FeedWachstum
TierreichBrockhaus 1882

Wachstum nennt man die Fähigkeit organischer Körper, nach ihrer Entwickelung noch eine weitere Ausbildung und Veredelung zu erlangen, welche nicht bloß in einer Zunahme des Umfangs und Gewichts, sondern auch in einer gleichzeitigen innern Veränderung besteht. Es wird das W., welches übrigens nur bis zu einer bestimmten Grenze reicht, durch die Ernährung (s. d.) vermittelt und geschieht nicht durch Dicker⸗ und Längerwerden des schon Gebildeten, sondern durch Ansatz neuer Masse, welche sich, wie die ersten Bildungen, durch Entwickelung von neuen Zellen in einer formlosen Ernährungsflüssigkeit oder aus schon vorhandenen Zellen (Mutterzellen) und durch Fortbildung dieser Zellen zu Geweben erzeugt. Sowie die verschiedenen Organe des Körpers nicht gleichzeitig entstehen, sondern nacheinander, ebenso wenig wachsen die einzelnen Teile des Organismus in gleichem Verhältnisse, vielmehr sind schon manche ausgebildet, während andere erst zu wachsen beginnen. Manche Organe verschwinden schon wieder oder nehmen wenigstens ab, während andere noch lange fortwachsen. Einige Teile (wie Haare, Nägel) wachsen ununterbrochen fast bis zum Tode. Das W. scheint mit dem Zeugungsprozeß in gewissem Zusammenhange zu stehen; es ist nämlich vollendet, wenn dieser Prozeß vollständig ausgebildet, und steht still, sobald die Zeugungsorgane früher in Thätigkeit versetzt werden. So wachsen Frauen, deren Entwickelung noch nicht vollendet, während der Schwangerschaft nicht fort, und daß beim männlichen Geschlecht das W. durch die Begattung aufgehalten wird, beweist die Erfahrung, daß Stiere und Hengste, die man bis zur erlangten Zeugungsreife von der Begattung zurückhält, eine bedeutendere Größe erlangen, also längere Zeit wachsen als andere, denen man sie gestattet. Ebenso steht das allgemeine W. der Pflanzen während der Blüte still und endigt so bei den einjährigen für immer, bei den mehrjährigen für eine gewisse Zeit. Über diese Zeit hinaus können der Mensch und die Tiere wohl noch an Umfang und Gewicht zunehmen; allein diese Zunahme besteht nicht in proportionierter Vergrößerung aller Organe, sondern nur in vermehrter Ablagerung von Fett oder in abnormer (pathologischer) Vergrößerung einzelner Organe. Im allgemeinen läßt sich übrigens die Regel aufstellen, daß das Leben eines Rohe⸗ organisierten Tiers um so länger dauert, je mehr Zeit sein W. erfordert. (S. Lebensdauer.) Die räumliche Grenze des W. richtet sich wieder nach den unendlich verschiedenen Klassen der Geschöpfe und wird in diesen selbst wieder bei den einzelnen Individuen von mannigfaltigen Umständen vielfach modifiziert. Beim Menschen veranlaßt ein zu schnelles W. nicht selten Wachstumskrankheiten, besonders im Blut- und Nervensystem; im erstern kommen am häufigsten Bleichsucht und Blutarmut, im letztern Krampfkrankheiten zu Stande. (S. Kind, Kinderkrankheiten.) Ein Wachsen über das Hiefenwu Körpermaß hinaus pflegt man als iesen wuchs zu bezeichnen. (S. Riesen.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 361Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Tierreich 6