Tiedge (Christoph Aug.), deutscher Dichter, geb. 14. Dez. 1752 zu Gardelegen in der Altmark, wo sein Vater (gest. 1769 als Konrektor am Gymnasium zu Magdeburg) damals Rektor war, studierte die Rechte in Halle und wurde dann Sekretär bei einem Advokaten zu Magdeburg. Doch gab er 1781 die jurist. Laufbahn auf und ging als Erzieher nach Ellrich in der Grafschaft Hohnstein. Hier trat er in Verbindung mit den Dichtern Göckingk, Gleim und Klamer Schmidt, machte auch schon die nähere Bekanntschaft der Frau von der Recke (s. d.). Er wandte sich 1788 auf Gleims Einladung nach Halberstadt, wurde 1792 Gesellschafter des Domherrn von Stedern und blieb nach dem Tode desselben als Erzieher der beiden Töchter bei dessen Familie, mit der er 1794 nach Magdeburg und 1795 in die Nähe von Quedlinburg zog. Im J. 1799 siedelte er nach Berlin über, wo er 1803 wieder mit Frau von der Recke zusammentraf. Als Gesellschafter machte er mit ihr mehrjährige Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Italien (1804 -6) und blieb seitdem als treuer Lebensgefährte in ihrer Nähe, erst zu Berlin und seit 1819 zu Dresden. Hier lebte T. auch nach dem 1833 erfolgten Tode seiner Freundin, durch deren Letzten Willen für seine letzten Lebenstage gesorgt war. Er starb 8. März 1841. T. erwarb sich als Dichter zuerst einen Namen durch seine poetischen Episteln. Er neigte sich zur didaktischen Poesie und zu sentimentalen und elegischen Schilderungen des Natur⸗ und Seelenlebens hin. Im J. 1800 trat er mit seiner Urania » (18. Aufl., Lpz. 1862), einem lyrisch-didaktischen Gedicht, hervor, das große Verbreitung fand, und dessen lyrische Teile später von Himmel in Musik gesetzt wurden. Wiewohl der sentimentale Rationalismus, der in dem Werke webt, gegenwärtig weniger Anklang findet, bleibt doch die Planmäßigkeit des Ganzen, die zu Grunde liegende sittliche Gesinnung und viel Gelungenes im einzelnen immer noch der Anerkennung wert. Eine Art Fortsetzung der Uranias bilden die-Wanderungen durch den Markt des Lebenso (2 Bde., Halle 1833; neue Aufl. 1836). Allgemeinen Beifall fanden seine „Elegien und vermischten Gedichte (2 Bde., Halle 1803; 2. Aufl., 3 Bde., Halle 1814—23). Im J. 1812 erschien ein idyllischer Liederroman „Das Echo, oder Alexis und Idav, 1815 der Liederroman «Annchen und Roberte (Halle 1815). Seine Denkmale der Zeit » (Lpz. 1814) sind eine Sammlung Gedichte aus den J. 1806 — 14, welche den Schmerz über das unterjochte Vaterland und die Freude über dessen Befreiung ausdrücken. Auch lieferte er eine anziehende Biographie: Anna Charlotte Dorothea, Herzogin von Kurland» (Lpz. 1823). Eine Ausgabe seiner Gesammelten Werker besorgte sein Freund Eberhard (8 Bochn., Halle 1823 — 29). Vgl. „T.s Leben und Nachlaßo (herausg. von Falkenstein, 4 Bde., Lpz. 1841); Eberhard, Blicke in T.s und in Elisas Leben» (Berl. 1844). Die nach dem Tode T.s zu Dresden 1841 begründete Tiedge-Stiftung hatte ursprünglich den Zweck, das Grab des Dichters zu erhalten und einzelnen Dichtern und Künstlern oder deren Witwen und Kindern Unterstützungen zu gewähren. Anfänglich nur auf Sachsen beschränkt, konnte jedoch diese Stiftung 1860, nachdem ihr ein Dritteil des Reinertrags der von Major Serre auf Maxen veranstalteten Schiller-Lotterie überwiesen worden, ihre Wirksamkeit auf ganz Deutschland ausdehnen und einzelne deutsche dichterische Werke von Bedeutung durch Preise auszeichnen. Ende 1885 betrug das Vermögen der Stiftung 654714 Mark, das vom sächs. Kultusministerium verwaltet wird.