FeedVendee
ErdkundeBrockhaus 1882

Vendee, ein franz. Departement, ungefähr das alte Niederpoitou umfassend, vom Atlantischen Meere im Westen begrenzt und nach der nur 75 Km langen Vendeée, einem rechtsseitigen Zufluß der Niortaise, benannt, zählt auf 6703,3 akm 4881) 421 642 E. Das Departement zerfällt in die drei Arrondissements La-Roche-sur-Hon, Fon-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVI. tenay-le-Comte und Les-Sables-d'Olonne, umfaßt in 30 Kantonen 299 Gemeinden und hat zur Hauptdes Landes sind die Sevre-Nantaise an der Nor ost⸗, die Sevre-Niortaise an der Südgrenze und der 104 km lange, 22 km weit schiffbare Lay zwischen beiden. Die V. teilt sich in drei verschiedene Terrainabschnitte: 1) Le-Marais (Morastland) an der Seekuste im Westen, teils mit Sümpfen und Morästen bedeckt, die zur Gewinnung von Seesalz benutzt werden, teils sandig, aber durch Kunst (Kanäle) und Fleiß in gutes Weide⸗ und fruchtbares Ackerland umgewandelt, gut bebaut und ergiebig an Hanf, Getreide, Gemüsen und selbst guten Weinen, aber Ghland und ohne Trinkwasser; 2) Le-Bocage (Buschland) im Norden, mit sehr unebenem, zerschnittenem Terrain, von seinen zahlreichen Gruppen von Gehölzen benannt, jetzt durch Benutzung der zahlreichen Bäche und Flüßchen größtenteils urbar gemacht und Obst Gemüse und ziemlich guten Wein liefernd; 3) La-Plaine (die Ebene) im Süden, das reichste Gebiet und zu jeder Kultur geeignet, Getreide aller Art, aber nur sehr mittelmäßigen Wein produzierend. Waldung hat die V. unter allen Departements am wenigsten. Von mineralischen Produkten sind wichtig die Steinkohlenlager von Chantonnay und Voupant. Auch besitzt das Land Eisen, Blei, Antimonium, verschiedene schöne Granitarten, hydraulischen Kalk, Mühlsteine, die Pelocheres genannten Steine, die zu Simsen u. s. w. verarbeitet werden, die zu Bijouteriewaren benutzten Pierres de Chamberteaud oder Diamants de la V., Töpferthon, Torf und mehrere eisenhaltige Quellen. Die Leritent 5 lebt größtenteils in einzelnen Weilern zerstreut, beschäftigt sich teils mit Feldbau und Zucht von Schlachtvieh, das nach Paris ausgeführt wird, teils mit Salzgewinnung dährlich 220000 metrische Ctr. im Werte von 410000 Frs.) und mit Fischfang, geringenteils mit Bergbau. Der franz. Handelsmarine liefert die VB. viele Matrosen. Die Industrie ist s Seera und beschränkt sich — Verwandlung des Seegrases in Pottasche, die Fabrikation von Hausleinwand, Segeltuch, Seilerwaren, groben Wollstoffen, Papier, Glas und „zaheeichen e auf Unterhaltung von Spinnereien, zahlreichen Wind⸗ und Wassermühlen, Kalköfen. Außer der Hauptstadt sind nennenswert Fontenay (s. d.) und Sables d' Olonne (s. d.). Auch gehören zum Departement die Inseln Noirmoutier, 7726 C. und Ile-Dieuoder d Heu, 3132C., die hauptsächlich von Fischerei, Austernfang, Salz- und Pottaschegewinnung und Küsten andel leben. Die V. ist geschichtlich berühmt dur die Bürgerkriege während der Französischen Revolution. In diesem Sinne aber versteht man unter V. nicht bloß das Departement dieses Namens, sondern rechnet dazu auch noch den größern Teil des alten Poitou und Teile von Anjou und der Bretagne. Diese Landstrecke umfaßt ungefähr 22000 ꝗkm und wird in einer Ausdehnung von 170 Em vom Meere bespült. Außer vielen kleinen Flüssen mündet in dem Bereiche auch die Loire. Wie im Departement V., so lebt die Bevölkerung der ganzen Küste in einzelnen Weilern, deren Gehöfte und Felder mit Gräben undHecken umschlossen sind; die Bauern sind meist Pächter, während der Grund und Boden dem Adel oder der Geistlichkeit gehört. Die Beschaffenheit des Landes hat den Bewohnern einen unabhängigen, wilden Charakter aufgedrückt und dustrie und Bildung ferngehalten. Die soziale luft, welche in Frankreich vor 1789 den Dritten Stand vom Adel und Klerus trennte, bestand dort nicht; vielmehr bildete die V. mit ihrer kelt. Bevölkerung, ihren an Nan und gesellschaftlichen Verhältnissen, ihrem Mangel an städtischer Kultur einen sehr scharfen Die Nen gegen die meisten übrigen Landesteile. Die Revolution fand darum Zan nur geringen Anklang. Schon 1790 war das and in Gärung, und die Streifzüge der Chouans s. d.) bildeten die Vorboten eines allgemeinen Aufstandes. Die Maßregeln gegen die Geistlichen, der Umsturz des Königtums und die Hinrichtung Ludwigs XVI. steigerten die Erbitterung. Es war alles zu einer Massenerhebung vorbereitet, als 12. März 1793 eine große Rekrutenaushebung den Anstoß zum Aufstande Nüed Zu St.⸗Florent wurde Cathelineau (s. d.), in Niederpoitou Charette (s. d.) zum Führer gewählt. Ehe ein Monat verging, zeigten sich in allen Gegenden bewaffnete Scharen unter Stofflet, Elbee und andern Führern, welche die einzelnen republikanischen Korps bekämpften. Mehrere Niederlagen nötigten die Vendeer um Mitte Mai, den Rest ihrer Streitmacht bei Bourbon-V. zu versammeln. Hier trat Henri de Larochejacquelein (s. d.) unter sie, der im Verein mit andern der Erhebung durch die Siege bei Fontenay le Comte (24. Mai 1793), bei Thouars, bei Saumur (10. Juni) einen größern Aufschwung gab. Man hatte, namentlich bei Fontenay, viele Gewehre, gegen 50 Kanonen und große Summen Geldes erbeutet und konnte nun erst die vorhandene Mannschaft einigermaßen bewaffnen. Auch machte man jetzt Saumur zum Mittelpunkt des ganzen Unternehmens, setzte einen Obern Rat ein und wählte Cathelineau zum Oberanführer. Die versprochene Unterstützung Englands blieb jedoch aus, weshalb die Armee der Vendeer die Loire überschritt, um die reichern Mittel jener Gegend für den Kampf auszunutzen. Ein am 29. Juni 1793 unternommener Angriff auf Nantes fiel so unglücklich aus, daß die Royalisten sich fast ganz zerstreuen mußten. Während so die Erhebung schon erloschen schien, beschloß der Konvent, dieselbe rasch und blutig zu unterdrücken. Zwei große Armeen, die eine von La-Rochelle aus unter Rossignol, die andere von Brest aus unter Canclaux, sollten das Küstenland unterwerfen. Außerdem ließ der Konvent die Garnison von Mainz auf den Schauplatz des Bürgerkriegs versetzen. Dagegen trafen auch die Vendeéer neue Anstalten, rüsteten ein Heer unter d'Elbee (an Stelle des 11. Juli gestorbenen Cathelineau), stellten sogar Reiterei auf und behaupteten, zum Teil durch den Zwiespalt und die Unfähigkeit der republikanischen — —5 das Feld. Der Konvent verdoppelte seine Anstrengungen und ließ den Krieg mit allen Mitteln der Zerstörung führen. Nur sehr allmählich gelang es, mit Übermacht die Aufftandichen zu erdrücken. Die brit. Flotte vermochte nicht zu landen, und Larochejacqueleins Zug nach der Küste, wo er die Hilfe erwarten wollte, brachte den Vendeern große Verluste. Auf dem Rückzuge siegte er zwar 21. Nov. in dem blutigen Gefecht bei Dol; aber 12. Dez. wurde er unweit Le Mans von Westermann und Marceau angegriffen und nach verzweifelter Gegenwehr zurückgeworfen. Gegen 10000 gefangene Vendeer, von jedem Alter und Geschlecht, mußten zu Le Mans sterben. Am 15. + erreichte Westermann abermals die Reste der Royalisten, welche in Unordnung der Loire zueilten. Die Unglücklichen gelangten noch bis Savenay, wo sie 23. Dez. 1793 den Republikanern vollends erlagen; nur Larochejacquelein und Stofflet entkamen mit wenigen Gefährten nach der Heimat. Die Gefangenen, Männer, Weiber, Kinder, schaffte man nach Nantes, und hier ließ sie Carrier (s. d.) in Masse durch Kartätschen niederschmettern und ertränken. Doch blieb noch immer Charette übrig, der sein Korps wieder verstärkte und den Republikanern harte Schläge versetzte. Der Konvent schien jetzt das Land veröden zu wollen. Die einfernalen Kolonnen» des Obergenerals Turreau hätten aber schwerlich den Widerstand besiegt, wäre nicht, zumal seit Larochejacqueleins Tode (28. Jan. 1794), die Uneinigkeit unter den Royalisten selbst ihnen zu Hilfe gekommen. Im Mai ward Turreau abgerufen, und seine Nachfolger 3069 0 ein milderes System ein, das namentlich nach Robespierres Sturze auch vom Konvent angenommen ward. Auf Carnots Vorschlag wurde 2. Dez. 1794 durch öffentlichen Aufruf den Vendéern Frieden und Verzeihung angeboten. Zugleich traten die Konventsabgeordneten mit den Häuptern des Aufstandes in Unterhandlung und bewogen 15. Febr. 1795 Charette zu La-Jaunaye zu einem Vertrage, dem 2. Mai Stofflet und andere beitraten. Als im Juni 1795 eine brit. Flotte das franz. Emigrantenheer zu Quiberon (s. d. ans Land setzte, begann jedoch Charette aufs neue den Kampf. Die Uneinigkeit der Führer, das Schicksal des Emigrantenheeres und die Maßregeln Hoches (s. d.) ließen indes die Erhebung nicht aufkommen. Hoche überzog das Land mit einem Netz von Truppen, zersprengte die Haufen, verschonte den gemeinen Mann, verfolgte aber die Anführer. Charette und Stofflet wurden im Frühjahr 1796 gefangen und Eswirder Der Aufstand drohte seitdem mehrmals wieder auszubrechen; die Politik Hoches und später die eiserne Hand Bonapartes erstickten indes diese Versuche im Keime. Eine völlige Unterwerfung der V. kam erst durch den Ersten Konsul im Jan. und Febr. 1800 zu Stande. Wiewohl der Landstrich, auf welchem der Bürgerkrieg gewütet, nur den 40. Teil Frankreichs betrug, waren doch mehr als 150000 Einwohner umgekommen. Trotz des Friedens behandelte Napoleon die V. immer mit Mißtrauen. Schon nach dem Ausgange des russ. Feldzugs von 1812 verweigerten die Vendeer Abgaben und Rekruten, und im Feldzuge von 1814 erhoben sich 80 000 Bauern, gingen aber nach Napoleons J. Abdankung auseinander. Während der Hundert Tage griffen die Vendeer unter Sapinaud und Suzannet abermals zu den Waffen. Napoleon schickte den General Lamarque egen sie, der die Ruhe in dem Augenblicke völlig herstellte, als die Kaiserherrschaft durch die Schlacht von Waterloo zum zweiten mal zusammensank. Die Bourbons überhäuften die Häupter der V. mit Gnaden und ÄAmtern. Nach der Julirevolution von 1830 erhob sich unter dem Adel der V. eine zahlreiche Partei, welche das Land zu Gunsten der alten Dynastie wieder in Aufstand zu versetzen suchte. In April 1832 schlich sich sogar die Herzogin von Berri in das Land ein, um einer Erhebung Nachdruck zu geben. Allein die Gefangennahme und die Erklärung der Herzogin, daß sie schwanger sei, brachten das Volk zur Besinnung. Die Regierung begann seitdem die Ausführung des von Napoleon angefangenen Straßennetzes und suchte nicht ohne Erfolg die Bevölkerung an die allgemeine Ordnung zu fesseln. vendée et des Chouans (4 Bde., Par. 1807); „La guerre des Vendéens et des Chouans contre la république française (6 Bde., Par. 1824 27); Crétineau-Joly, «Histoire de la Vendée militairep (5. Aufl., Par. 1865); außerdem die Memoiren Turreaus, Bonchamps, der Marquise von Larochejacquelein und der Frau von Sapinaud.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 145Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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