FeedTragkraft
TechnikBrockhaus 1882

Tragkraft oder Festigkeit nennt man in der praktischen Mechanik den Widerstand, welchen ein Körper vermöge seiner Kohäsion (s. d.) der Trennung seiner Teile durch äußere Einwirkung entgegensetzt. Je nach der Richtung der trennenden Kraft unterscheidet man die «absolutes Festigkeit oder T., welche ein Körper beim Zerreißen zeigt, die arelatives beim Zerbrechen, die «reagierenden beim Zerknicken oder Zermalmen und die «Torsionsfestigkeito beim Zerdrehen oder Zerwürgen. Statt der drei erstgenannten Arten macht man neuerdings nur den Unterschied zwischen Zug und Druck. Die genaue Kenntnis der Festigkeit der Materialien ist bei allen architektonischen und technischen Konstruktionen unerläßlich. Um die absolute Festigkeit zu bestimmen, befestigt man einen Körper an dem einen Ende und beschwert ihn an dem andern so lange mit Gewichten, bis er zerreißt. Dann berechnet man, um vergleichbare Resultate zu erlangen, wie viel Gewicht (in Kilogrammen) nötig sein würde, um einen Stab des Körpers von 1gem Querschnitt zu zerreißen. Auf diese Weise ergeben sich für verschiedene Körper deren Festigkeitskoefficienten (für Zug). So ist z. B. für jenen Querschnitt die T. in Kilogrammen bei hartem Stahl 11000, bei Schmiedeeisen 5300, bei Eichenholzkern 1800, bei Hanfseilen 600, bei Blei nur 62 u. s. w. Um von solchen Angaben praktische Anwendung machen zu können, führt man der Sicherheit wegen nur einen gewissen Teil der T. (Tragmodul, Sicherheitskoéfficient) in die Rechnung ein, z. B. bei Metallen nur den vierten oder fünften, bei Hölzern nur den sechsten, bei Steinen den zehnten Teil und zwar für den Zustand der Ruhe; fur den der Bewegung oder Erschütterung noch weniger. Von großem Einfluß auf die T. ist die Form des Querschnitts der in Anspruch genommenen Körper, besonders in Rücksicht auf relative und absolute Festigkeit. Stricke aus feinen Fäden und wenig gedreht, zeigen mehr T. als stärker gedrehte aus gröbern Fäden. Ebenso ist auch ein Seil, aus vielen Eisendrähten gewunden, fester als ein gleich langer und gleich schwerer massiver Eisenstab. Bei der relativen T. kommt es außer auf den Querschnitt vor allem auf die Gestalt und zweckmäßige Form des tragenden Körpers an. Sie steht im umgekehrten Verhältnis zur Länge des letztern und kommt vor allem bei Berechnung der Dimensionen weitspannender Träger (s. d.) in Betracht. Nur das genaueste Studium aller hier einschlagenden Verhältnisse hat es ermöglicht, jene Wunderwerke moderner Baukunst, wie die Röhrenbrücken über Meeresarme, Hängebrücken u. s. w. zu konstruieren.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 789Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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