Tripölis od.Tripoli ltürk. Tarabulissi-Gharb), ehemals der östlichste unter den vom Osmanischen Reiche abhängigen Staaten der Berberei in Nordafrika, jetzt in unmittelbarem Besitz der Pforte befindliches türk. Vilajet, wird im W. von Tunis, im N. vom Mittelmeer, im O., gegen Agypten zu, vom 25.“ östl. L. (von Greenwich), im S. von der Wüste begrenzt. Innerhalb dieser Grenzen, die viele nur nominell zu T. gehörige Wüstenstrecken umfaßt und das Paschalik Fezzan (s. d.) und das Plateau von Barka J. d.) mit einbegreift, hat T. einen Flächeninhalt von etwa 1033 349 qkm, von welchen auf die eigentliche Regentschaft T. nur 220240 akm entfallen. Hinsichtlich seiner physischen und ethnogr. Beschaffenheit kommt T. im allgemeinen mit den andern Ländern der Berberei (Marokko, Algier, Tunis) überein. Doch unterscheidet es sich insofern von dem westl. Teile der Berberei, als es weniger den Charakter des anbaufähigen Landes, sondern mehr den des steppenartigen Biledulgerid (s. d.) trägt und nirgends scharf von der Wüste getrennt ist, die mannigfach in das Land hineintritt und sich stellenweise bis ans Meer erstreckt. Der größte Teil ist Sand oder völlig vegetationsloses Gebirgsland (Dscheble). Doch ist T. weniger gebirgig als der westl. Teil der Berberei, indem nur die östlichen niedrigen Ausläufer des Atlas die Ebene des Landes unterbrechen. Der Küstenstrich ist durchaus niedrig und sandig; längs des westl. Syrtenrandes zieht sich sehr fruchtbares Weideland hin, namentlich in der Umgegend der Hauptstadt gedeihen alle Südfrüchte, Baumwolle, Krapp und Wassermelonen. Dieser 22 km lange und 7 km breite Strich mit 3000 Brunnen und der üppigsten Vegetation in seinen 8000 Gärten heißt Meschia; seine Bewohner sind wohl kriegspflichtig, aber frei von jeder Steuer. Dagegen ist die Küste im Osten vom Kap Mesurato, in dem Landstriche Syrt (Wüste), höchst unfruchtbar, größtenteils durch hohe Dünen mit zwischenliegenden Salzsümpfen bedeckt. Nach dem Innern bleibt das westl. T. fortwährend niedrig bis zum Fuße des Ghurian und des Binnenplateau Dar-el-Dschebel, welches anfänglich südost⸗, dann ostwärts, dem Gestade parallel, sich fortsetzt. Es erstreckt sich bis zum Nordrande der Oase Fezzan als ein zusammenhängendes, nur durch 130—160 m tief eingesenkte Thäler (Wadis) durchschnittenes Ganzes, das zum Teil sehr fruchtbar und üppig, mit Feigen, Datteln und Oliven angebaut, teils öde ist. Während im Ghurian sekundäre Sedimentesteine sich zeigen, treten aus demselben kegelförmige, mit Kratern versehene vulkanische Berge, wie der Tekut, auf, die sich über den Kalkgebilden erheben. Diese Kalksteinplateaus bilden auch das Hochland der durch den Süden des eigentlichen T. und den Norden von Fezzan ziehenden Hamadawüste, bis sie von den Graniten der Sahara abgelöst werden. Infolge seiner im ganzen steppen- und wüstenartigen Beschaffenheit hat das Land keinen einzigen bedeutenden Fluß. Dagegen findet sich längs des Küstensaums und am Fuße des Ghurian eine Reihe Quellen, welche zur Regenzeit periodische Bäche bilden, die nach kurzem Laufe dem Meere zueilen oder wieder versanden. Das Klima ist im ganzen gesund, im Sommer sehr heiß, namentlich wenn der Samüm aus der Sahara weht. An der Küste herrscht europ. Frühling, und nur selten hat man Schnee beobachtet. Auf den innern Hochflächen kündigt sich der Winter durch heftige, mit Stürmen und Gewittern verknüpfte Regen an. Die Bevölkerung wird auf über 1010000 Seelen geschätzt. Sie besteht, wie in der übrigen Berberei, hauptsächlich aus Mauren in den Städten, aus arab. Beduinen und berberischen Ureinwohnern (Ademser) auf dem Lande. Außer diesen, sämtlich dem Islam angehörig, gibt es wenige Türken in den Militärposten, viele Juden und einige Europäer in der Stadt T. Hauptbeschäftigungen sind Viehzucht und Handel, von denen erstere vorzugsweise von den nomadischen Beduinen, letzterer, meist Karawanenhandel, von den Mauren betrieben wird. Der Feldbau ist von minderer Bedeutung, doch liefert das Ghurian vorzüglichen Mais, Weizen und Gerste. Die Hauptprodukte des Landes sind Schafe mit schöner Wolle, Kamele, Rindvieh, Büffel, Pferde, Tierhäute, Weizen, Datteln, Südfrüchte aller Art, Wein, Oliven, Johannisbrot, Krapp, Safran, Lotusbohnen, Koloquinten, Sennesblätter, Ricinusöl, Wachs und Honig, Salz, welches Seen und Sümpfe an der Küste in Menge liefern, und Schwefel in der Nähe des Sidragolfs. An den Küsten betreiben Griechen mit 300 Barken bedeutende Schwammfischerei. Die Hauptgegenstände des Handels sind europ. Manufakturwaren, die bis ins Innere Afrikas verführt werden, Sklaven, Straußenfedern, Elfenbein, Sennesblätter, Saffian, Gummi und Gold, welche durch Karawanen aus dem Sudan und der Wüste ankommen, während von den Produkten des Landes selbst Getreide, ö§l, Wolle und Vieh (Rindvieh nach Malta) ausgesührt werden; 1875 wurden für 275600 Pfd. St. Waren eingeführt, wovon für 127000 brit. Manufakte und für 28000 aus andern Ländern. Die Ausfuhr bestand in Esparto, für 122500 Pfd. St., Straußenfedern für 125000, Elfenbein, Weizen, Gerste, Butter, Krappwurzeln, Goldstaub und hatte einen Wert von 503250 Pfd. St. Der Handel mit dem Ausland geht fast ausschließlich über die Haupthäfen T. und Bengasi; im Innern ist Mursuk ein wichtiger Handelsplatz. T. wird in die fünf Sandschaks oder Bezirke Tarablus, Fezzan, Dschebel-Gharbieh, Hams oder Chamsi und Bengasi eingeteilt, deren jedes einen Kaimakam an der Spitze hat. Die Hauptstadt T. steht für sich unter dem Besehle des Generalgouverneurs. Die Einnahmen der Regierung, Hafenzölle, wenige direkte Abgaben, Steuern von den Ol-und Dattelpflanzungen, Transitzölle und Gewerbesteuern der verschiedensten Art, belaufen sich auf 1200000 Mark, von denen der vierte Teil, nach Abzug der Verwaltungskosten, an die Türkei abgeliefert wird. T. steht ganz unter der Botmäßigkeit des Sultans. Die Hauptstadt Tripolis, ital. Tripoli, arab. Taräbulus-el-gharb (das T. des Westens, zum Unterschiede von dem syrischen Taräbulus), im Altertum Oca, zählt etwa 30000 E., darunter 2000 Christen, größtenteils Malteser, und 3000 Juden, welche ein eigenes Stadtviertel, Harra genannt, bewohnen und vorzugsweise den Handel in Händen haben. Die Stadt liegt auf einer Landzunge am Mittelmeer, bietet mit ihren schlanken Minarets und Moscheenkuppeln von fern einen hübschen Anblick und ist von einer hohen, mit sechs Bastionen geschützten Mauer umgeben. Sie hat enge, aber für eine Stadt des Orients auffallend reinliche Straßen, gute Karavanserais, europ. Gasthöfe und ein schönes Schloß des Bei, zwölf Moscheen, drei Synagogen, eine griech. und eine kath. Kirche nebst einem Franziskanerkloster, das außer den koptischen in Agypten eins der allerältesten ist, öffentliche Bäder, Fabriken von Korduan, Teppichen, Leibbinden u. s. w. Von den Altertümern aus der Römerzeit verdient ein prachtvoller Triumphbogen zu Chren Mare Aurels mit Marmorskulpturen und Inschriften Erwähnung. T. ist der Haupthandelsplatz des Landes und auch die Eingangspforte zu Innerafrika, wohin von hier aus die bedentendste Karawanenstraße über Mursuk und Bilma nach Bornu führt. Die Zahl der 1879 im Hafen eingelaufenen Schiffe beläuft sich auf 749 von 195523t Gehalt. Die Verbindung mit Europa besorgen über Malta eine franz. und eine engl. Dampferlinie und der nach Malta führende Telegraphendraht. T. ist Sitz eines deutschen Vizekonsuls für Tripolitanien. T. bildete im Altertum den östlichen, nur mittelbar dazugehörigen Teil des Gebiets von Karthago, die Regio Syrtica, welche bei den sikelischen Griechen nach den drei bedeutendsten Städten Oea, Sabrata und Leptis den Namen T. führte. Das Land ward nach dem zweiten Punischen Kriege 201 v. Chr. von den Römern an die Könige von Numidien verliehen, nach deren Unterwerfung (46 v. Chr.) mit der röm. Provinz Afrika vereinigt und durch den hier geborenen Kaiser Septimius Severus in eine eigene Prorincia Tripolitana verwandelt. Die Anwohner dieser Küste erscheinen bei Prokop unter dem Gesamtnamen Asvada, bei den Arabern als Lewäta. Im J. 644 eroberten die Araber unter Amru das Land und führten daselbst den Islam ein. Nach dem Zerfall des Kalifats der Abbäsiden stand T. mit Tunis zusammen unter dem Namen Ifrikija von 801 bis 909 unter der Herrschaft der Aghlabiden, hierauf unter der der Fatimiden, Almoraviden und Almohaden. Im 14. Jahrh. war T. mit Tunis unter den Abu Hafsiten vereinigt. Am 26. Juli 1510 wurde die Stadt T. von den Spaniern unter Navarro mit stürmender Hand genommen und gehörte von 1530 bis 1551 den Johannitern. Im J. 1551 wurde T. von dem türk. Seeräuber Dragut erobert und zur türk. Provinz gemacht. Seitdem war das Land einer der Hauptsitze der Seeräuber in Nordafrika. Als das Ansehen der Pforte sank, wurde T. zu einer anarchischen Janitscharendespotie, wie Algier. Die europ. Mächte suchten sich teils durch Verträge und Tribut, teils durch Waffengewalt gegen den Raubstaat zu sichern. Den Seeräubereien setzte zuerst 1663 der engl. Admiral Blake durch einen Vertrag eine Grenze, und als die Piraten sich wortbrüchig zeigten, zerstörte John Narborough mit einem Geschwader einen Teil der Hauptstadt und erzwang die Einhaltung der Verträge gegen England. Bedeutende Kriegszuge wurden von den Franzosen 1665 und 1728 gegen T. unternommen, die beide mit dem Bombardement und der fast gänzlichen Zerstörung der Stadt T. endigten. Doch erst die Eroberung Algiers durch die Franzosen machte dem Seeräuberwesen ein Ende. Unter mancherlei Stürmen dauerte die Piraten⸗ und Janitscharenwirtschaft in T. selbst bis 1835, wo endlich eine Expedition von Konstantinopel aus die Herrschaft der Familie Karamanli stürzte, aus der seit 1714 die Deis genommen worden, indem T. als Ejalet mit dem türk. Reiche verbunden ward. Vgl. Maltzan, «Reise in den Regentschaften Tunis und T.v (3 Bde., Lpz. 1870).