Thorbecke (Joh. Rud.), hervorragender niederländ. Staatsmann, geb. 15. Jan. 1798 zu Zwolle, studierte in Leiden die Rechte, auf mehrern deutschen Universitäten Philosophie, habilitierte sich zuerst in Gießen, dann in Göttingen als Privatdocent und kehrte im Herbst 1824 nach Amsterdam zurück. Nachdem er die Schrift Bedenkingen aangaande het Regt an den Staato (Amsterd. 1825) veröffentlicht, erfolgte 1825 seine Ernennung zum Professor der polit. Wissenschaften an der Universität zu Gent. Von da begab er sich 1830 beim Ausbruch der Revolution nach Leiden und trat in die dortige jurist. Fakultät ein. Nachdem er durch seine Schriften Aanteéekening op de Grondweto und Proeve van herziene Grondweto für eine Verfassungsänderung eingetreten, wurde er 1840 in die Kammer gewählt, der er bis 1844 angehörte. Nach der franz. Februarrevolution von 1848 wurde er als Mitglied einer Kommission zur Revision der Verfassung berufen. Der Entwurf derselben erhielt die Genehmigung der Kammern und der Krone. Im J. 1849 ward T. Minister des Innern und bald Haupt des Kabinetts. Die von ihm entworfenen organischen Gesetze, wodurch die in der Verfassung niedergelegten Grundsätze praktisch durchgeführt werden sollten, wurden von den Generalstaaten angenommen. Indessen hatte die sog. Aprilbewegung, eine durch die Errichtung von Bischofssitzen hervorgerufene Aufregung, den Könis 1853 veranlaßt, das Ministerium T. zu entlassen. Seitdem war T. als Mitglied der Zweiten Kammer Führer der Opposition und übte auch als solcher einen überwiegenden Einfluß auf. Im J. 1862 erfolgte abermals seine Berufung an die Spitze des Ministeriums, dessen Thätigkeit aber den Erwartungen nicht entsprach. Zwiespalt unter seinen Parteigenossen, besonders hinsichtlich der Kolonialverwaltung, nötigten ihn im März 1866 aus dem Ministerium zu treten, während sein Amtsgenosse, der Kolonialminister van der Putte, beauftragt wurde, ein neues Ministerium zu bilden, welches, der Stütze T.s beraubt, sich nur wenige Monate halten konnte. Unter dem darauffolgenden Ministerium Zuylen-Heemskert übernahm T. wieder die Leitung der Opposition. Er griff dessen Politik in der Luxemburger Frage (5. April 1867) scharf an. Am 23. Mai 1868 mit der Bildung eines Ministeriums beauftragt, brachte T. 2. Juni das Kabinett Fock zu Stande, ohne selbst einzutreten. Nach dem Rücktritt desselben übernahm T. 4. Jan. 1871 zum dritten mal das Ministerium des Innern. Die Ablehnung eines Gesetzentwurfs über die Einkommensteuer veranlaßte jedoch 2. Mai 1872 ihn und seine Kollegen, um Entlafung zu bitten. Während der bis 1. Juli dauernden Ministerkrisis starb T. 4. Juni 1872 im Haag. Seine Parlamentsreden erschienen als Parlamentaire redevoeringen9 (6 Bde., Deventer 1867 — 70), nach seinem Tode seine Korrespondenz mit Groen van Prinsterer aus den J. 1830—32 (Amsterd. 1873). Sein Denkmal in Amsterdam wurde 18. Mai 1876 enthüllt. Vgl. Olivier, Herinneringen aan I.5 (Haag 187²).