Wirbelsäule (columna vertebralis) oder Rücrat (spina dorsi) nennt man die beim Menschen senkrecht gelagerte, leicht 8-förmig gebogene Knochensäule, welche die Grundlage des Rumpfes bildet, den Kopf trägt, dem Becken zum Ansatze dient und aus den 24 Wirbeln (vertebrae), dem Kreuz- und Steißbein besteht. (S. Tafel: Das Skelett des Menschen, Bd. XIV, S. 861.) Die Wirbel, deren jeder aus einem soliden cylindrischen Wirbelkörper, einem horizontalen spangenartigen Knochenbogen (Wirbelbogen) und mehrern, der Gelenkverbindung dienenden Wirbe lfortsätzen besteht, sind durch Zwischenlagen von Bandmasse und Bändern sehr innig untereinander verbunden, sodaß jeder einzelne von ihnen sehr wenig, die ganze Säule aber ziemlich bedeutende, wenn auch nicht an allen Stellen gleiche Beweglichkeit besitzt. Man nennt die sieben obersten Wirbel, deren erster unmittelbar mit dem Hinterhauptbeine des Schädels verbunden ist, Halswirbel, die zwölf folgenden, an deren Seite sich die Rippen (s. d.) anschließen, Brustwirbel, und die fünf untersten, deren letzter auf dem Kreuzbein ruht, Len denwirbel. Erstere sind die kleinsten, letztere die größten. An Gestalt sind sie außer dem ersten und zweiten Halswirbel latlas und epistropheus), welche eine die Beweglichkeit des Kopfes vermittelnde Form haben, untereinander dem Wesen nach gleich; namentlich sind sie alle durchbohrt und bilden so den Kanal, welcher das Rückenmark (s. d.) enthält. Die W. ist in ihrer knorpeligen Grundlage (der sog. Wirbelsaite, chorda dorsalis) im Embryo früher als andere Knochen vorhanden, verknöchert jedoch später als viele andere. Angeborene Bildungsfehler, zu viel oder zu wenig Wirbel, Spaltung des Rückenmarkskanals, Verkrümmungen u. s. w., sind nicht selten, letztere werden oft auch später erworben. Dieselben Krankheiten, welche andere Knochen befallen, können auch bei der W. vorkommen und sind hier wegen der Nähe des Rückenmarks mit größerer Gefahr verbunden. Welche Wichtigkeit die W. in der Okonomie des tierischen Körpers besitzt, zeigt die wohlbegründete Einteilung des gesamten Tierreichs in zwei große Klassen, die Wirbeltiere und die wirbellosen Tiere. Während letztere der Wirbel gänzlich entbehren und von erstern in der ganzen Körperorganisation bedeutend abweichen, hält in diesen die W., obgleich an Anzahl und Gestaltung der Wirbel selbst mannigfaltig verschieden, ihre allgemeine Bestimmung, einen wesentlichen Teil des Knochensystems, somit ein Hauptorgan der Gestaltung und Bewegung des ganzen Körpers und einen festen Schutz für das Rückenmark abzugeben, durchgängig fest. Vgl. Welcker, »Uber Bau und Entwickelung der W.» (Lpz. 1879). Rückgrats⸗ oder Wirbelsäulenverkrümmungen sind äußerst selten angeboren, in der Regel nach der Geburt erst erworben und am häufigsten dadurch, daß man Kinder, ehe ihre W. die last oder Festigkeit besitzt, lange Zeit aufrecht sitzen äßt oder ihnen eine gekrümmte Haltung (beim Schreiben u. s. w.) zuläßt. Man unterscheidet eine Verkrümmung nach der Seite (Skoliose), eine nach vorn (Lordose, Senkrücken) und eine nach hinten (Kyphose, Höcker, Buckel). Eine jede dieser Verkrümmungen ruft nach und nach im benachbarten höher oder tiefer gelegenen Teile des Rückgrats, um das Gleichgewicht in der W. wiederherzustellen, eine Verkrümmung nach der entgegengesetzten Seite hervor, und diese heißt deshalb die kompensierende. So erzeugt z. B. eine Seitenverkrümmung der Brustwirbel nach rechts eine Skoliose der Lendenwirbel nach links u. s. w. Die Skoliose (seitliche Rückgratsverkrümmung, hohe Schulter), die häufigste und meistens nach rechts im Brustteile der W. (mit linksseitiger kompensierender Skoliose des Lendenteils und Beckens) entstehende Verkrümmung wird veranlaßt durch Störungen des regelmäßigen Antagonismus der Muskeln (infolge schiefer Haltung, ungleichmäßiger Belastung des Körpers, vorwiegenden Gebrauchs der einen Extremität bei Unthätigkeit der andern), ferner durch einseitige Lähmung der Einatmungs⸗ und Rückenmuskeln (besonders nach Brustfellentzündung), sowie durch einseitige (rhachitische oder coxalgische) Mißgestaltung des Beckens. Bei jeder beträchtlichen Seitenkrümmung findet auch eine Drehung der Wirbel um ihre Achse statt, und zwar nach der Seite 1I52 nach der die Krümmung sattfindet⸗ die Wirbelkörper sehen nach der Konvexität, die Dornfortsätze nach der Konkavität der Krümmung. Höhere Grade der Skoliose vermögen die Cirkulation des Blutes in den Lungen zu erschweren und mannigfache Atfmungs⸗ und Verdauungsbeschwerden hervorzurufen. üÜber ihre Verhütung und Behandlung s. Schiefwerden. Kyphose ist als bogenförmige Krümmung der Rückenwirbel Folge hohen Alters und von Knochenerweichung und wird auch als winkelige Krümmung durch Krankheit der Wirbel und Wirbelkörper (Entzündung durch Knochenfraß) erzeugt. Lordose kommt meist an den Lendenwirbeln und hier fast stets als eine konsekutive vor; sie kompensiert als solche entweder eine Kyphose oder die durch uhrten uh angeborenes Hinken, Coxalgie herbeigeführten Abweichungen des Beckens. Die Heilung aller dieser Verkrümmungen ist sehr schwierig und läßt sich eher noch durch die gymnastische Kurmethode als durch Apparate (künstliche Stützapparate, Geradhalter u. dgl.) erzielen. (S. Orthopädie.)