Tigré oder Tigrié, das nördlichste der drei Reiche, aus welchen das heutige Abessinien zusammengesetzt ist, außer der alten und ursprünglich allein so genannten Provinz Tigré sämtliche Landschaften nördlich und östlich von Takazzie (J. d.) umfassend. T. besteht fast durchweg aus Hochland, das im Durchschnitt nicht tiefer als 1300 m herabgeht, gegen Norden zu terrassenförmig 2000 m, im Osten, nach der Samhara hin, 2500 m ziemlich jäh abstürzt, hier aber von mehrern steilen Pässen durchschnitten ist, worunter der nach Massaua führende Taranta- und der nach Zulah und Hamfila ausgehende Sanafepaß. Auf den weiten Hochebenen erheben sich ganze Gebirgssysteme und vereinzelte vulkanische Kegelberge von majestätischen, zum Teil grotesken Formen. Manche dieser Amben oder natürlichen Felsfestungen stürzen über 1000 m hoch senkrecht ab und gleichen kolossalen Naturgebäuden. Mit ihrer meist platten Oberfläche, die gewöhnlich mit Wasser versehen, dienen sie häufig den kriegführenden Parteien als Zufluchtsorte. Die höchsten Berge hat die Provinz Agamé (Sanafe 2678 m, Alequa 3375 m); etwas niedriger sind sie in der Provinz T. (Semajata 3092 m, Hitscha 2965 und Waalta-Hazim 2590 m); außerdem viele isolierte 2—3000 m hohe Kegelberge. Der südliche, meist aus Plateaus bestehende Teil T.s, welcher von zahlreichen Thalschluchten durchrissen ist, hat seine Abhänge gegen den Takazzie und dessen östl. Nebenflüsse, erhebt sich aber in der Provinz Lasta wieder zu Höhen von 2000 — 3800 m. Nur die nordwestl. Grenzlandschaften gegen Barka und das Land der Bazen, namentlich zwischen Mareb und Takazzie, gehören der feuchten, tiefen und ungesunden Region der Kollas an. Mit Ausnahme des Anseba, welcher bei Tsazega in Hamasen entspringt und, nach Norden fließend, seine Wasser durch den Barka dem Roten Meere zuführt, gehören alle Ströme T.s dem Nilgebiete an. Haupt- und Grenzstrom ist der reißende Takazze oder Takazzie (. d.). Die Bewohner sind semit. Kaukasier, fast durchgehends Christen der kopt. Kirche, meist heller als ihre südwestl. Nachbarn in Amhara. Ihre Sprache ist nordwärts vom Quellland des Anseba und Marib das Tigré, sonst insgemein das Tigrisia (s. Athiopische Sprache), in Lasta auch das Agow. Hauptstadt ist seit dem Verfall des alten Axum (s. d.) Adowa (s. d.) oder Adoa. Die alte Geschichte T.s fällt mit derjenigen Athiopiens (s. d.) zusammen. Nachdem vom alten abessin. Staat sich Schoa abgelöst hatte, bildete T. ein Reich zusammen mit Amhara, das letztere unter Scheinkönigen in Gondar, welche die faktische Gewalt in den Händen des Ras oder Major-Domus ließen. Diesen zunächst kamen an Macht die Statthalter von T. Sabagadis, Herrscher von T., machte sich vom Könige in Gondar unabhängig, wurde aber um 1830 vom Dedschasmatsch Ubie gestürzt und getötet. Ubieé herrschte nun unbeschränkt als der mächtigste Fürst in Abessinien überhaupt, bis 1855 sein Sturz nach einer auf den Schneebergen Semens gegen den Dedschasmatsch Kasa (s. Theodor II.) verlorenen Schlacht erfolgte und er in Ge-Teis usant geriet. Von da an wurde T. wieder Teil des abessin. Reichs unter Theodor II. und dessen Nachfolger Johannes.