FeedWagen
VerkehrBrockhaus 1882

Wagen (frz. voiture, chariot; engl. carriage, Vaggon) nennt man gewöhnlich im Gegensatz zu den ein⸗ und zweiräderigen Karren (s. d.) vierräderige Fuhrwerke zum Transport von Personen und Gütern. Am W. wie am Karren unterscheidet man zunächst das Untergestell oder den Unterwagen, und das Obergestell oder den Oberwagen. Wesentlich für die Leistung des Fuhrwerks ist nur die Konstruktion des Unterwagens, während der Oberwagen selbst auf dem nämlichen Untergestell sehr verschieden angeordnet sein kann. gestell, dem Vordergestell und der Deichsel. Zum Hinter⸗ wie zum Vordergestell gehören die hölzerne oder eiserne Achse mit den beiden um sie laufenden Rädern und der hölzerne Achsstock, auf welchem zur Verstärkung, durch eiserne Bänder befestigt, der gleichfalls hölzerne Achsschemel angebracht ist. Der vom hintern Achsschemel ausgehende Langbaum mit seinen beiden Streben oder Armen verbindet Hinter⸗ und Vordergestell und vermittelt für ersteres die Lenkung ebenso, wie dies 1 letzteres durch die Deichsel geschieht. Zwischen Achsstock und Achsschemel des Vorderwagens gehen die beiden Deichselarme hindurch, die vor der Achse die Schere zur Aufnahme der Deichsel bilden; hinter derselben gehen sie gehörig weit auseinander, um nahe an den Enden durch einen Querarm, das Lenkscheit oder Drehscheit, verbunden zu werden, eine Anordnung, durch welche dem Vordergestell die selbständige Seitenbewegung (Drehung) gestattet ist. Der über das Lenkscheit hinweggehende Langbaum wird in einer Offnung des vordern Achsschemels mittels eines von oben durchgesteckten Bolzens, des Spannnagels, festgehalten, um welch letztern das Vordergestell sich entsprechend drehen kann. Unter oder auf der Deichsel, je nach der Radhöhe, ist mittels eines vertikalen Bolzens der große Schwen el, auch Klippschwengel oder Wage genannt, befestigt, an welchem die zur Anbringung der Zugstränge dienenden kleinen Schwengel, Zugscheite oder Ortscheite, aufgehängt sind. Zum Oberwagen gehört der mit demselben in Verbindung stehende Wendeschemel oder Lenkschemel, welcher, in der Regel konver gekrümmt, auf dem vordern Achsschemel drehbar gelagert ist und durch welchen der Spannnagel von oben hindurchgeht. Auf der Hinterachse wird der Oberwagen durch geeignete Vorrichtungen, Stemmleisten oder Rungen, festgehalten. Demnach kann die Vorderachse unter Lenkschemel und Oberwagen ihre Lage der bestimmten Stellung der Deichsel entsprechend verändern, ohne daß dieser und die Hinterachse an der Bewegung teilzunehmen brauchen. Wird dann der W. in Bewegung gesetzt, so veranlaßt der veränderte Zug der Pferde gegen die Achse und die hierdurch raerten e seitliche ue Richt des Langbaums das Hintergestell, in die neue Richtung überzugehen. Damit die Lage des Oberwagens eine genau horizontale sei, muß der Halbmesser der Vorderräder um die Höhe des Lenkschemels kleiner als derjenige der Hinterräder sein. Von der hier beschriebenen, für Lastwagen allgemein gebräuchlichen Konstruktion des Vordergestells ist das eigentliche Kutsch- oder Bockgestell schon dadurch verschieden, daß bei demselben über der Vorderachse ein großer freier Raum zur Anbringung des Bocks u. s. w. vorhanden sein muß; auch werden gewöhnlich unterlaufende Räder angewendet, wonach sich die Konstruktion sowohl des Unter⸗ als des Oberwagens zu richten hat. Ofters weist der Unterwagen keinen Langbaum auf; die bezüglichen Verbindungsstücke sind alsdann in den Oberwagen verlegt. Bei den für landwirtschaftliche Zwecke gebrauchten W. sind die Wände des Obergestells oft durch sog. Leiterbäume gebildet, die durch Spangen oder Sparren an beiden Seiten zu einer Art Leiter verbunden sind, weshalb man dem ganzen den Namen Leiterwagen gibt; an den obern Enden sind die beiden Leitern gewöhnlich durch eine Art Zange, das Querscheit oder Schußbrett, vereinigt. Wo die Beschaffenheit der zu transportierenden Materialien durchbrochene Wände nicht gestattet, ersetzt man die Leitern durch einen Kasten, d. h. man bildet aus Brettern und Verbindungsstücken einen oben offenen, an allen vier Seiten geschlossenen Raum 4—ᷓ— hintere Querwand mit einem passenden Schie er versehen ist. Von den Lastwagen unterscheiden sich die zur Beförderung von Personen dienenden W. auch dadurch, daß der in jeder Seitenwand mit einer Thür, dem Wagenschlag, versehene, oben offene, schließbare oder geschloffene Kasten nicht unmittelbar auf den Achsen, sondern zur Vermeidung von Stößen auf Druckfedern ruht oder in Riemen hängt. Beim Abwärtsfahren der W. werden häufig Hemmvorrichtungen notwendig. (S. Bremsen, Hemmkette und Hemmschuh.) Über die Herstellung der W. s. Stellmacherarbeiten; über Eisenbahnwagen s. unter Eisenbahnen. Schon in den ältesten Zeiten wurden Räderfuhrwerke für die verschiedensten Zwecke gebraucht. In den Resten der Pfahlbauten aus der Bronzezeit, besonders in denen Italiens, hat man Räder und andere Bestandteile primitiver W. gefunden. Die alten Assyrer, Perser und Agypter besaßen, den noch erhaltenen Skulpturen und Dokumenten zufolge, sowohl Streitwagen (s. d.) als Lastwagen. Bei den Agyptern kamen schon um 4000 v. Chr. zwei⸗ und vierräderige W. vor; ihnen waren auch die von Pferden und Mauleseln gezogenen Prachtwagen, sowie die meist von Stieren gezogenen Reise- und Lastwagen des jüd. Volks entlehnt. Die im Orient fast nur für Frauen und Kinder benutzten verdeckten Reisewagen waren oft prächtig verziert und mit Teppichen behängt. Im allgemeinen pflegte man mehr zu reiten, während man sich zum Warentransport, wie noch jetzt, der Kamele bediente, doch benutzte man vielfach W. im Kriege und zum Dreschen. In Griechenland soll Erichthonios, König von Athen, den Gebrauch der W. eingeführt haben, indem er bei den Panathenäischen Spielen zuerst mit einem Viergespann erschien, weshalb er als Fuhrmann unter die Gestirne versetzt wurde. Der griechische W. war meist zweiräderig, hinten offen und für zwei Personen rWh. richtet; doch erwähnt selb Homer vierräderiger W. Im Kriege wurde derselbe von Pferden gezogen; auf Reisen bediente man sich entweder gleichfalls der Pferde oder der Maulesel, wogegen zu landwirtschaftlichen Zwecken Stiere vorgespannt wurden. Den Skythen dienten bedeckte W. statt der Zelte als Schlaf und Wohnstätte. Die mannigfaltigste Anwendung sand der W. bei den Römern, wie er auch bei ihnen die größte Pracht zeigte, wozu die öffentlichen Spiele, die feierlichen? ufzüge bei den Triumphen und andere Festlichkeiten die nächste Veranlassung boten. Ein zweiräderiger, von zwei Pferden gezogener W. diente teils den Kriegern, teils den Magistratspersonen; außerdem hatte man leichte, zweiräderige, unbedeckte W. (eine Art Cabriolet), zweiräderige, bedeckte oder auf drei Seiten geschlossene Reisewagen, zwei⸗ und vierräderige Staatswagen, Frauenwagen, Last⸗ und Wirtschaftswagen, W. für die Dienerschaft und Krankenwagen. Die Räder dieser Fuhrwerke hatten teils Speichen; teils bestanden sie aus starken Scheiben, mit eisernen Ringen umlegt und an den Achsen befestigt, welch letztere sich mit ihnen drehten, wie man es noch heute im untern Italien antrifft. Zum Ziehen gebrauchte man Maultiere und Rinder, seltener Pferde; Gespanne mit vier Pferden kamen bei Wettrennen, Triumphzügen und andern festlichen Gelegenheiten vor. Die alten Deutschen nahmen W. zum Transport des Gepäcks mit in den Krieg, und die Wagenburg gehörte bei ihnen seit den frühesten Zeiten zur Schlachtordnung. Im Mittelalter kannte man hauptsächlich Bagagewagen, da man es vorzog, zu reiten oder (nach der durch die Kreuzzüge aus dem Orient eingeführten Sitte) sich in Sänften tragen zu lassen. Erst im 15. Jahrh. kamen, ursprünglich nur für den Gebrauch fürstlicher Personen, die Kutschen auf, aus denen in der Folge Postwagen, Diligence, Omnibus, Chaise und Droschke oder Fiaker entstanden. In verfeinerter Gestalt erschien der zweiräderige Karren als Cabriolet, Gig, Tilbury. Bis zum Anfang des 18. Jahrh. hingen die feinsten Kutschen in Riemen; um die genannte Zeit kamen Wage für Personenwagen in Gebrauch. agen nennt man auch eine Vorrichtung zur Führung eines Maschinenteils, z. B. bei Spinnmaschinen ein transportables Gesteil, auf welchem sich die Spindeln oder Spulen befinden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 369Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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