Totentanz (lat. Chorea Machabaeorum, frz. la Danse Macabre) nennt man eine seit dem 14. Jahrh. in Aufnahme gekommene Gattung von Dicht⸗ und Bildwerken, welche in einer Reihe allegorischer Gruppen unter dem vorherrschenden Bilde des Tanzes die Macht des Todes über das Menschengeschlecht zu veranschaulichen suchen. Das Resultat der wissenschaftlichen Forschungen, die in neuerer Zeit über den interessanten Gegenstand angestellt worden, ist der Hauptsache nach folgendes. Obwohl die altgerman. Vorstellungen vom jenseitigen Leben durch die Einführung des Christentums fast vollständig verdrängt wurden und die Kirche alle weitere Bestimmung darüber für sich in Anspruch nahm, bemächtigte sich doch auch der Volksgeist des Gedankens vom Tode, namentlich seitdem im 14. Jahrh. weitverbreitete Seuchen und andere Nöten die allgemeine Stimmung in hohem Grade aufgeregt hatten. An die Stelle der alten Mythologie trat eine ausgebildete Allegorie, die je nach dem Charakter der verschiedenen Zeiten selbst verschiedenartig sich gestaltete. So ward früh der Tod in einfachen, großartigen Zügen als Ackersmann verbildlicht, der das Feld des Lebens mit Blut düngt, als gewaltiger König, der mit seinen Heerscharen das Menschengeschlecht befehdet, u. s. w. Als später, mit dem stärker sich geltend machenden Bewußtsein des Volks, der Gegensatz zwischen der Lust des Lebens und der unausweichbaren Gefahr das Gemüt tiefer ergriff, drängte sich bitterer Humor in den Vordergrund, der aus der Allgemeinheit des menschlichen Schicksals einen herben Trost entnahm und es zu verschmerzen hoffte, indem er sich darüber spottend äußerte. So wurde der Tod als ein geschickter Spieler dargestellt, der jedem die angebotene Partie abgewinnt, häufiger noch als Reigenführer, dessen Zuge jeder Stand und jedes Alter sich anschließen muß, in welcher Eigenschaft er oft als schadenfroher Spielmann vorausspringt. Die Kunst, wie die Malerei und die Skulptur, und die Dichtung bemächtigten sich des Gegenstandes, doch erst in ausgedehnterm Maße, als der Volkshumor eine religiöse Färbung annahm und die Tendenz eines memento mori, eines frommen Todesgedankens sich daran knüpfte. Da Tanz und Drama noch eng verbunden waren, in geistlichen Schauspielen in und bei Kirchen auch häufig aufgeführt wurden, entwickelten sich jene Vorstellungen sehr bald zu dramatischer Dichtung und Schaustellung. Es gestaltete sich ein Drama einfachster Art, bestehend aus kurzen, meist vierzeiligen Wechselreden zwischen dem Tode und ursprünglich 24 nach absteigender Rangfolge geordneten Personen. Aufführungen solcher Art lassen sich in Deutschland und Frankreich bereits im 14. Jahrh. nachweisen. Wie es scheint, hat man den sieben Makkabäischen Brüdern mit ihrer Mutter und Eleasar (2 Makk. 6, 7) entweder selbst eine hervorragende Rolle darin zugeteilt oder die Aufführungen zuerst auf deren Gedächtnisfest verlegt. Daher die Bezeichnung „Makkabäischer Tanzo. In Frankreich (marché aux innocentso) und England waren im 15. Jahrh. Totentanzbilder populär. Eine anhaltende, mannigfaltige und eigentümliche Behandlung fand indessen der Stoff in Deutschland. Eine Wandmalerei in einer Kapelle der Marienkirche zu Lübeck von 1463, deren niederdeutsche Verse zum Teil gerettet sind, zeigt noch eine sehr einfache Form des T.: 24 menschliche Gestalten, Geistliche und Laien in absteigender Rangordnung vom Papst und Kaiser bis hinab zum Klausner und Bauer, sowie Jüngling, Jungfrau und Kind, zwischen je zweien derselben eine Todesgestalt, nicht als Gerippe, sondern als verschrumpfte Leiche mit umhüllendem Grabtuch, ziehen hier nach alter Weise des Tanzes im Reigen, voran ein einzelner Tod pfeifend und springend. Aus etwas späterer Zeit ist erhalten ein T. in der Marienkirche zu Berlin mit 28 Paaren. Gegen Ausgang des 15. Jahrh. fällt der im Kreuzgange des Klingenthals, eines ehemaligen Frauenklosters der Kleinstadt Basel, mit 38 Tänzergruppen. Alter sind die frühesten Holzschnittwerke, die diesen Gegenstand behandeln. Während die Dichtkunst endlich den Stoff zu verschmähen begann, nahm sich desto eifriger die bildende Kunst seiner an. Aus der Verborgenheit des Frauenklosters trug man den T. zu Basel in die Offentlichkeit über, indem man ihn an der Kirchhofsmauer des Predigerklosters anbrachte, wo er bald ein Wahrzeichen der Stadt und Anlaß zur Redensart «Der Tod von Baselo wurde. Herzog Georg von Sachsen ließ nach 1534 längs der Mauer am dritten Stockwerk seines Schlosses zu Dresden ein steinernes Relief von 24 lebensgroßen Menschen- und Todesgestalten ausführen, welches, im großen Brande von 1701 stark beschädigt, auf den Kirchhof der Neustadt Dresdens übertragen und wiederhergestellt wurde. Berühmter noch ist der T., den etwas früher Nikolaus Manuel an die Kirchhofsmauer des Predigerklosters zu Bern mit 41 Figuren malte. überhaupt war es der Predigerorden, der diese Darstellung sich vorzugsweise zu eigen machte. Der berühmteste T. ist der, welchen Lützelburger nach den Zeichnungen Hans Holbeins des Jüngern in Holzschnitt ausführte und worin die ganze Anschauung eine völlig neue und wahrhaft künstlerische Gestalt erhielt. Während man bisher zu schildern gesucht, wie der Tod keinen Stand und kein Alter verschont, lag es Holbein vielmehr daran zu zeigen, wie der Tod mitten hereinbricht in den Beruf und die Lust des Erdenlebens. So sah er vom Bilde des Tanzes ab und gab abgeschlossene Scenen, durchweg von erschütternder Wirkung, so klein an Umfang sie auch ausgeführt sind. Auch zeichnete er ein Alphabet mit Totentanzdarstellungen. Die Originalzeichnungen der Imagines mortis v, wie Holbein sein größeres Werk nannte, befinden sich in Petersburg. Die beste Reproduktion in Lichtdruck nach dem Exemplar im berliner Kupferstichkabinett hat Lippmann 1875 herausgegeben. Im 16., 17. und 18. Jahrh. entstanden Totentänze noch zu Füssen, Konstanz, Luzern, zu Kukuksbad in Böhmen, Freiburg, Erfurt u. s. w. In neuester Zeit behandelte Alfred Rethel den Stoff in großartiger Weise, Bechstein sogar wieder in einem Gedicht. Die alten Gemälde zu Basel und Bern sind größtenteils zerstört. Vgl. Peignot, Recherches sur les danses des morts „ (Dijon u. Par. 1826); Douce, &The dance of deatho (Lond. 1833); Maßmann, «Litteratur der Totentänzer (Lpz. 1841); derselbe, «Baseler Totentänze (Stuttg. 1847); W. Wackernagels Abhandlung in Haupts 4«Zeitschrift für deutsches Altertume» (Bd. 9, Lpz. 1853). [Klopfkäfer.