Treitschke (Heinr. Gotthard von), namhafter deutscher Geschichtschreiber und Publizist, geb. 15. Sept. 1834 zu Dresden, Sohn des 1867 daselbst verstorbenen sächs. Generallieutenants von T., besuchte die Kreuzschule seiner Vaterstadt und widmete sich dann zu Bonn, Leipzig, Tübingen und Heidelberg staatswissenschaftlichen Studien. Nach seiner Promotion lebte er zu Göttingen, wo er ein Heft «Vaterländische Gedichtes (Gött. 1856) veröffentlichte. Diesen folgte eine Sammlung anderer Gedichte unter dem Titel «Studien » (Lpz. 1857). Inzwischen war T. nach Leipzig übergesiedelt, wo er sich Ende 1858 mit der Schrift »Die Gesellschaftswissenschaft» (Lpz. 1859) an der Universität habilitierte. Er las hier über staatswissenschaftliche und histor. Stoffe, wie über Geschichte der polit. Theorien, vergleichende Geschichte des engl. und franz. Staats u. dgl. Die Erfolge, die er mit seinen histor. Vorlesungen erzielte, veranlaßten ihn, seine Studien ganz dem geschichtlichen Fache zuzuwenden. Er trug seitdem vorzugsweise deutsche Geschichte vor, bis er sich im Frühjahr 1861 nach München wandte, um daselbst auf einige Zeit ungestört geschichtlichen Arbeiten zu leben. sein Jan. 1862 nach Leipzig zurückgekehrt, setzte er seine akademischen Vorträge unter stets wachsendem Beifall fort. Im Herbst 1863 folgte er einem Rufe als außerord. Professor nach Freiburg i. Br., legte aber im Juni 1866 aus polit. Gründen dieses Amt nieder und ging nach Berlin. Hier übernahm er die Redaction der & Preuß. Jahrbücherv, an denen er schon seit 1858 mitgearbeitet hatte. Im Herbst 1866 erhielt er eine ord. Professur der Geschichte an der Universität Kiel, übernahm 1867 den durch Häussers Tod erledigten Lehrstuhl in Heidelberg und wurde Ostern 1874 an die Universität in Berlin berufen. Unter T.s histor.⸗polit. Schriften haben mehrere großes Aufsehen erregt, besonders die tagespolit. Abhandlungen, welche in dem Buche »Zehn Jahre deutscher Kämpfe 1865—74 (2. Aufl., Berl. 1879) gesammelt sind; die «Histor. und polit. Aufsätze v (5. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1886), enthaltend 1) Charaktere, vornehmlich zur neuern deutschen Geschichte, 2) die Einheitsbestrebungen zerteilter Völker (Bundesstaat und Einheitsstaat, Cavour, Die Republik der Niederlande), 3) Freiheit und Königtum (Bonapartismus, Konstitutionelles Königtum in Deutschland); «⸗Der Sozialismus und seine Gönners (Berl. 1875), eine Streitschrift gegen die sog. Kathedersozialisten. Anfang 1879 erschien der erste Band seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrh.⸗ (Lpz.), auf 5 Bände berechnet, von denen bis 1885 drei erschienen waren. Seit 1871 ist T., als Abgeordneter des rhein.⸗preuß. Wahlkreises Kreuznach-Simmern, Mitglied des Reichstags, schloß sich hier an die nationalliberale Partei an und zeigte sich in allen großen polit. Fragen als einen der entschiedensten Kämpfer für Befestigung der deutschen Einheit und für Herstellung einer starken Reichsgewalt. Sowohl seine Reden als seine Schriften zeichnen sich durch Lebendigkeit und Frische, durch klares und offenes Erfassen des Ziels, durch vollständige Beherrschung des ganzen histor. Apparats aus.