FeedTugend
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Tugend bedeutet ursprünglich (wie das lat. virtus) Tauglichkeit oder Tüchtigkeit, hat aber schon früh den engern Sinn bekommen, wonach es Lmtt auf die sittliche Tüchtigkeit bezogen wird. Somit versteht man unter T. die durch Erzie ung und Selbstgewöhnung erlangte Festigkeit des denschen, sich fur das Gute zu entscheiden und diese Gesinnung durch die äußere Handlung zu bethätigen. Unter einzelnen T. versteht man die Ausbildung diefer Festigkeit nach besondern Richtungen, in besondern Verhältnissen für die Lösung besonderer Aufgaben. Danach gehört sowohl der allgemeine Begriff der T. als auch die einzelnen T. der gemeinsamen sittlichen Vorstellungswelt des Menschengeschlechts an; aber der Wechsel der letztern läßt sich gerade an dem der besondern Tugendbegriffe darthun, und selbst die philos. Bestimmungen des allgemeinen Tugendbegriffs gestalteten sich schon im Altertum in den verschiedenen WMabesu nach der Verschiedenheit des niin Grundsatzes und der Gesamtansicht vom ittlichen überhaupt verschieden. Die Pythagoreer, welche alles auf Zahlenverhältnisse zurückzuführen pflegten, faßten in der T. den Charakter der Zusammenstimmung auf und nannten sie die Harmonie der Seele. Sokrates bestimmte die T. dahin, daß man das Gute, das man thun soll, erkenne und das Erkannte im Handeln bewirke. Von der Erkenntnis oder Weisheit hing ihm also die T. ab, welche er als unzertrennlich von der Glückseligkeit und als des Menschen höchstes Gut betrachtete. Plato setzte sie in die Nachahmung Gottes, indem durch Einheit und lübereinstimmung des Innern der Mensch Gott ähnlich werde. Für ihre Hauptformen erklärte er die vier nachher sog. Kardinaltugenden: Weisheit oder Besonnenheit, Tapferkeit oder Männlichkeit, Mäßigkeit oder Selbstbeherrschung und Gere tigkeit oder Rechtschaffenheit. Aristoteles „welcher die T. subjektiv in die vollkommene Thätigkeit der Vernunft setzte, unterschied die intellektuelle und die ethische T. Letztere war ihm die im Leben erworbene Vollkommenheit des vernünftigen Begehrens, welche sich als das Mittlere zwischen entgegengesetzten Neigungen (Extremen) darstellt. Unter den ethischen T. bob er die Tapferkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit, geziemenden Aufwand, Großsinnigkeit, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit, Freundschaftlichkeit, Sittsamkeit und Gerechtigkeit hervor, welche man die elf Kardinaltugenden des Aristoteles genannt hat. Die Stoiker und Epikureer waren einander in Hinsicht der T. entgegengesetzt. Die letztern, den Cyrenaikern folgend, setzten dieselben in den angenehmen Lebensgenuß, die erstern, den Cynikern folgend, in die durch Arbeiten und Entbehrungen zu erlangende Selbstherrschaft, in welcher das naturgemäße Leben bestehe. Die Neuplatoniker, sowie auch die Scholastiker hielten im ganzen an den Platonischen und Aristotelischen Bestimmungen fest, nur daß die letztern den philosophischen T. die Sost lichen in der Gestalt von Glaube, Liebe und Hoffnung hinzufügten. Was die neuere Philosophie anbelangt, so setzte Christian Wolf die T. in die Fertigkeit, seinen Zustand immer vollkommener zu machen, dagegen Hutcheson in die Ausbildung des moralischen Sinns für wohlwollende und uneigennützige Handlungen. Kant bestimmte die T. als moralische Stärke des Willens in Verfolgung der Pflicht oder in der Unterordnung der Neigungen und Begierden unter das Gesetz der Vernunft. Der Kantische Standpunkt ist in der deutschen Philosophie im ganzen der herrschende geblieben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 896Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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