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VerkehrBrockhaus 1882

Ulm, Hauptstadt des württemb. Donaukreises und deutsche Reichsfestung, liegt am linken Ufer der Donau, die hier die Iller und Blau aufnimmt und fur flache Transportfahrzeuge schiffbar wird, in einer schönen und fruchtbaren Ebene, am Fuße der östl. Ausläufer der Schwäbischen Alp. Die Stadt ist Sitz der Kreisbehörden und zählt (1885) mit der Friedensgarnison von etwa 5600 Mann 33611 E., worunter 8488 Katholiken. Die Festungswerke umschließen auch die auf dem jenseitigen Donau-Ufer gelegene Stadt Neu-Ulm. Sie wurden 1844—59 angelegt, seit 1876 teilweise umgebaut, verbessert und verstärkt, und bilden einen kaum in fünf Stunden zu umschreitenden Kreis von Mauern, Wällen, Gräben und Türmen, den wieder ein Gürtel von detachierten Forts umgibt, deren stärkstes entlegenstes auf beherrschender Höhe erst neuerdings erbaut wurde. Zwei steinerne Brücken, worunter eine Eisenbahnbrücke, fuhren hinüber nach Neu-Ulm. Die Stadt selbst trägt in den alten Teilen das Gepräge der alten Reichsstädte, ist eng, aber stattlich gebaut; elegant und großstädtisch ist die seit neuerer Zeit erstandene Neustadt gegen Norden, mit schönen Plätzen und Straßen. Weit überragt wird die ganze Stadt durch das großartige Münster, eins der schönsten Denkmäler altdeutscher got. Baukunst und zugleich die größte Kirche Deutschlands nächst dem Kölner Dom; fünfschiffig, im Innern 123,m lang und 44, mbreit, auf einer überbauten Fläche von 7010 qàm mit einem innern freien Raum von 5105 qm, der gegen 30000 Menschen faßt. Das Mittelschiff ist außerordentlich hoch mit 41,6 m, der Chor hat 26, m. Das Bezeichnende der ganzen eintürmigen Anlage (ohne Querschiff) ist Kühnheit und Großartigkeit. Der Anfang des Baues geschah 1377. Unter den Baumeistern sind zu nennen: Ulrich Ensinger 1392 —94 (Chor), Matthäus Ensinger von 1446 an, der den herrlichen Westturm bis zur Schiffshöhe baute, Moritz Ensinger von 1465 bis gegen 1477 (Mittelschiff‚ Matthias Böblinger 1477 —92, der Fortführer des Hauptturms bis zur Höhe des Vierecks mit 70m und Schöpfer des genialen Vollendungsplans, nach welchem gegenwärtig der Ausbau desselben auf die noch von keinem Turm erreichte Höhe von 160 m betrieben wird. Nachdem nämlich der Münsterbau mit dem Abtreten Böblingers vom Schauplatz ins Stocken geraten und 3½ Jahrhunderte geruht, begannen am 21. Aug. 1844 die von Freunden der alten Kunst (Professoren Haßler, Mauch u. a.) längst ersehnten und geplanten Restaurationsarbeiten. Münsterbaumeister Thrän errichtete die fehlenden Strebepfeiler und Strebebögen von kolossaler Spannweite, Scheu den äußern Chorumgang und die zwei Chortürme (86 m hoch). Nach Vollendung des ersten derselben wurde 30. Juni 1877 das 500jährige Dombaujubiläum durch einen der glänzendsten histor. Festzüge gefeiert. Im J. 1881 übernahm der Schüler Egles, Münsterbaumeister Beyer, das Werk der Vollendung des Hauptturms, welche, nach umfassenden Verstarkungsarbeiten, gegenwärtig in der Mitte des Achtecks, das auf 32 mberechnet ist, angelangt ist, worauf der glänzend entworfene, durchbrochene Helm mit 58 mefolgen wird. Währenddessen wird auch das Innere fortschreitend restauriert und bemalt. Der gesamte hölzerne Dachstuhl ist durch einen eisernen ersetzt. Die Hauptsehenswürdigkeiten des Innern sind: die beiden berühmten bemalten Fenster im Chor, von Hans Wild 1480, vier ältere von 1417 und 1449, neuere seit 1878 im Chor und Südschiff aus den Werkstätten von Zettler und Burkhard (Bessererfenster) in München; ferner das 1469 —74 von Jörg Syrlin dem Altern in Eichenholz geschnitzte Chorgestühl, das schönste und reichste des ganzen spätern Mittelalters; der Schalldeckel der Kanzel aus Lindenholz von Syrlin dem Jüngern 1510; das 26 m hohe Sakramentshäuschen um 1470, ein Juwel gotischer Zierkunst in Stein, und seit 1885 das große hängende Crucisix über dem Kreuzaltar, nach einem alten Original aus Syrlins Zeit geschnitzt: endlich eine Reihe kostbarer Gemälde von Martin Schaffner, Barthol Zeitblom und andern Meistern der Ulmer Schule, voran das erst 1877 aufgedeckte, von Weinmayer restaurierte kolossale und großartige Jüngste Gericht über dem Triumphbogen, wohl von Hans Schühlein um 1471 ausgefuhrt. In den äußern Portal-Giebelfeldern finden sich wertvolle alte Skulpturen. Außer dem Münster (Protestantisch) besitzt U. noch eine prot. (Hospital⸗ Dreifaltigkeitstirche, 1617—21 von Martin Buchmüller erbaut, mit trefflichem Renaissance-Chorgestühl vom J. 1620, eine kath. (Wengen⸗) Kirche, eine 1873 in maurischem Stil erbaute Synagoge. Unter den übrigen Bauwerken sind hervorzuheben: das Rathaus, oppelbau aus der gotischen und Frührenaissancezeit mit herrlicher, der Wiederherstellung entgegensehender Facadenmalerei, dessen unterer Ecke gegenüber sich ein schöner got. Brunnen, der sog. Fischkasten, befindet, das einzige bekannte steinerne Skulpturwerk des ältern Syrlin; das Ehinger⸗ oder Neubronnerhaus mit prachtvollen Renaissancetäfelungen, jetzt Gewerbemuseum, sowie das Bürglensche, von Schadsche, Knoderersche u. a. alte Privathäuser mit Säulenhöfen, die Jacksche Apotheke, im Holzstil restauriert, das Kraftsche Haus, das Museum mit altem Sgraffito, das von Venedig aus sich in U. einbürgerte; der neue Bau (1603) auf der Stätte der aiserl. Pfalz Karls d. Gr.; die Komturei des Deutschordens, 1712—18 erbaut auf der Stelle des alten, aus dem 13. Jahrhundert stammenden Ordensgebäudes, jetzt teils Schwurgericht, teils Artilleriekaserne; das Palais Herzog Heinrichs von Württemberg, seit 1839 Sitz der Kreisregierung, das Kornhaus, die Markthallen u. s. w.; aus neuerer Zeit der große und ungemein belebte Bahnhof, auf welchem sich sieben Schienenwege (Stuttgark-U., 1.⸗Friedrichshafen, Augsburg-U., U.⸗Kempten, Sigmaringen, U.⸗Heidenheim und U.Donauwörth) kreuzen und der Orientexpreßzug wöchentlich zweimal verkehrt; mehrere neue Kasernen, Villen, die Herberge zur Heimat. Von höhern Unterrichtsanstalten bestehen: ein Gymnasium mit Realgymnasium, eine Realschule mit Oberrealschule, eine Gewerb- und Fortbildungsschule, Frauenarbeitsschule, höhere Mädchenschule, Knaben-und Mädchen— Mittelschule. Die Stadt besitzt ein städt. Archiv, eine Bibliothek von 36000 Bänden, reich an seltenen Werken des 17. und 18. Jahrh., der Verein für Kunst und Altertum eine reiche Sammlung von Altertümern, alten Bildern, Schnitzwerken, Rommelschen Thonfiguren zur Kostümkunde des 18. und Anfang des 19. Jahrh. und eine wertvolle Bibliothek. U. ist einer der bedeutendsten Handelsplätze Württembergs und hat auch eine lebhafte und aufstrebende Industrie. Berühmt sind die ulmer Gemüse (Spargel), ulmer Gerste, ulmer Bier, das ulmer Zuckerbrot und die ulmer Pfeifenköpfe. Auch sind Leinwandbleichen, zahlreiche Brauereien, eine große Metallwarenfabrik, eine Hutfabrik, Fabriken für Feuerspritzen und Feuerlöschrequisiten, landwirtschaftliche Maschinen und Brauereigerätschaften Tabak und Cigarren, Goldleisten u. s. w. vorhanden. Sehr bedeutend ist der Handel mit Holz, besonders mit Brettern. Im Aufschwung begriffen ist der Tuch⸗ und Ledermarkt. Außerdem besteht ein lebhafter Produkten⸗ und Speditionshandel, sowie eine aufstrebende Donauhandelsschiffahrt. Die Ulmer Schachtelno (Schiffe) gehen (mit Asphalt) bis Wien. ben Neu-Ulm (s. d.) (1886) mit 7823 E. U. war früher Freie Reichsstadt des Schwäbischen Kreises, auf dessen Versammlungstagen sie den Vorsitz f ührte, l 1und hatte neben der Bevölkerung in ihren eigenen Mauern (zur Blütezeit im 15. Jahrh. etwa 20000 E.) ein Landgebiet von 640 àkm mit 38000 E. Gegen Ende des Mittelalters im Besitz großer Rechte, war sie stets eins der Hauptmitglieder der Bündnisse in Schwaben. An der Reformation nahm sie Anteil durch übertritt zum Augsburgischen Bekenntnis 30. Nov. 1530. U. kam 1803 an Bayern, 1810 an Württemberg: 1805 wurde es, nachdem die Franzosen unter Napoleon und Ney 14. und 15. Okt. bei dem nahen Elchingen gesiegt, 17. Okt. mit Kapitulation genommen und der österr. General Mack hier mit 26000 Mann kriegsgefangen. Vgl. Jäger, «U.s Verfassung u. s. w. im Mittelalterd (Heilbr. 1831); Dietrich, «Beschreibung der Stadt U. (Ulm 1825): Grüneisen und Mauch, „U.s Kunstleben im Mittelalter⸗ (Stuttg. 1840); Haßler, U.s Kunstgeschichte im Mittelalter»Stuttg. 1864); Fischer, Geschichte der Stadt U.»(Ulm 1863); Mauch,«Die Baugeschichte der Stadt U.»(Ulm 1864); Pressel, «U. und sein Münster⸗ (Ulm 1877) derselbe,

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 7Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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