FeedWartburgfest
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Wartburgfest nennt man das 18. Okt. 1817 auf der Wartburg (s. d.) gefeierte Fest, welches durch eine Aufforderung der Burs chenschaft zu Jena an die Studenten aller deutschen Hochschulen zur Beteiligung an der dritten Säkularfeier der Reformation veranlaßt worden war. Mehrere hundert Studenten von 12 Universitäten wählten einen Ausschuß von 24 Mitgliedern. Auch die Professoren Fries, Oken und Kieser von Jena, sowie der damalige Professor und nachmalige sachsenweimarische Staatsminister Schweizer nebst vielen ehemaligen akademischen Bürgern beteiligten sich bei dem Feste, und der Großherzog von Sachsen-Weimar, der hochsinnige Karl August, hatte alles, was man erwarten durfte, zur Förderung desselben gethan. Es erschienen bei dem Feste die päter verbotenen burschenschaftlichen Farben zum ersten mal als Symbol deutscher Volkseinheit. Zum Burgvogt der Wartburg und allgemeinen Anführer war der (1867 als Professor zu Jena verstorbene) Scheidler aus Gotha gewählt worden, der seinerseits den Grafen Keller aus Stedten (zwischen Gotha und Erfurt) zum Fahnenträger ernannte, während er selbst im Festzuge das Burschenschwert trug. Die schwarz-rot-goldene Fahne hatten 1816 die Frauen und Jungfrauen Jenas der Burschenschaft überreicht. Die Festrede auf die Jubelfeier der Reformation hielt im Rittersaale der jenenser Student der Theologie Riemann aus Ratzeburg. An einem Siegesfeuer zur Erinnerung an die Schlacht von Leipzig, das man auf dem der W. nahe gelegenen Wartenberge angezündet, wurden, nachdem schon die Mehrzahl der Beteiligten sich entfernt, ohne Wissen des Ausschusses verschiedene Schriften, die mit der allgemeinen Volksstimmung im Widerspruch standen, symbolisch den Flammen übergeben. So wurden die Titel von 28 Schriften verlesen und an Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVI. ihrer Stelle Makulaturbogen verbrannt. Der eigentlich praktische Grundgedanke des Festes aber, der bei den am 19. Okt. gepflogenen Verhandlungen zu Tage trat, war die Gründung einer allgemeinen deutschen Burschenschaft (s. d.), die Beseitigung der landsmannschaftlichen Spaltungen auf den Hochschulen und die Reinigung der Sitte im Studentenleben. Die Reaktion säumte indessen nicht, die Vorgänge beim W. für ihre Zwecke auszubeuten. Namentlich wurden nicht lange danach alle deutschen Hochschulen durch Bundesbeschluß unter polizeiliche Aufsicht gestellt und die Teilnahme an der Burschenschaft als strafbar untersagt. Am 18. Okt. 1867 fand die 50jährige Jubilarfeier des W. in Eisenach statt. Von den 500 Burschen, die 1817 zugegen gewesen, konnten sich beim Jubelfeste nur noch 15 einfinden. Vgl. Kieser,«Das W. am 18. Okt. 1817 in seiner Entstehung, Ausführung und Folgenv (Jena 1818); Rob. und Rich. Keil, «Die burschenschaftlichen W. von 1817 und 1867 (Jena 1868).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 449Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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