Mission an die Höfe von London, Petersburg, Wien und Florenz, um diese entweder in Gemeinschaft oder einzeln zu einer Intercession für Frankreich zu bewegen. Unverrichteter Sache heimgekehrt, begab er sich in das deutsche Hauptquartier zu Versailles, um mit Bismarck über einen Waffenstillstand zu unterhandeln, während dessen Dauer eine Nationalversfammlung zur Entscheidung über Fortsetzung des Kriegs oder Friedensschluß gewählt werden sollte. Die Unterhandlungen (30. Okt. bis 6. Nov.) scheiterten jedoch an „Forderung der Verproviantierung von Paris, welche Bismarck ohne ein militärisches Aquivalent nicht zugestehen wollte. Darauf begab T. sich nach Tours, von wo aus er 9. Nov. 1870 einen Bericht über seine fehlgeschlagenen Waffenstillstandsunterhandlungen veröffentlichte, der sämtlichen Großmächten, sowie der Türkei und Spanien mitgeteilt Wurde. Von dieser Zeit bis zur Kapitulation von Paris hielt er sich von allen öffentlichen Geschäften fern. Als nach Abschluß des Waffenstillstandes die Wahlen zur Nationalversammlung ausgeschrieben wurden, ward T. von der legitimistisch-orleanistischen Partei an die Spitze ihrer Kandidatenliste gesellt und an 26 Orten, unter anderm auch in Paris (8. Febr. 1871), gewählt. Nach Eröffnung der 17. Febr. zum Chef der Exekutive gewählt, worauf er ein aus Männern der verschiedensten polit. Richtung zusammengesetztes Kabinett ernannte. Die erste Aufgabe T.“ war, mit dem Sieger einen Frieden zu schließen. In Begleitung des Ministers Favre reiste er nach Versailles, um selbst mit Bismarck zu unterhandeln, und unterzeichnete, nach vergeblichen Bemühungen um günstigere Friedensbedingungen, 26. Febr. die Präliminarien. Hierauf kehrte er nach Bordeaux zurück und erlangte von der Nationalversammlung mit 546 gegen 107 Stimmen die Ratifikation (1. März). Kaum war auf seinen Vorschlag 10. März der Beschluß geaßt, den Sitz der Nationalversammlung nach Versailles zu verlegen, als 18. März der furchtbare Aufstand der Commune von Paris ausbrach. Seiner Energie gelang es, den Aufstand zu lokalisieren und etwa w130000 Mann unter dem Marschall Mac-Mahon zu seiner Bewältigung zusammenbringen. Am 10. Mai wurde der definitive Friede zu Frankfurt a. M. unterzeichnet. Nachdem die Commune von Paris, die noch 14. Mai das Haus T.“ hatte demolieren lassen, ihr blutiges Ende löiung de erließ T. 29. Mai ein Dekret betreffs Aufösung der Nationalgarde des Seinedepartements. Die nächste Aufgabe T.“ war, das Land möglichst ald von der Occupation zu befreien und die Kriegskostenentschädigung von 5 Milliarden aufzubringen, was ihm durch erfolgreiche Anleihen noch vor der im Frieden festgesetzten Zeit gelang. Am 31. Aug. wurde er zum 4Präsidenten der Französischen Republiko auf drei Jahre ernannt. Die monarchischen Parteien aber, namentlich die legitimistisch-orleanistische, sahen sich in den auf T. gesetzten Hoffnungen getäuscht, da dieser sich nicht mehr scheute, seine Uberzeugung auszusprechen, daß unter den obwaltenden Verhältnissen die Republit die einzig mögliche Staatsform sei. In Beziehung auf Handelspolitik Anhängerdes Schutzzollsystems, setzte er in der Nationalversammlung die Kündigung der Handelsverträge durch. Sehr lebhaft war das Interesse an der 27. Mai 1872 beginnenden Diskussion, über das neue Wehrgesetz, bei der T., wenn auch erst nach harten Kämpfen, über General Trochu und andere Gegner seines Entwurfs den Sieg davontrug. Ein großer Erfolg für ihn war das Riesenanlehen von 3½ Milliarden, auf welches 30. Juli 1872 44Milliarden gezeichnet waren. So war T. in den Stand gesetzt, den Verpflichtungen nachzukommen, welche er durch den am 29. Juni 1872 über die Zahlung der Kontributionsgelder abgeschlossenen Vertrag gegen Deutschland übernommen hatte. Auf diese Erfolge gestützt, richtete T. an die Nationalversammlung, als sie 11. Nov. 1872 wieder zusammentrat, eine Botschaft, worin er die definiive Proklamierung der Republik und verschiedene Verfassungsreformen befürwortete. Die gesamte klerikale Rechte wies den Gedanken ines republikanischen Definitivums mit Entschieenheit zurück und beschloß seinen Sturz. Da T. ei der Neubildung des Kabinetts 18. Mai 1873 ie Mehrheit gänzlich ignorierte und die Minister usschließlich aus den Reihen der konservativen tepublikaner nahm, so brachte jene 19. Mai eine interpellation über die Bildung des Ministeriums in. Nach heftigen Debatten und nach genauer harlegung der Sachlage seitens T. wurde 23. Mai das von der Rechten beantragte Tadelsvotum gegen das Ministerium mit 360 gegen 344 Stimmen angenommen. Darauf zeigte T. seinen Rücktritt von der Prüsidentschaft an. Mit 368 gegen 339 Stimmen wurde seine Dimission angenommen, worauf der Marschall Mac-Mahon noch in derselben Sitzung zum Präsidenten der Republik gewählt wurde. Aufs neue zog sich T. vom öffentlichen Leben zurück, betrat nur noch einmal die Rednerbühne, um gegen die Herabsetzung der militärischen Dienstzeit zu sprechen, nahm jedoch an den Wahlen regen Anteil. Die Wahl zum Senator in Belfort lehnteer 30. Jan. 1876 ab und nahm die eines Abgeordneten des 19. pariser Wahlbezirks 20. Febr. an. Nach der Einsetzung des Broglieschen Ministeriums 16. Mai 1877 unterschrieb er das von Gambetta verfaßte Manifest der 363 an die Nation. T. starb 3. Sept. 1877, 80 J. alt, infolge eines Schlaganfalls zu St.⸗Germain-en-Laye und wurde 8. Sept. auf dem Kirchhof Pere-Lachaise zu Paris beerdigt. Statuen von ihm wurden zu Nancy 3. Aug. 1879 und zu St.⸗Germain-en-Laye 19. Sept. 1880 enthüllt. Verheiratet war T. mit Clise Dosne (gest. 12. Dez. 1880), Tochter des Generalsteuereinnehmers des Norddepartements, die ihm mehrere Millionen Mitgift in die Ehe brachte und dadurch ein unabhängiges Leben verschaffte. Die Ehe war kinderlos. Vgl. Richardet, Histoire de la présidence de T.v (Par. 1876) 5 Simon, Le gouvernement de monsieur T.v (Par. 1878); Eggenschwyler, T.“ Leben und Wirken⸗(Bern 1878); „Adolphe T.» (in „Unsere Zeite, Jahrg. 1878, 0): „T. als Geschichtschreiber» (in Unsere Zeito, Jahrg. 1877, II).