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ErdkundeBrockhaus 1882

Troja, auch Ilios oder Ilion, lat. IJlium, hieß die sagenberühmte Hauptstadt der eigentlich zu Mysien gehörigen Landschaft Troas in Kleinasien, welche die am Agäischen Meer liegende Küstenstrecke vom Vorgebirge Lecton bis zum Hellespont umfaßte, im Norden vom Gebirge Ida und dessen Verzweigungen begrenzt und von den Flüssen Skamandros und Simoes durchströmt wurde. Der Name wird gewöhnlich von Tros, der hier zuerst ein Reich gegründet haben soll, abgeleitet. Ihren unvergänglichen Ruhm verdankt die Stadt und die ganze Gegend dem besonders in den Homerischen Gesängen verherrlichten, durchaus sagenhaften Heereszuge der Griechen, dem sogen. Trojanischen Kriege, der mit der Eroberung und Zerstörung der Stadt endete (nach der unter den alten Chronographen verbreitetsten Ansetzung 1184 v. Chr.). Als Veranlassung dazu bezeichnet die Sage die Entführung der Helena, der Gemahlin des Königs von Lacedämon, Menelaos, durch Paris, den Sohn des trojan. Königs Priamus. Fast alle Fürsten Griechenlands, wie Agamemnon, Menelaos, Achilles, Odysseus, Nestor, Ajax u. a., nahmen mit ihren Völkern teil daran. Die Griechen suchten zuletzt, nachdem sie über neun Jahre lang die Stadt vergeblich belagert hatten, durch eine List ihren Zweck zu erreichen, indem sie auf den Rat des Odysseus und Kalchas ein großes hölzernes Roß zimmerten, das sog. Trojanische Pferd, und in dessen hohlen Bauch die tüchtigsten Helden verbargen. er schlaue Simon, den sie bei dem Pferde zurückgelassen hatten, während die ganze Flotte nach der Insel Tenedos (s. d. abgesegelt war, überredete die Trojaner, das Pferd als ein Weihgeschenk für die Göttin Athene in die Stadt zu führen. Als dies geschehen, stiegen zur Nachtzeit die Bewaffneten aus demselben, öffneten den durch Feuerzeichen herbeigerufenen Griechen die Thore und bewirkten so die Croberung der Stadt, bei welcher Priamus und sein ganzes Haus ihren Untergang fanden. Einen Teil der Bewohner soll Aneas nach Italien geführt, dort das Reich der Latiner erobert und diese mit den ausgewanderten Trojanern verschmolzen haben. Diese Sagen, deren dichterische Behandlung das antike Epos von der frühesten bis zur spätesten Zeit beschäftigt hat, sind keineswegs in bloße Allegorien: Darstellungen von Naturereignissen in mythischer Einkleidung, aufzulösen, wie Uschold («Geschichte des Trojanischen Kriegso, Stuttg. 1836) und Forchhammer (4Achillo, Kiel 1853) es versuchten, sondern sie haben jedenfalls einen freilich ganz von mythischer Hülle verdeckten histor. Kern; doch ist es sehr fraglich, ob als solcher ein gemeinsamer Heerzug der vereinigten griech. Stämme gegen den Mittelpunkt eines mächtigen troischen Reichs anzunehmen ist, oder ob die Sage verschiedene einzelne Kämpfe zwischen griech. (achäisch-äol.) Ansiedlern und den die Troas bewohnenden ungriech. Stämmen zu einem Gesamtbild verschmolzen hat. Als Hauptschauplatz des Kampfes erscheint in der Sage das weite Gefild, welches sich vom Lager der Griechen bis zur Stadt T. zwischen dem Ma und dem Vorgebirge Sigeum erstreckte, die Trojanische Ebene. Schon seit früher Zeit suchten die Umwohner den Reiz, der sich über diese Gegend ergoß, teils aus Ruhmsucht, teils um des Gewinns willen zu erhalten und zu befestigen. Man zeigte den Fremden die Gräber der gefallenen Helden, des Achilles, Ajax, Protesilaus, Hektor u. a., und sogar Alexander d. Gr. veranstaltete um diese Hügel glänzende Leichenspiele. Die Stelle der Stadt des Priamus nahm nach der im Altertum fast allgemein verbreiteten Ansicht die etwa seit der Mitte des 6. Jahrh. v. Chr. bestehende, durch Lysimachus (um 300 v. Chr.) beträchtlich vergrößerte griech. Ortschaft Ilion Won Neuern gewöhnlich Ilium novum, Neu-Ilion, genannt) ein. (S. Ilium.) Diese von verschiedenen neuern Gelehrten, wie LeChevalier, Ulrichs, Welcker u. a., bestrittene Annahme hat neuerdings eine bedeutsame Stütze erhalten durch die Resultate der Nachgrabungen, welche H. Schliemann (s. d.auf der Stätte des histor. Ilion, dem Hügel Hissarlik, in den J. 1871—82 veranstaltete. Derselbe hat hier unter den Überresten der histor. Stadt in verschiedenen Schichten bis zur Tiefe von 16 munter der jetzigen Oberfläche lüberreste von Mauern und Häusern, so- wie sehr zahlreiche Gefäße, Geräte, Waffen und Schmucksachen gefunden, die offenbar von verschiedenen (im ganzen sieben) Ortschaften, welche nacheinander auf der gleichen Stätte bestanden haben, herrühren; als Überreste des Homerischen T. betrachtet er die von 1113 m Tiefe reichende Trümmerschicht oder adie zweite Stadtꝰ. Dabei mußte freilich die geringe Ausdehnung der Hügelfläche, welche nur 64500 qm beträgt, auffallen. Nun haben aber die letzten, unter technischer Leitung des Architekten Dr. Dörpfeld durch Schliemann unternommenen Ausgrabungen auch die Existenz einer zur zweiten Stadto gehörigen Unterstadt von etwa 560: 350 meergeben, während besonders die Analogie mit Tiryns (s. d.) in den gewaltigen Resten auf dem Hügel immer deutlicher eine umfangreiche Herrscherburg erkennen läßt. Daß hier die bei Homer gemeinte Stadt gefunden ist, darf man kaum bezweifeln; auf der andern Seite wird niemand erwarten, die Einzelheiten auf dem wirklichen Lokal so vereinigt oder alle so beschaffen zu finden, wie der Sänger sie brauchte. (S. die Tafel: Ausgrabungen von Mykenä, Orchomenos, Tiryns und Troja, Fig. 16 —35, Bd. XIV, S. 408.) Die Litteratur über T. ist außerordentlich umfangreich, namentlich seit der Reise von Le Chevalier in den J. 1785—86: Voyage de la Troadep (3. Aufl., 3 Bde., Par. 1802); aus älterer Zeit sind hervorzuheben: Barker Webb, Topographie de la Troades (Par. 1844); Forchhammer, „Topograph. und physiograph. Beschreibung der Ebene von T. v (Frankf. a. M. 1850); Clarke, KThe Plain of Troyv (Edinb. 1863); aus neuerer Zeit vor allem Schliemann, Trojanische Altertümerv(mit Atlas, deutsch und franz., Lpz. 1874; engl.: Troy and its remainso, Lond. 1875); derselbe, «Iliose (mit Vorwort von R. Virchow, Lpz. 1881; engl., Lond. und Neuyork 1881; franz., Par. 1885); derselbe, Reise in der Troaso (Lpz. 1881); derselbe, Trojas (mit Vorwort von A. H. Sayce, Lpz. 1883; engl., Lond. und Neuyork 1883); ferner W. Christ, Die Topographie der trojan. Ebene und die Homerische Frage⸗ (Münch. 1874); Eckenbrecher, Die Lage des Homerischen T.v (Düsseld. 1875); O. Keller, Die Entdeckung Ilions zu Hissarlik (Freiburg 1875); A. Steitz, Die Lage des Homerischen T. (in den „Jahrbüchern für klassische Philologies, 1875); R. Hercher, aüber die Homerische Ebene von T. (Berl. 1876); Ed. Meyer, „Geschichte von Troaso (Lpz. 1877); CE. Brentano, (Alt⸗-Ilion im Dumbrekthalo (Frankf. a. M. 1877); derselbe, Troia und Neu-Iliono (Heilbr. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 859Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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