Besessene, daemoniaci, obsessi, oder wegen der gewöhnlich für einflußreich gehaltenen Mondzeit una) auch lunatici, d. h. (nach juüd. Ansicht) von einem bösen Geiste oder (nach griech. Ansicht) von den Geistern Verstorbener in Besitz Genommene, nannten vornehmlich die Juden die in Palästina und Phönizien häufig vorkommende Klasse der epileptisch Kranken, sowie auch die von gewaltsamer Verkrümmung, von gänzlicher Taubheit, Blindheit, von Wahnsinn, Tobsucht und Melancholie Heimgesuchten. Es ist eine durchgehende Ansicht der Alten Welt, daß außerordentliche Zustände und Thätigkeiten des Menschen, welche auf die gewöhnlich zur Erscheinung kommenden Kräfte nicht zurückgeführt werden können, der Einwirkung eines oder mehrerer se Mei Geister det sich schon werden müssen. Diese Meinung findet sich schon bei Homer, Herodot, Euripides und Spätern, und hat sich zum Teil bis tief in das Mittelalter aufrecht erhalten. So wurden noch im 14. und 15. Fahrh. die sog. dansatores (Tänzer), d. h. von religiöser Tanzwut Ergriffenen, unter Anrufung des eil. Veit (daher Veitstanz) beschworen. Wie das te, das außerhalb der Schranken gewöhnlicher Kraft von großen Männern oder ungewöhnlich gesteigerter Erregung geleistet wurde, auf die unmittelbare Wirksamkeit des Heiligen Geistes, au die Inspiration der Musen, auf die unmittelbare Mitthätigkeit, wohl selbst Wen päente. der guten Götter zurückgeführt zu werden pflegte, so wurden auch krankhafte Zufälle, denen keine Willenskraft und kein Mittel der gewöhnlichen Heilkunst zu widerstehen vermochte, ganz entsprechend auf die bösen Geister zurücgefahrt. Zauberformeln, Beschwörungen traten daher an die Stelle der Heilkunst, und die jüd. Exorzisten (Teufelaustreiber) Dmn teten (nach Josephus), die nötigen Formeln, Wunderwurzeln und Steine von Salomo her zu besitzen. Die guten Geister schienen so, der Idee der Heilung als des natur⸗ und gottgemäßen Zustandes entsprechend, ihr Amt der Bannung und Vernichtung böser Geister zu vollziehen. Auch Jesus hat, auf diese Volksansicht fußend, nach den synoptischen Evangelien B. geheilt, während das Johannes-Evangelium diese Art der Wunder Jesu nicht erwähnt. Aber Jesus greift nicht zu magischen Beschwörungen, sondern übt durch die Macht seiner Persönlichkeit eine rein geistige Macht — die Kranken aus, die gerade deshalb um so mehr als eine wunderbare, seine Messiaswürde bezeugende erscheinen mußte. Daß es noch in neuester Zeit — an Verteidigern der Lehre vom Besessensein der Menschen durch Dämonen gefehlt hat, zeigt namentlich das Beispiel von Justinus Kerner und vieler am Buchstabenglauben festhaltender Theologen. Vgl. Delitzsch, Biblische Psychologies (2. Aufl. 1861).