FeedWasserpest
PflanzenreichBrockhaus 1882

Wasserpest nennt man eine zur Familie der Hydrocharideen gehörende Wasserpflanze, Elodea Canadensis Eich. (Anacharis Alsinastrum Bab.), die wegen ihrer außerordentlich schnellen und umfangreichen Verbreitung in der neuern Zeit vielfach Besorgnisse wegen der durch sie hervorgerufenen Störung der Schiffahrt verursacht hat. Die Pflanze ist ursprünglich in Nordamerika einheimisch, gelangte aber schon Ende der dreißiger oder Anfang der vierziger Jahre nach Europa und breitete sich von Schottland aus, wo sie zuerst beobachtet wurde, über England und sehr bald auch über das nördl. und mittlere Europa aus. Sie kommt nur in stehenden oder langsam fließenden Gewässern fort, und bildet durch ihr sehr lebhaftes Wachstum und ihre reichliche Verzweigung ein an Volumen rasch zunehmendes dichtes Geflecht, welches gewal—⸗ tige Dimensionen annehmen und das Profil ganzer Flußläufe durchsetzen kann. Ihre Stammorgane sind cylindrisch und erreichen eine Dicke von etwa 2—3 mm, sie sind mit zahlreichen wirtelständigen kurzen linealen Blättern besetzt, die nur aus zwei Zellschichten bestehen und einen sehr schwach ausgebildeten Mittelnerven haben. Auch der Bau des Stammes ist ein sehr einfacher, im Centrum desselben findet sich ein rudimentäres Gefäßbündel, welches eigentlich nur aus einer Gruppe von zarten länggestreckten Zellen zusammengesetzt ist. Fadenartige Wurzeln, mittels deren sich die Stengel in dem Schlamme u. dgl. befestigen, sind an manchen Stellen sehr reichlich entwickelt, doch sind sie zumal in stehenden Gewässern von geringer Bedeutung, da die Pflanze ebenso gut freischwimmend vegetieren kann. Merkwürdig ist es, daß dieses wegen seiner außerordentlich schnellen Verbreitung. mit Recht den Namen W. führende Gewächs sich in fast ganz Europa nur auf vegetativem Wege vermehrt hat, denn eine geschlechtliche Fortpflanzung ist deshalb ausgeschlossen, weil nur weibliche Exemplare in Europa sich finden. In Norddeutschland hatte sie sich sehr bald in der Spree, Havel, Elbe und Oder, sowie in den mit diesen Flüssen zusammenhängenden Gewässern, besonders auch in den Kanälen in einer besorgniserregenden Weise ausgebreitet. Die Schiffahrt war in verschiedener Hinsicht erschwert, sowohl durch die Hindernisse, welche die W. in den Wasserläufen selbst verursachte, als auch durch die Störungen, die sie in der Handhabung der Schleuseneinrichtungen hervorrief. Auch die Fischerei war vielfach dadurch benachteiligt worden. Infolge dieser zahlreichen Unannehmlichkeiten, die sich übrigens bald auch in Süddeutschland und in mehrern Gewässern Südeuropas einstellten, sah sich die preuß. Regierung veranlaßt, auf eine möglichste Beschränkung der weitern Ausbreitung hinzuwirken, und ließ deshalb eine Broschüre veröffentlichen, die über das Wesen, die Entfernung, sowie die Benutzung der W. als Düngermaterial in weitern Kreisen Aufklärung verschaffen sollte. In allen Wasserläufen, wo die W. bereits zu einer Kalamität für die Schiffahrt geworden war, konnte dieselbe nur mit großen Kosten entfernt werden. In der neuesten Zeit sind jedoch die Nachteile, welche die W. verursachte, bedeutend geringer geworden, und es scheint fast, als ob die massenhaste Wucherung dieser Pflanze überhaupt im Abnehmen begriffen sei, wenn auch die geogr. Ausbreitung vielleicht noch eine umfangreichere geworden ist. Jedenfalls sind die Befürchtungen, die man früher in Betreff des Einflusses der W. auf die Schiffahrt Valr glücklicherweise nicht in Erfüllung gegangen. iel mag dazu auch der Umstand beigetragen haben, daß sie in mehrern Gegenden in großen Mengen als Dünger und stellenweise auch als Viehfutter Verwendung findet. Für die Aufzucht von Fischen gewährt sie sogar einen gewissen Vorteil, da sie der jungen Fischbrut in mehrfacher Hinsicht Schutz gewährt. In stehenden Gewässern bewirkt sie durch die reichliche Sauerstoffausscheidung Geruchlosigkeit und Frische des Wassers, und wirkt bis zu einem gewissen Grade auf die Umgegend desinfizierend, weshalb man für derartige Teiche oder Seen, in denen keine Schiffahrt betrieben wird, die Ansiedelung der W. nur empfehlen kann. Aus diesem Grunde kultiviert man sie auch häufig in Aquarien u. dgl., um das Wasser frisch zu erhalten, wobei ja leicht einem Üüberhandnehmen derselben vorzubeugen ist. Ein kleines Stengelstück enügt schon, um in kurzer Zeit unter geeigneten Bedingungen ganze Massen von dieser Pflanze zu erzeugen, da jedes Internodium fähig ist, Knospen und Wurzeln zu treiben, von denen die erstern dann sehr bald zu langen und vielfach verzweigten Stengeln auswachsen. Immerhin wird es sich em pfehlen, auch künftighin die W. von schiffbaren Gewässern möglichst fern zu halten, um nicht neue Unannehmlichkeiten hervorzurufen, doch wird dies. durch Zusammenwirken der Wasserbaubehörden und der Adjacenten der betreffenden Wasserläufe verhältnismäßig leicht erreicht werden können.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 468Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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