FeedWartburgkrieg
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Wartburgkrieg heißt der ernsthafte Dichterwettkampf, der 1206 oder 1207 auf der Wartburg stattgefunden haben soll, und ebenso lgenauer Krieg von Wartburgo) nennt sich ein mittelhochdeutsches Gedicht, welches von ihm handelt. Zur Zeit, als die mittelhochdeutsche Dichtkunst am vollsten blühte, hatte der Landgraf Hermann (s. d.) von Thüringen an seinem Hofe den Dichtern eine vielgepriesene Zufluchtsstätte eröffnet. Es konnte nicht fehlen, daß bei solchem Zusammenflusse mancherlei Wetteifer und Eifersucht sich regte, was auch aus den Anspielungen mehrerer dort anwesenden Dichter, wie Wolframs und Walthers, sich ergibt. Die Erinnerung an jene Zustände gestaltete sich aber bald zu einer sagenhaften Überlieferung, die aus den gelegentlichen Reibungen einen eigentlichen und absichtlichen Wettstreit der Dichter um den Preis der Kunst, Wettgesänge mit gefahrdrohendem Ausgang machte und zu den Namen der wirklich einst in Eisenach verkehrenden Dichter auch andere teils historische, teils rein erdichtete fügte, wie den tugendhaften Schreiber, Bitterolf, Reinmar (den alten, später noch mit Reinmar von Zweter verwechselt), den fast sagenhaften Heinrich von Ofterdingen und den völlig sagenhaften siebenbürg. Zauberer und Sterndeuter Meister Klingsor. Auf Grund dieser geschichtlich-sagenhaften Überlieferungen und unter dem formellen Einfluß der beliebten Streitgedichte, Rätselstreite und geistlichen Schauspiele entstand um 1300 der Krièc von Wartburgo, ein wunderliches, dunkles, unharmonisches, in zwei Teile zerfallendes Gedicht. Im ersten Teil, der in einer roßen und kunstreichen Strophe, dem «Tone des Fursten von Thüringenv, fortschreitet, fordert Heinrich von Ofterdingen die übrigen Dichter des Hofs zu einem Gesangstreit über den ruhmwürdigsten Fürsten auf Leben und Tod heraus und behauptet das Lob Herzog Leopolds von Ssterreich gegen den von den andern gepriesenen Landgrafen Hermann. Als aber der Sieg den Eisenachern sich zuwendet, wird Klingsor von Heinrich zu Hilfe geholt und streitet nun seinerseits unter Beistand seiner bösen Geister mit Rätseln und dunkler Gelehrsamkeit gegen Wolfram. Mit deutlicher Beziehung auf lingsors schwarze Kunst Gauberkunst) wird die einfachere und kürzere Strophe des zweiten Teils der aschwarze Tonv genannt. In dem ganzen Gedicht, das vielfach unrichtig als erster Versuch eines weltlichen Dramas betrachtet worden, aber eigentlich nur ein Streitgedicht ist, zeigt sich unverkennbare Nachahmung von Wolframs Dichtart und noch ein höfisch Dckaunt; Ton. Der Verfasser der Dichtung ist unbekannt. Heinrich Frauenlob verfaßte das Gedicht gewiß nicht, obschon er sich gleichfalls jener beiden Strophenformen (unter den Namen Kaufton und Spiegelton) bediente und sein eitgenosse Hermann der Damen den ⸗Wartburgriego gekannt zu haben scheint. Die Entscheidung darüber fällt um so schwieriger, als eine kritische Untersuchung und Ausgabe des Textes zur Zeit noch mangelt. Aus der Ungleichmäßigkeit der Sprache darf man schließen, daß mehrere Dichter an dem Gedicht thätig acheinti sind, und andere Gründe machen es wahrscheinlich, daß der größere und ältere Teil desselben am Rhein, etwa in Mainz, vielleicht in der mainzer Singschule entstanden ist. Auf die Litteratur scheint das Gedicht keinen sonderlichen Einfluß geübt zu haben. Die Sage von dem Dichterkampfe selbst erscheint seit dem Anfang des 14. Jahrh. und wohl vorzüglich auf Grund des Gedichts, da manche Mißverständnisse desselben mit unterlaufen, in den gereimten und prosaischen thüring. Chroniken. Gedruckt ist das Gedicht in der Einzelausgabe Ettmüllers (Ilmenau 1830), in Bodmers und von der Hagens Sammlungen der Minnesingers und bei Simrock, „Der W., herausgegeben, geordnet, übersetzt und erläutert (Stuttg. 1858). Vgl. Koberstein, «uber das wahrscheinliche Alter und die Bedeutung des Gedichts vom Wartburger Krieger (Naumb. 1823); Lucas, cliber den Krieg von Wartburge (Königsb. 1838); Schneider, Der 2. Teil des Wartburgkrieges und dessen Verhältnis zum Lohengrino (Mühlhausen 1875); von Plötz, eÜber den Sängerkrieg auf Wartburge (Weim. 1851). Neuerdings hat Richard Wagner die Sage vom W. in seiner Oper «Tanhäusers mit der Tanhäusersage verbunden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 449Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6