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TierreichBrockhaus 1882

Seele bezeichnet ursprünglich die organische Lebenskraft (s. d.). Da die Organismen, den übrigen Körpern gegenüber, ihr Wachstum und ihre Bewegung scheinbar ohne äußere Nötigung vollziehen, so entstand die Vorstellung eines in ihnen selbst thätigen Prinzips, und der Gegensatz des Lebendigen und des Leichnams, durch den diese Vorstellung verstärkt wurde, führte außerdem zu der weitern Annahme, daß diese Lebenskraft von ihrem Organismus trennbar sei und eine selbständige Exristenz führen könne. Das sinnliche Denken der alten Völker suchte sich nun von dieser Lebenskraft eine anschauliche Vorstellung zu machen, und man meinte die S. als einen feinen, feuer⸗ oder luftartigen Körper denken zu müssen, eine Analogie, vermöge deren eine große Anzahl der Bezeichnungen des Seelischen, wie anima, spiritus, u. s. w. entstanden sind. Da nun der Mensch nur im Zustande der Lebendigkeit die Funktionen des Denkens, Fühlens und Wollens ausführen kann, so übertrug man anfangs ganz naiv auf jene Lebenskraft des Organismus auch diese Thätigkeiten, wobei man sich nicht verbergen konnte, daß dieselben andern Organismen teils überhaupt nicht, teils nur in sehr veränderter Form zukommen. Erst ganz allmählich brach die Erkenntnis durch, daß diese letztern Funktionen wesentlich andersartig und auch von der organischen Lebensthätigkeit durchaus zu unterscheiden sind. In der Geschichte der Philo-Wichs tritt diese Besinnung durch Sokrates und Plato ein, welche die Immaterialität dieser Funktionen begriffen und aussprachen. Damit aber wurde ihnen die S. selbst zu etwas Immateriellem, zu einem unkörperlichen Wesen, welches sie nun gleichwohl als die bewegende Kraft des physischen Organismus betrachteten. So hatte man eigentlich zwei Seelenbegriffe: den einen gleichbedeutend mit Lebenskraft, den andern als das Substrat der immateriellen Thätigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens. Die Folge war bei Plato und Aristoteles die Vorstellung verschiedener Teile der S., von denen der eine, der unsterbliche, der Sitz jener immateriellen Thätigkeit sei, die andern den Ursprung der organischen, teils animalischen, teils vegetativen Funktionen bilden, und ihre psychol. und ethischen Untersuchungen bewegten sich hauptsächlich um die Frage nach dem Rsoetinm dieser Teile zueinander. Diese Begriffsbestimmungen wurden in dem von religiösen Motiven beherrschten Denken des Mittelalters noch schärfer ausgebildet: man statuierte unter verschiedenen Namen (z. B. Lebensgeister u. dgl.) jene organische Lebenskraft, suchte aber von ihr vollständig die unsterbliche „Seeley zu unterscheiden, welche göttlichen Ursprungs, wie immaterieller Natur sei. Diese Scheidung, von der neuern Philosophie anfänglich aufgenommen, wurde dadurch noch verschärft, daß man durch die Einsicht in den mechan. Charakter der organischen Thätigkeiten allmählich mehr und mehr dazu gedrängt wurde, den Begriff der Lebenskraft als eine unnütze und nichts erklärende Hypothese aufzugeben. So ist es gekommen, daß für den Inhalt des Seelenbegriffs nur jene immateriellen Funktionen übriggeblieben sind. In der jetzigen Denk⸗ und Sprachweise bedeutet S. die Substanz oder die Kraft, welche sich in den Thätigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens äußert. Seitdem man zu dieser schärfern Formulierung des Begriffs S. gelangt ist, wurde es zur brennenden Frage, ob die Annahme einer solchen immateriellen Substanz nötig sei und in welchem Verhältnis dieselbe zum Körper stehe. Vier Grundansichten scheinen darüber möglich und sind in der neuern Philosophie vielfach vertreten: 1) der Dualismus, der an der gesonderten Existenz materieller und immaterieller Substanzen festhält und in der Erklärung der Einwirkungen, welche sie aufeinander ausüben, seine größten Schwierigkeiten findet; 2) der Materialismus, welcher die Seelensubstanz leugnet und die seelischen Thätigkeiten nur für besonders feine und bisher unbegriffene Arten der körperlichen Funktion hält; 3) der Spiritualismus, welcher umgekehrt nur S. als Substanzen anerkennt und die materielle Welt lediglich als den Vorstellungsinhalt derselben betrachtet wissen will; 4) der monistische Phänomenalismus, der die metaphysische Realität für ein an sich Unbekanntes erklärt, welches sich zugleich in der äußern Erfahrung als Körper und in der innern Erfahrung als S. zu erkennen gibt. Die Entscheidung zwischen diesen verschiedenen Auffassungen ist, wenn überhaupt, so nur von der zukünftigen Ausbildung der Psychologie zu erwarten, derjenigen Wissenschaft, welche die Erkenntnis der S. und der Gesetze ihres Lebens zur Aufgabe hat. In einer etwas engern Bedeutung wird das Wort S. in neuerer 1„% eine besondere Art oder Region der psychischen hätigkeiten angewendet und dabei meistens dem Geisto gegenübergestellt. In diesem Falle versteht man darunter die gesamte, von Gefühlen durchwebte Ausgestaltung unsers innern Lebens, während man das speziell Geistige in der unbedingten Herrschaft klarer, objektiv in sich durchgebildeter Vorstellungen sieht. So sagt man z. B. das Weib habe mehr S., der Mann mehr Geist. Doch werden, wie es leider überhaupt mit den psychol. Bezeichnungen der Fal ist, die beiden Ausdrücke S. und Geist sowohl in der gewöhnlichen Sprache als auch in der Wissenschaft in willkürlicher Weise bald einander entgegengesetzt, bald als völlig gleichwertig gebraucht. Geschieht letzteres, so kann mit beiden nur der allgemeinere Sinn des gesamten innern, d. h. immateriellen Lebens gemeint werden. Vgl. Kuhn, «Die Vorstellungen von S. und Geist in der Geschichte der Kulturvölker » (Berl. 1873); Flügel, « Die Seelenfrage » (Köthen 1878). (S. Psychologie.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 647Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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