FeedWinckelmann (Johann Joachim)
ReligionBrockhaus 1882

Winckelmann (Johann Joachim), Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der Geschichte der alten Kunst, einer der ersten klassischen Prosaiker Deutschlands, geb. 9. Dez. 1717 zu Stendal in der Altmark, war der Sohn eines armen, aus Schlesien stammenden Schusters. Nachdem er unter den denkbar entmutigendsten Verhältnissen die Schule durchgemacht, bezog er 1738 die Universität Halle und studierte Theologie. Die Verbindung mit dem Kanzler von Ludewig brachte ihn in das damals blühende Studium der deutschen Reichsgeschichte hinein, das er 15 Jahre lang eifrig betrieb, während er in seinem geliebtesten Studium, den aion. und attischen Charitinneno, damals und später durchaus Autodidakt war. Noch einmal versuchte er es, nach einem kurzen Intermezzo als Lehrer in einer adeligen Familie, in Jena mit Medizin und Mathematik; aber Armut nötigte ihn, eine Stelle als Erzieher des in der Folge schwärmerisch geliebten Freundes Lambrecht (in Nadmersleben bei Magdeburg) anzunehmen. Nachdem er dann seit 1743 fünf Jahre Konrektor zu Seehausen in der Altmark gewesen, trug er dem Grafen Heinrich von Bünau auf Nöthnitz bei Dresden seine Dienste an und war als Hilfsarbeiter bei dessen umfangreicher deutscher Kaiser⸗ und Reichsgeschichte, sowie an der Katalogisierung der großen Bibliothek des Grafen fünf Jahre lang thätig. Die dresdener Galerie erweckte seinen Sinn für bildende Kunst, und er begann die Kunde der Denkmäler der Kunst als seinen Lebensberuf zu ahnen. Der Umgang mit Lippert, Hagedorn und besonders mit dem Maler Sser machte rasch den etwas späten Schüler zum Meister. Sein seit frühester Jugend gehegter Wunsch einer Reise nach Rom lebte jetzt unwiderstehlich wieder in ihm auf. Er knüpfte deshalb Unterhandlungen mit dem päpstl. Nuntius Archinto behufs einer Anstellung an der Bibliothek des Kardinals Passionei an, deren unumgängliche Bedingung der Übertritt zur röm. Kirche war. Diesen letzten Schritt that er jedoch erst nach fünfjährigem Schwanken und Kampf. Die Frucht eines nun folgenden unabhängigen Jahres in Dresden (1754 -55) war seine erste Schrift: &Gedanken über die Nachahmung der griech. Werke in Malerei und Bildhauerkunsto (Dresd. und Lpz. 1755), der er im «Sendschreibeno einen Angriff und in der Erläuterungo eine Apologie unter der Maske einer dritten Person nachsandte. Beide Schriften sind ungleich schwächer als der erste Essay, der fast alle seine spätern Ideen im Keime und seinen herrlichen Stil schon fast ganz entwickelt enthielt. Diese Schrift war der Beginn seines Ruhms, und sie verschaffte ihm durch die Fürsprache des königl. Beichtvaters Pater Rauch eine Pension von 200 Thlrn. zur Reise nach Rom. Zuerst lebte W. in Rom (seit Nov. 1755) in freier Stellung, in freundschaftlicher Nachbarschaft mit Rafael Mengs, der ihm das künstlerische Verständnis der Denkmäler erschloß, in ruhiger Vertiefung in die Altertümer. Dann wohnte er als Bibliothekar des Kardinals Archinto in der Cancellerie und gewann das Vertrauen des gelehrten und liberalen Kardinals Passionei, des Besitzers der reichsten PrivatbibliothekRoms; mit dem berühmten Gemmensammler Phil. von Stosch in Florenz trat er in Korrespondenz und katalogisierte nach dessen Tode 1757 sein Kabinett. Einen bedeutsamen Wendepunkt in W.s Leben und Arbeiten führte sein Eintritt in das Haus des Kardinals Alexander Albani, des ersten Kenners und Sammlers seiner Zeit, herbei, der damals mit der Aufstellung seiner stets wachsenden Sammlung in der unvergleichlichen Villa vor Porta Salara im vollen Zuge war. W. lebte seit 1758 in dessen Palast und Villa als Bibliothekar und Freund, als Herr seiner Zeit, im vollen Gefühl des Glücks dieser Stellung. Mehrfache Reisen nach Neapel (zuerst 1758 mit dem jungen Grafen Brühl, dann 1762 mit dem Maler Füßli und Volkmann, 1765 und zuletzt 1767), wohin ihn die Ausgrabungen von Herculanum und Pompeji zogen, veranlaßten sein «Sendschreiben von den herculanischen Entdeckungen» (Dresd. 1762), Nachricht von den neuesten herculanischen Entdeckungen⸗ (Dresd. 1764) und „Briefe an Bianconiv, für den Kurprinzen von Sachsen und dessen Gemahlin bestimmt und erst nach W.s Tode in der Antologia Romanay 1779 herausgegeben. Diese Sendschreiben, das erste, was die Neugier der gebildeten Welt nach Auskunft über diese eifersüchtig gehüteten Altertümer einigermaßen befriedigte, übten auf die Reinigung des Geschmacks in den dekorativen Künsten von den Manieren des Barockstils großen Einfluß. Mehrere Entwürfe zu Schriften, deren Titel in den Briefen aus den ersten röm. Jahren sich häufig genannt finden, wurden die Elemente, aus denen sein Hauptwerk, die «Geschichte der Kunst des Altertumso, erwuchs, die zuerst 1764 in Dresden gedruckt wurde (neue Ausg. von Julius Lessing, mit einer Biographie W.s, Berl. 1870). W.s Vorarbeiten zu einer zweiten Ausgabe, der er bereits 1767 Anmerkungen über die Geschichte der Kunstvorangeschickt hatte, kamen nach Wien und wurden bei der dort erschienenen Ausgabe benutzt. Dieses Werk ist nicht bloß Geschichte, sondern auch System der griech. Kunst oder Theorie des Kunstschönen, ästhetisch wie technisch, vor allem Charakteristik des Stils der griech. Plastik nach seinen wesentlichen Bestandteilen und nach den Typen und Klassen, wie sie innerhalb der Sphäre des Idealschönen zulässig sind. Höchste Aufgabe der Kunst ist nach W. die Schönheit, der das Individuellwahre, das Charakteristische, Aktion und Affekt schlechthin untergeordnet werden muß. Die Schönheit ist ihm Idealität, d. i. Darstellung eines allgemeinen, durch Wahl aus der Natur und Begeisterung gewonnenen Typus; sie beruht auf den normalen Proportionen, wie solche Polyklets Kanon aufstellte; auf einer «edeln Einfalt und stillen Größes in der Aktion, auf jenen Linien des Contours endlich, in welchen kein einzelner Teil (Muskeln, Sehnen, Adern) den sanft verschmolzenen Zug der großen Umrißkurve (das (Unbezeichnetes) unterbricht. In dem histor. Teil hat W. durch Kombination der Notizen der Alten, einer kritischen Auswahl röm. Denkmäler und ahnender Intuitionen da, wo ihn (wie bei der Zeit des Phidias) die Monumente im Stiche ließen, mit genialer Kunst ein Gebäude aufgeführt, dem trotz des reichen Denkmälerzuwachses der folgenden hundert Jahre und trotz der geschärften archäol. und philol Methoden noch kein vergleichbares Werk an die Seite gesetzt worden ist. W. schuf die Kunstgeschichte, indem er die Perioden der Kunst nach den Grundzügen der einem innern Gesetze gemäß aufeinanderfolgenden Reihe von Stilformen charakterisierte, und die mannigfaltigen Ursachen der Kunstblüte unter den Griechen mit histor. Sinn erschöpfend analysierte. Dabei wirkte er zur Erweckung des Geschmacks und der Liebe zur Antike in weiten Kreisen hauptsächlich durch seine Schilderungen der antiken Meisterwerke (des Torso, des Apoll vom Belvedere, des Laokoon u. a.). Die Ruhue langjährigen Sammelfleißes, obwohl am ühlsten aufgenommen, war der Versuch einer Allegories (Dresd. 1766; aus W.s Handexemplar mit dessen zahlreichen eigenhändigen Zusätzen neu herausg. von A. Dressel, 1866), mehr ein gelehrtes Repertorium bildlicher Darstellungen von Gedanken, ohne begriffliche Scheidung der Arten solcher Darstellung und deren verschiedenen Werts für die Kunst. Auf das Gebiet der Archäologie trat W. über mit dem großen Kupferwerk Monumenti antichi ineditis (2 Bde., Rom 1767—68; 2. Ausg. 1821), denen er im «Trattato preliminare v ein Resumeé der Kunstgeschichte vorausschickte. Es sind teils falsch oder noch gar nicht erklärte Denkmäler, zumal Basreliefs, teils Werke, die in der Kunstgeschichte einen bedeutenden Platz einnehmen. W. gab der Auslegung eine neue Richtung, oder vielmehr er schuf die archäol. Hermeneutik, indem er die bei den Archäologen herrschende Erklärung aus der röm. Geschichte beseitigte und im Homer die Hauptquelle der Stoffe nachwies. Im April 1768 reiste W. in Begleitung des Bildhauers Cavaceppi von Rom ab, um Deutschland wieder zu besuchen. Aber beim Eintritt in die tiroler Berge überfiel ihn jene Traurigkeit und Unruhe, die bei Nordländern, welche im Süden heimisch geworden sind, nicht selten ist, bei W. aber nahezu mit Symptomen einer Gemütskrankheit auftrat. Er war nur mit Mühe dahin zu bringen, seinen ital. Reisegefährten bis München zu begleiten. Dann reisten sie zusammen nach Wien, wo W. auch der Kaiserin vorgestellt wurde, die ihn beschenkte. Da alle überredungskünste scheiterten, so reiste Cavaceppi allein weiter, während W. nach Triest fuhr, wo er in Erwartung eines nach Venedig fahrenden Schiffs verweilte und die Bekanntschaft eines kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen Bösewichts Arcangeli machte, der sein Vertrauen gewann und in der Absicht, die von Maria Theresia ihm geschenkten Goldmünzen zu rauben, ihn in seinem Zimmer überfiel. Nachdem der Verbrecher ihn vergebens von rückwärts zu erdrosseln versucht, brachte er ihm fünf zum Teil tödliche Stiche bei, an denen W. bald darauf, 8. Juni 1768, verschied, nachdem er den Kardinal Albani zum Universalerben eingesetzt. Vgl. Rosetti, „Wis letzte Lebenswoches (Dresd. 1818); cIlsepolcro di W. in Triestes (Vened. 1823). W.s Einwirkung ging weit über die Grenzen seiner Nation und seines besondern Fachs hinaus. Er wurde der Lehrer der Kunst für Europa, und er hat auf die Betrachtung des Altertums als Ganzen ebenso belebend eingewirkt, wie er in unser Kulturleben, besonders in die Poesie, neue Elemente brachte. Er eröffnete jene Behandlungsweise des Altertums, die an die Stelle archäologischer und exegetischer Kompilationen und Miscellen eine durch Kongenialität und umfassende Bildung zu gewinnende Gesamtansicht des antiken Lebens und der antiken Sinnesart als Ausgangs⸗ und Zielpunkt der Philologie setzt. W.s origineller Stil hat die Kraft und Kernhaftigkeit der Alten; anschaulich, von sinnlicher Fülle, zuweilen poetisch angehaucht, ist er ein Gegenstück zu Lessings dialektisch-dialogischer Lebendigkeit. Die frühern teilweisen Veröffentlichungen seiner Korrespondenz wurden vereinigt in dem Nachtrag zu der dresdener Ausgabe der Werke (Bd. 9—11); doch ist viel mehr damals vorhanden gewesen und seitdem zum Vorschein gekommen. Eine Gesamtausgabe seiner Werke wurde von Fernow 1808 begonnen und von Heinrich Meyer und Schulz vollendet (8 Bde., Dresd. 1808 — 20; neue Ausg., Dresd. 1828 fg.), die viele philol. und archäol. Bemerkungen hinzufügten. Eine Charakteristik W.s und seines Verdienstes gab zuerst Heyne in der Lobschrift auf W. (Kass. 1778). Den ganzen Kreis seiner Schicksale, seiner Persönlichkeit, seiner Beziehungen zu Kunst und Altertum, Wissenschaft und Zeitgenossen beleuchten Goethes meisterhafte Skizzen in dem mit H. Meyer und andern zusammen gearbeiteten Werk: „W. und sein Jahrhunderte (Tüb. 1805). Eine vortreffliche Biographie Wis lieferte Justi, W., sein Leben, seine Werke und seine Zeitgenossene (2 Bde., Lpz. 1866—72).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 674Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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