Wilhelm IV. (Heinrich), König von Großbritannien, Irland und Hannover, 1830—37, dritter Sohn Georgs III. (. d.), geb. 21. Aug. 1765, trat 1778 als Kadett in die brit. Marine, wohnte 1780 dem Gefecht gegen den span. Admiral Langara, der Eroberung des franz. Schiffs Proteus, 1781 der gefahrvollen Verproviantierung von Gibraltar bei und besuchte dann die westind. Gewässer. Nach der gesetzmäßigen Prüfung kam er 1785 als Lieutenant auf die Fregatte Hebe, und 1786 übernahm er auf der Station der Inseln unter dem Winde das Kommando der Fregatte Pegasus. Bei der Rückkehr nach England erhielt W. 1788 den Titel eines Herzogs von Clarence und St.-Andrews, sowie eines Grafen von Munster in Irland. Als 1789 ein Krieg mit Spanien drohte, wurde er 3. Dez. Kontreadmiral. Um 1790 trat W. in ein Verhältnis zu einer Schauspielerin, Dora Jordans, die ihm im Laufe von 20 Jahren zehn Kinder gebar. Von der königl. Familie gedrängt und in der Hoffnung, seine geringe Apanage durch eine legitime Che vermehrt zu sehen, verließ er 1811 die Mutter seiner Kinder, welche auf die Bühne zurückkehrte und in Frankreich 1815 in Dürftigkeit sarb. Am 11. Juli 1818 heiratete W. die Tochter des Herzogs Georg von Sachsen-Meiningen, Adelheid (geb. 13. Aug. 1792, gest. 2. Dez. 1849); diese gebar ihm 1821 eine Tochter, die aber schon nach drei Monaten starb. Durch Cannings Einfluß wurde er 1827 zum Großadmiral des Reichs ernannt. In dieser Eigenschaft gab er dem Admiral Codrington eine geheime Instruktion, die 20. Okt. 1827 die Schlacht von Navarin herbeiführte. Das Toryministerium Wellington verhehlte seine Mißstimmung hierüber nicht, und infolge einer Spannung nahm W. im Aug. 1828 seine Entlassung. ach dem Tode seines Bruders Georg IV. 26. Juni 1830 bestieg er den Thron. Als W. bei Eröffnung des Parlaments im Nov. 1830 die Abneigung der Nation gegen die Tories erfuhr, berief er die Whigs unter Grey ans Staatsruder. Die neue Verwaltung setzte nach langen Kämpfen im Juni 1832 die Parlamentsreform durch. Die Besorgnis, eine liberale Behandlung der irländ. Fraden König im Nov. 1834 zur plötzlichen Entlassung der Whigs. Er übertrug den Tories unter Peel und Wellington abermals die Regierung, mußte jedoch schon im April 1835 die Whigs unter Melbourne zurückrufen. Die Durchführung des engl. Städtegesetzes, die heftigen Kämpfe um die irische Kirchen, Zehnten- und Städtebill, die Verwickelungen in Canada machten auch diese letzten Jahre W.s zu einer bewegten Epoche. Die auswärtige Politik konzentrierte sich während seiner Regierung in den Angelegenheiten der Pyrenäischen Halbinsel. Zu diesem Zwecke fand eine innigere Verbindung mit Frankreich und der Abschluß der Quadruple—⸗ allianz vom 22. April 1834 statt. Das Königreich Hannover erhielt unter W. ein neues zeitgemäßes Staatsgrundgesetz vom 26. Sept. 1833. W. starb an der Vrustwassersucht in der Nacht vom 19. zum 20. Juni 1837. Vor ihm starb seine älteste Tochter, die Lady Delisle Dudley. Für die übrigen Kinder, welche ihm Dora Jordans gebar, hatte er nach seiner Thronbesteigung gesorgt. Der älteste Sohn, Georg Fitzelarence, geb. 1794, gest. 1842, erhielt 1831 den Titel eines Grafen von Munster. Der zweite Sohn, Lord Frederick Fitzelarence, geb. 1799, starb als Oberbefehlshaber in Bombay 30. Okt. 1854. Den Thron von Großbritannien bestieg nach W.s Tode seine Nichte Victoria (s. d.). Auf dem Throne von Hannover folgte ihm sein Bruder Ernst August. Vgl. Huish, KHistory of the reign and life of William IV. „ (Lond. 1837). Wilhelm I., der Jüngere oder der Schweigsame, Prinz von Oranien, Graf von Nassau (f. d.) aus der Ottonischen Linie, der Begründer der niederländ. Unabhängigkeit, war der älteste Sohn des Grafen Wilhelm des Altern (gest. 1559) von Nassau und dessen zweiter Gemahlin Juliane von Stolberg und wurde 16. April 1533 auf dem Schlosse Dillenburg in Nassau geboren. Er kam zeitig als Page an den Hof Kaiser Karls V., wo er im kath. Glauben erzogen ward, und erbte 1544 von seinem kinderlosen Vetter, Renatus von Nassau, das Fürstenftum Oranien (s. d.). Schon im Alter von 22 Jahren erhielt er den Oberbefehl in den Niederlanden und die Statthalterschaft der Provinzen Holland, Seeland und Utrecht. Karl V. empfahl ihn auch seinem Sohne und Nachfolger König Philipp II. Die eifersüchtigen Spanier wußten jedoch W.s Treue bei Philipp zu verdächtigen, sodaß derselbe ihm die niederländ. Ober⸗ oder Generalstatthalterwürde nicht verlieh. Als darauf die Generalstatthalterin Margareta von Parma unter Mitwirkung des Kardinals Granvella zur Einführung der span. Inquisition in den Niederlanden schritt, wandten sich 1563 W. und die Grafen Egmond und Hoorn an den König, um die Abberufung Granvellas zu erbitten. Philipp rief zwar den Minister 1564 zurück; doch das System der religiösen und polit. Unterdrückung ward unverändert fortgesetzt. Als 1566 die Geusen mit ihren Vorstellungen von Margareta zurückgewiesen wurden, veranstaltete W. mit Egmond, Hoorn und andern angesehenen Männern zu Dendermonde eine Zusammenkunft, wo die Mittel zur Abwehr der Unterdrückung beraten wurden. Egmond riet zur Nachgiebigkeit und blieb in den Niederlanden, während W. 1567 seine Amter niederlegte und sich mit seiner Familie nach Dillenburg zurückzog. Gleich darauf rückte der Herzog von Alba mit span. und ital. Truppen in die Niederlande ein und begann seine Schreckensherrschaft. Die Ausgewanderten, darunter W. und dessen Bruder Ludwig von Nassau, wurden vor den sog. Blutrat geladen und, als sie nicht erschienen, geächtet. Auch nahm Alba den 13jährigen Sohn W.s, den Grafen Philipp Wilhelm von Büren, der in Löwen studierte, gefangen und schickte ihn nach Spauien, wo er katholisch erzogen und 28 Jahre lang als Geisel festgehalten ward. Nun bekannte W. sich öffentlich zum Protestantismus und bereitete sich, von mehrern prot. Fursten Deutschlands unterstützt, zum Kampfe vor. Seine Brüder Ludwig und Adolf schlugen die span. Truppen in Groningen, wo Adolf fiel; doch kurz nachher wurde Ludwig von Alba nach Ostfriesland zurückgedrängt und vollständig geschlagen. Dann drang W. in Brabant ein und gewann mehrere Erfolge. Aber er vermochte weder Alba zu einer Entscheidungsschlacht, noch das niederländ. Volk zum allgemeinen Aufstande zu bewegen und mußte nach kurzer Zeit wegen Geldmangel seine Truppen entlassen. Mit 1200 Reitern, die ihm blieben, schloß er sich 1569 dem Herzog Wolfgang von Zweibrücken an, der nach Frankreich den Hugenotten zur Hilfe zog. W. zeichnete sich hier mehrfach aus und kehrte nach dem unglücklichen Ende dieses Feldzugs nach Nassau zurück. Auf des franz. Admirals Coligny Anraten gab W. seit 1570 Kaperbriefe gegen die Spanier aus, und schon 1572 bemächtigten sich diese sog. Wassergeusen der Hafenstadt Briel. Inzwischen hatte W. ein neues Heer gesammelt, um der Lud seinen in Mons von Alba belagerten Brur Ludwig zu entsetzen. Allein die franz. Hilfstruppen, die Coligny schickte, wurden geschlagen, und W. selbst konnte Alba nicht zur Feldschlacht bringen. So mußte er sich bald abermals nach dem Rheine zurückwenden und seine Truppen entlassen. Um dieselbe Zeit übertrugen ihm die zu Dordrecht (Juli 1572) versammelten Stände von Holland die Statthalterschaft mit außerordentlichen Vollmachten, die er jedoch im Namen des Königs Muwie II. ausüben sollte; ein unter ständischer itwirkung in Delft niedergesetzter Staatsrat stand ihm zur Seite. Allmählich folgten mehrere andere Provinzen diesem Beispiele, und W. wurde allgemein als Oberbefehlshaber zu Lande und zu Wasser benduchen anen und Generaladmiral) der Auftändischen anerkannt. Während Alba Mons, Harlem und andere Plätze uberwältigte, eroberte W. Gertruidenberg und Middelburg. Albas Nachfolger, Requesens, schlug 14. April 1574 die Brüder W.s, Ludwig und Heinrich von Nassau, auf der Mookerheide bei Nimwegen, wo beide fielen. Dagegen entsetzte W. 3. Okt. 1574 die hart bedrängte Stadt Leiden. Als nach Requesens' Tode die Zuchtlosigkeit der span. Soldateska, die Antwerpen furchtbar verheerten und plünderten, den höchsten Grad erreichte, gelang es W., die sog. Pacifikation von Gent 8.Nov. 1576 zu Stande zu bringen, worin fast alle niederländ. Provinzen, Katholiken und Protestanten, sich zur Vertreibung des fremden Kriegsvolks und zu gegenseitiger Toleranz vereinigten. Der neue königl. Generalstatthalter, Johann von Osterreich, wurde, nachdem er diesen Vertrag bestätigt, von den niederländ. Ständen anerkannt; nur W. und die Provinzen Holland und Seeland verweigerten ihre Unterwerfung, bis allen Beschwerden abgeholfen sei. Schon im Herbst 1577 kündigten die Stände dem Generalstatthalter wegen seiner zweideutigen Haltung wieder den Gehorsam auf; dagegen ward W. zur Hilfe nach Brüssel gerufen und zum Ruwaert (Statthalter) von Brabant erwählt. Die von einer eifersüchtigen aristokratisch-kath. Partei veranlaßte Berufung des Erzherzogs Matthias zum Generalstatthalter und des Herzogs Franz von Alençon und Anjou zum Beschützer der niederländ. Freiheit mußte W. sich gefallen lassen. Doch behielt er fortwährend die Oberleitung des Aufstandes und gewann auch die Unterstützung der Königin Elisabeth von England. Aber in den südlichen kath. Provinzen konnte W. nicht festen Fuß fassen, und es gelang dem neuen königl. Generalstatthalter Alessandro Farnese, dieselben mit der span. Herrschaft auszusöhnen. Dagegen kam, auf Betreiben W.s und seines Bruders Johann, zwischen den Provinzen Holland, Seeland, Utrecht, Geldern und Groningen die Utrechter Union vom 23. Jan. 1579 zum Abschluß, der bald auch Friesland, Oberyssel u. s. w. beitraten, und durch welche der Grund zu der Niederländischen Republik der sieben verbündeten Provinzen gelegt wurde. Nachdem die mit Spanien Teertewa Friedensverhandlungen zu Köln gecheitert waren, erklärte Philipp 11. 15. März 1580 W. für geächtet und setzte einen Preis von 25000 Goldstücken auf seinen Kopf. Darauf antwortete W. mit einer heftigen Rechtfertigungsschrift und bewog die Stände der verbündeten Provinzen nach einigem Zögern dahin, daß sie 26. Juli 1581 den König Philipp förmlich der Herrschaft entsetzten. Schon vorher (1580) hatte Erzherzog Matthias die Niederlande verlassen, und der Herzog Franz von Alengon und Anjou, dem die verbündeten Provinzen in der Hoffnung auf franz. Hilfe jetzt die Landesherrschaft antrugen, konnte bis an seinen Tod (1584) niemals zu wirklichem Ansehen und Einfluß gelangen. Nachdem ein erster Mordversuch 18. März 1582 mißlungen, wurde W. 10. Juli 1584 im Schlosse zu Delft durch Balthasar Gerard meuchlerisch erschossen. W. war viermal verheiratet: 1) mit Anna von Egmond (gest. 1558), Tochter des Grafen Marimilian von Büren, von der er eine Tochter und einen Sohn, den Grafen Philipp Wilhelm von Büren (geb. 1554, gest. 1618), hatte; 2) mit der Tochter des Kurfürsten Moritz von Sachsen, Anna (geschieden 1575, gest. 1577), aus welcher Ehe mehrere Töchter hervorgingen, und der Prinz Moritz (s. d.) von Oranien; 3) mit der Tochter des Herzogs Ludwig II. von Montpensier, Charlotte von Bourbon (gest. 1582), die ihm sechs Töchter gebar; 4) mit der Tochter des franz. Admirals Coligny, Luise (gest. 1620), aus welcher Ehe 1584 Prinz Friedrich Heinrich (s. d.) von Oranien entsprang; dessen älteste Tochter, Luise Henriette, heiratete den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, und sein Sohn Prinz Wilhelm II. von Oranien (geb. 1626, gest. 1650) folgte 1647 dem Vater als Statthalter in den Niederlanden. Mit dessen Sohne Prinz Wilhelm III. von Oranien erlosch der Mannsstamm W.s I. des Jüngern. Vgal. außer Schillers trefflicher Charakteristik W.s in seiner «Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlanden: Klose, «W. J. von Oranien, der Begründer der niederländ. Freiheito (herausg. von Wuttke, Lpz. 1864); Gachard, «Correspondance de Guillaume le Taciturned (6 Bde., 1847—66) und «Correspondance de Philippe II sur les affaires des Pays-Bas (Bd. 1—4, Brüss. 1848—61); Groen van Prinsterer, Archives ou correspondance inédite de la maison d'Orange-Nassaup (Bd. 1 — 15, Leid. 1835 — 64); Juste, Guillaume le Taciturne d'après sa correspoudance et les papiers d'étato (Brüss. 1875).