FeedWachstum
NaturlehreBrockhaus 1882

Wachstum nennt man in der Botanik jede Volumenvergrößerung eines pflanzlichen Organismus oder seiner einzelnen Teile, soweit dieselbe nicht ausschließlich auf Quellung zurückzuführen ist: eine Zunahme des Trockengewichts wird beim W. in der Regel eintreten, doch ist dieselbe nicht notwendig, es kann sogar durch Verbrauch aufgespeicherter Reservestoffe, wie beim Keimen der Samen, sehr lebhaftes W. vorhanden und doch zugleich eine Verminderung des Trockengewichts damit verbunden sein. Jede Volumenvergrößerung einer Pflanze kann nur durch W. der sie zusammensetzenden Zellen stattfinden und muß deshalb auf Neubildung oder auf Vergrößerung einzelner Zellen beruhen. Sowohl Reubildung, d. h. Teilung, als auch Vergrößerung dieser Elemente werden, wenigstens bei mehrzelligen Pflanzen, sich vereinigen, um die Erscheinungen des Gesamtwachstums hervorzubringen. Bei einzelligen Pflanzen kann allerdings das W. eines Individuums nur durch Zellvergrößerung eintreten, jede Teilung kann hierbei nicht als W. angesehen werden, sondern gehört in das Gebiet der Fortpflanzungserscheinungen, die ja allerdings auch nichts anderes sind als W. über das Individuum hinaus. Das W. der Zelle ist nun wiederum das Resultat des W. ihrer einzelnen Bestandteile: der Zellhaut, des Protoplasmas und der in der Zelle sonst noch vorhandenen organisierten Körper, wie Stärke u. s. w. Jeder dieser Teile wächst durch Einlagerung neuer lleinster Partikelchen, sog. Micellen, also durch Intussusception (s. d.), in einzelnen Fällen wohl auch durch Apposition, d. h. durch Auflagerung neuer Schichten. e nach der Richtung, in welcher das W. bei der Zellhaut erfolgt, unterscheidet man Flächenwachstum und Dickenwachstum, das erstere muß stets dann eintreten, wenn das Volumen der Zelle vergrößert wird, denn dadurch wird zugleich die das Protoplasma umspannende Zellhaut eine größere Flächenausdehnung erhalten. In der Mehrzahl der Fälle geht damit Hand in Hand ein Dickenwachstum, d. h. W. in einer zur Membranfläche senkrechten Richtung. Da nun mit wenigen Ausnahmen Flächen- und Dickenwachstum nicht an allen Stellen gleichmäßig erfolgen, sondern bei beiden die verschiedensten Modifikationen eintreten können, so ist erklärlich, daß in den Zellformen eine außerordentliche Mannigfaltigkeit herrschen muß. Nur bei den meisten einzelligen Pflanzen und bei denjenigen, die aus einfachen Zellreihen bestehen, sind größere Differenzen ausgeschlossen, bei den höher organisierten Gewächsen, besonders bei den Gefäßpflanzen, wo die Differenzierung der einzelnen Gewebearten und damit die Teilung der Arbeit zwischen den einzelnen Zellformen weit vorgeschritten ist, werden naturgemäß diese letztern selbst eine große Mannigfaltigkeit zeigen. Sowie nun durch das W. der Zellhaut die Form der Zelle bedingt wird, so wird aus den Veränderungen, die an den einzelnen Zellen erfolgen, sowie aus der Vermehrung derselben durch Teilung zunächst die Form der einzelnen Gewebesysteme und weiterhin die äußere Gestalt der ganzen Pflanze resultieren, und daß auch in dieser letztern Beziehung der größte Formenreichtum existiert, ist allgemein bekannt. Um diesen Reichtum der Formen zu erzielen, müssen natürlich die Richtungen des W. der einzelnen Gewebe, sowie der Ort, an welchem es erfolgt, gleichfalls einem immerwährenden Wechsel unterworfen sein, denn nur auf diese Weise können die so verschiedenartigen Organe der Pflanze, Stamm, Zweige, Wurzeln, Blätter, Blüten, Haare u. s. w., ihre durch die individuellen Eigenschaften der Art bedingte Gestalt erreichen. Je nach Ort und Richtung der einzelnen Wachstumserscheinungen unterscheidet man Scheitelwachstum, intercalares Wachstum und Dickenwachstum. Durch das Scheitelwachstum wird die Verlängerung der Organe oder ihrer Teile an bestimmten peripherisch liegenden Stellen, die man als Vegetationspunkte bezeichnet, bewirkt. (Vgl. Scheitelzelle.) Das intercalare W. dagegen findet an den jungen noch wachstumsfähigen Partien statt, die nicht direkt an den Scheitelpunkten, sondern weiter rückwärts liegen. Durch das intercalare W. wird demnach gewissermaßen das durch Scheitelwachstum gewonnene Material zur weitern Ausbildung und zur Fertigstellung der Form benutzt, mag das betreffende Organ nun eine flächenartige, cylindrische, kugelige oder irgend welche andere Gestalt besitzen. Aber das intercalare W. reicht in vielen Fällen noch nicht hin, um diese endgültige Ausbildung zu bewirken, es muß noch das Dickenwachstum hinzukommen, und dies kann entweder durch einfache Vergrößerung der Zellen, verbunden mit lebhaften, nicht 2·5 bestimmte Orte beschränkten Teilungen, oder durch Bildung sog. Meristeme und Cambien erfolgen. (Vgl. Meristem und Cambium.) Das erstere ist der Fall bei der Mehrzahl der Monokotyledonen und Gefäßkryptogamen, das letztere bei den Stamm- und Wurzelorganen der meisten Dikotyledonen und der Gymnospermen. Es ist natürlich, daß bei all diesen verschiedenen Wachstumsprozessen, besonders bei denjenigen, die auf bestimmte zwischen andern Geweben liegende Zellkomplexe beschränkt sind, Spannungen im Innern der Organe hervorgerufen werden, die wiederum, falls sie eine gewisse Höhe erreichen, die äußere Form der Organe verändern, oder indirekt Veranlassung zu erneutem Wachstum werden können. Man hat diese Spannungen allgemein unter dem Namen Gewebespannung (s. d.) zusammengefaßt. (Vgl. auch Rindenspannung.) Aber nicht bloß bei diesen Formen des W. treten Spannungen auf, sondern auch beim Dickenwachstum der einzelnen Zellmembran, sowie insbesondere bei dem W. der Stärkekörner. Hier erfahren die einzelnen Schichten nicht eine ganz gleichmäßige Vergrößerung durch Einlagerung neuer Micellen, sondern an gewissen Stellen findet dieselbe reichlicher als an andern statt, und es leuchtet ein, daß dadurch Spannungen hervorgerufen werden können, die ähnlich, wie diejenigen zwischen einzelnen Zellkomplexen, auch hierbei für die äußere Form der Membranen beziehungsweise der Stärkekörner von Bedeutung sind. Die Schnelligkeit und die Dauer des W. hängen von einer großen Reihe Faktoren ab. Vor allem findet W. in lebhafter Weise nur unter günstigen Temperatur⸗ und Feuchtigkeitsverhältnissen statt, vorausgesetzt, daß überhaupt die nötigen Nährstoffe vorhanden sind. Ferner spielen eine wichtige Rolle beim W. sowohl die chemische wie die physikalische Beschaffenheit des Mediums, in welchem die Pflanze lebt. Auch Licht und Schwerkraft sind von maßgebendem Einfluß auf zahlreiche Wachstumsprozesse, die man zum großen Teil unter den Namen Heliotropismus (s. d.) und Geotropismus (s. d.) zusammenfaßt. Aber alle diese Faktoren sind, mit alleiniger Ausnahme der Schwerkraft, nicht konstant, und ist es selbstverständlich, daß die äußern Formen der pflanzlichen Organismen nicht nur durch enihasten der air welche in den individuellen Eigenschaften der einzelnen Art begründet sind, sondern auch durch solche, die von Klima und Standort, also von äußern Einwirkungen abhängen, hervorgerufen werden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 359Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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