FeedWärme
TierreichBrockhaus 1882

Wärme (tierische, physiologische) oder Eigenwärme. In allen Tieren erzeugt sich während des Lebens W., die bei verschiedenen Tierklassen entweder nahezu ganz an die Umgebung abgegeben wird oder sich bis zu einem gewissen Grade im Körper ansammelt. Bei der erstern Klasse richtet sich die Körpertemperatur also nach der Temperatur des umgebenden Mittels (Luft, Wasser) derart, daß die Körpertemperatur die der Umgebung nur um wenig (1 bis 2 C.) übertrifft; solche Tiere mit schwankender Eigenwärme nennt mankaltblütige ppökilotherme) Tiere. Die andere Klasse bewahrt eine unter allen Verhältnissen der Umgebung gleichbleibende, konstante Temperatur; solche Tiere heißen Warmblüter (homöotherme Tiere); ihre Temperaturübersteigt jene des umgebenden Mittels beträchtlich (12 bis 20 C.). Zu diesen gehört der Mensch. Nicht alle Warmblüter besitzen dieselbe Eigenwärme; sie ist nach der Tierklasse verschieden. Die Säugetiere z. B. haben eine geringere Eigenwärme (37,5 bis 40 C.), die Vögel eine höhere (41 bis 44 C.). Doch hält die Eigenwärme bei jeder Tierart bestimmte enge Grenzen ein. Die Eigenwärme des gesunden erwachsenen Menschen kann im Mittel zu 37,3“ C. angenommen werden; bei Kindern und Greisen ist sie um einige Zehntelgrade höher. Auch hält die Eigenwärme im Laufe des Tags nicht dieselbe Höhe, sondern macht regelmäßige Schwankungen, deren Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme und andern Körperzuständen sich nicht verkennen läßt. Nachts etwa um 1 Uhr nimmt sie den niedrigsten Stand ein (36,3 bis 36,8 C.), erreicht dann im Laufe des Vormittags ein erstes Maximum (37,0 bis 37,4 C.), auf welchem sie mehrere Stunden beharrt, steigt dann den ersten Nachmittagsstunden noch etwas (37,3 bis 37,6“ C.) und sinkt darauf wieder allmählich. Ebenso zeigen die einzelnen Körperprovinzen nicht dieselbe Temperatur. So ist die Eigenwärme in der Achselhohle (wo sie von den Arzten in der Regel gemessen wird) etwas niedriger als im After, an den unbedeckten Hautstellen (z. B. den Händen) niedriger als in der Achselhöhle. Das Blut der Leber besitzt eine höhere Temperatur, als das des Darmkanals, das zur Lunge strömende Blut der rechten Herzkammer eine höhere als das von der Lunge zurückfließende der linken Herzkammer. Während ihrer Thätigkeit besitzen die verschiedenen Organe (3. B. die Drüsen, Muskeln) eine höhere Temperatur als in der Ruhe, entzündete Organe eine schon durch das bloße Gefühl wahrnehmbare Temperatursteigerung. Endlich bedingen auch gewisse Krankheiten eine Erhöhung der Eigenwärme des gesamten Körpers. Solche Krankheiten nennt man fieberhafte und die Erhöhung der Eigenwärme mit der Gesamtheit der zugehörigen Erscheinungen Fieber (s. d.). Nach der Höhe der Temperatursteigerung und dem Anhalten derselben wird der Grad des Fiebers beurteilt. Je höher die Temperatur und je länger die Steigerung der Eigenwärme anhält, desto schwerer ist das Fieber, um so unverträglicher mit dem Fortbestehen des Lebens. Übersteigt die Temperatur 42,5 C., so erfolgt durch Lähmung des Herzens und des Centralnervensystems der Tod, wie andererseits auch das Sinken der Eigenwärme unter 33 C. als ein lebensgefährliches Ereignis zu betrachten ist. (S. Collaps.) Die Arzte drücken daher auch den Grad des Fiebers durch Angabe der Höhe und der Dauer der Temperatur aus. Hieraus geht hervor, von welch hoher Bedeutung für die Beurteilung der Schwere einer Erkrankung Bestimmungen der Eigenwärme sind. Gemessen wird die Eigenwärme zu ärztlichen Zwecken mittels genauer Thermometer, deren Grade in Zehntel geteilt sind. Man legt die Kugel des Thermometers in die geschlossene Achselhöhle oder auch (bei Kindern) in den After. Daß bei den im Körper vor sich gehenden chem. Prozessen W. entwickelt wird, beruht auf dem physiol. Stoffwechsel (s.d.). Als wesentlichste Quelle der Eigenwärme sind die zahlreichen Oxydationsvorgänge, die ohne Unterbrechung im Körper stattfinden, zu bezeichnen. Auffällig und noch nicht genügend erklärt ist aber der Umstand, daß sich die Eigenwärme der Warmblüter in der Gesundheit innerhalb enger Grenzen konstant erhält; der normalen Wärmeregulierung des tierischen und menschlichen Körpers steht ein besonderes, im verlängerten Mark gelegenes Nervencentrum vor, durch dessen Einfluß der allgemeine Stoffwechsel und die hierdurch bedingte Wärmeproduktion je nach Bedarf bald mehr bald minder energisch von statten geht. Die erzeugte W. verbleibt dem Körper keineswegs, sie wird vielmehr fortwährend in die kältere Umgebung abgegeben, was auf verschiedenen r der eschieht. Zunächst entzieht die kältere Luft der aut und der Lunge sortwährend direkt W.; ebenso wirkt die Einfuhr von Nahrungsmitteln, die kälter sind als das Blut. Ein anderer Wärmeverlust findet durch die (mit Erkaltung verbundene) Verdunstung von Wasser durch Haut und Lungen und durch den übergang der im Blut gelösten Kohlensäure in den gasförmigen Zustand innerhalb der Lungen statt. Um das Gleichbleiben der Eigenwärme zu erklären, muß man nun annehmen, daß zwischen der Wärmequelle und der Wärmeabgabe eine gegenseitige Regulierung derart besteht, daß die Wärmeabgabe vermindert wird, wenn die Wärmeerzeugung abnimmt, und daß die Wärmeerzeugung steigt, wenn die Wärmeabgabe die Eigenwärme erniedrigen würde. Im Fieber muß also eine Störung der Regulierung eingetreten sein, und zwar wird mehr W. gebildet, als der Körper verbraucht. Jede Steigerung der Eigenwärme zeigt eine Störung dieser für das Bestehen des Lebens notwendigen Regelung, Vorgänge im Körper an, welche zur Vernichtung des Organismus führen können. Vgl. Wunderlich, «Das Verhalten der Eigenwärme in Krankheiten⸗ (Lpz. 1870); Liebermeister, «lüber Wärmeregulierung und Fieber» (Lpz. 1871).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 442Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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