FeedWohnsitz
AllerleiBrockhaus 1882

Wohnsitz, s. Domizil. Wohnungsfrage. Das starke Anwachsen der großen Städte in der neuern Zeit hat zeitweise in denselben eine Wohnungsnot, teils in einer drückenden Steigerung der Mietpreise, teils in dem Mangel angemessener Wohnungen überhaupt sich äußernd, hervorgerufen, die nicht nur für die Arbeiterbevölkerung, sondern auch für die mittlern und selbst wohlhabenden Gesellschaftsschichten sehr empfindlich wurde. Es trat dann allerdings in der Regel bald ein lebhafter Aufschwung der Bauspekulation ein, die wenigstens einen Teil jenes Notstandes beseitigte und sogar nicht selten in wenigen Jahren in gewissen Kategorien von Wohnungen, nämlich den mittlern und bessern, ein übergroßes Angebot hervorrief. So litt Berlin in der sog. Gründerperiode zu Anfang der siebziger Jahre an einer so intensiven Wohnungsnot, daß zahlreiche Familien genötigt wurden, vor der Stadt in Baracken oder sogar unter freiem Himmel zu campieren. Daher waren 1873 von den 176 276 in der Stadt vorhandenen Wohnungen und Gelassen nur 1042 (etwa 0,6 Proz.) nicht vermietet. Im J. 1879 war die Zahl der Wohnungen auf 265 724 gestiegen, von denen aber nun nicht weniger als 20671 oder 7,8 Proz. unvermietet waren. Seitdem hat sich bis 1886 die Zahl der Wohnungen auf 322172 erhöht, die der unvermieteten aber auf 7109 (2,2 Proz.) vermindert. Trotz aller Leistungen des privaten Unternehmungsgeistes bleibt aber dennoch die W. in einer wichtigen Hinsicht in allen Großstädten eine brennende: das Wohnungsbedürfnis der großen Masse der Bevölkerung, der Arbeiterklasse, wird überall nur in unzureichender Weise befriedigt und man darf behaupten, daß die privatwirtschaftliche Initiative auf diesem Gebiete sich als nicht genügend erwiesen hat, um Zustände zu schaffen, die den allgemeinen sozialen, hygienischen und moralischen Interessen entsprechen. Die Privatkapitalisten haben eben meistens eine entschiedene Abneigung gegen den Bau von Häusern, die vorzugsweise für Arbeiter bestimmt sind, da mit der Verwaltung derselben mancherlei Widerwärtigkeiten verbunden sind, auch das Risiko hinsichtlich der Verzinsung ein größeres ist, als die Kapitalanlagen in andern Häusern. So befinden sich die Arbeiterwohnungen vielfach in den Händen von Personen, die nur auf rücksichtslosen Gelderwerb um jeden Preis bedacht sind, und es entsteht daher auf diesem Gebiete häusig eine Art von Wucher, der nicht weniger schlimm ist, als der Zinswucher. Die elendesten Räume in den ältesten und schlechtesten Vierteln werden zu Preisen vermietet, die, auf den Kubikmeter Raum berechnet, teuerer sind, als die Mieten der glänzendsten ersten Etagen in den besten Stadtteilen. Da aber eine Arbeiterfamilie überhaupt nur einen geringen Betrag für ihre Miete verwenden kann, so muß sie sich ot in Kellern oder Dachstuben mit dem Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVI. erbärmlichsten Unterkommen im engsten Raume begnügen, sodaß nicht selten zwei Familien oder eine Familie mit mehrern fremden Schlafleuten in einem einzigen Zimmer zusammengedrängt sind. In Berlin gab es 1880 bei einer Einwohnerzahl von 1122000 nicht weniger als 478 058 Personen (also über 42 Proz.) in 127509 Wohnungen mit nur einem einzigen heizbaren Zimmer, und außerdem noch 3230 Wohnungen mit 10051 Insassen ohne heizbares Zimmer. In einer aus einem einzigen Raume bestehenden Wohnung waren ein Ehepaar mit Kindern und acht Schlafleuten, darunter eine weibliche Person, untergebracht. Ein Haus beherbergte in 141 Haushaltungen 487 Menschen. Die sittlichen Nachteile der Zusammendrängung vieler Personen in einem Schlafraume, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, sowie der bei solchen Wohnungsverhältnissen unvermeidlichen tung jedes geordneten Familienlebens sind einleuchtend, ebenso die Gesundheitsschädlichkeit solcher Zustände, zumal die überwiegend von Arbeitern bewohnten Häuser in ihrer ganzen Einrichtung in Bezug auf Reinlichkeit, Versorgung mit Wasser, Luft und Licht u. s. w. häufig nicht den dürftigsten Anforderungen genügen. Die Hebung oder Milderung derselben liegt auch im allgemeinen und öffentlichen Interesse, und ist sowohl durch gemeinnützige Vereinigungen wie durch Maßregeln der Gemeinde und des Staates zu erstreben. Als erstes Mittel zur Bekämpfung der Wohnungsnot der Arbeiterklasse kommt die Errichtung von Arbeiterhäusern durch gemeinnützige Baugesellschaften (s. d.) in Betracht. Dieselben sollen nicht den Charakter von Wohlthätigkeitsanstalten tragen, sondern die normale Verzinsung ihres Kapitals verlangen, aber auf jeden wucherischen Gewinn verzichten. Da die Verwaltung der Häuser durch Beamte der Gesellschaft erfolgt, so werden viele Kapitalisten sich beteiligen können, die als einzelne nicht daran denken würden, sich mit dem Bau von einzelnen Arbeiterhäusern zu befassen. Besondere Arbeiterquartiere in großen Städten anzulegen, hat manches Bedenkliche; auch wird man dort meistens darauf verzichten müssen, kleine Arbeiterhäuser nach dem Cottage-System anzulegen, sondern wegen der hohen Bodenpreise die Mietskasernen mit 4—5 Etagen beizubehalten genötigt sein. Unter besondern Umständen mag es auch angemessen sein, daß solche Bauten von der Gemeinde unternommen werden; in der Regel aber wird die Hauptaufgabe der letztern darin bestehen, für gute Kanalisation oder Abfuhr, für genügende Wasserzufuhr (vielleicht bis zu einer gewissen Menge unentgeltlich), für ausreichende Voltsverkehrsmittel (insbesondere Pferdebahn) zu sorgen und vor allem eine wirksame Baupolizei zu handhaben. Hier empfiehlt sich eine staatliche Gesetzgebung, die den Lokalbehörden, wie dies in England in eingreifender Weise geschehen ist, das Recht gibt, gegen schlechte und ungesunde Wohnungen nötigenfalls mit Expropriation vorzugehen. Auch ein Gesetz gegen den Wohnungswucher nach Analogie der Behandlung des Zinswuchers, sowie eine Beschränkung des Retentionsrechts des Vermieters werden empfohlen. Vgl. Huber,«Die Wohnungsnot der kleinen Leute in großen Städteno (Lpz. 1857); von der Goltz, (Ländliche Arbeiterwohnungene (Königsb. u. Tilsit 1865); Laspeyres, «Der Einfluß der Wohnungen auf die Sittlichkeite (Berl. 1869); Sax, «Die Wohnungszustände der arbeitenden Klassen und ihre Reformy (Wien 1869); Engel, «Die moderne Wohnungsnot⸗ (Lpz. 1873); von der Goltz, Die Großstädte in ihrer Wohnungsnot und deren durchgreifende Abhilfer (Lpz. 1874); Schall, «Das Arbeiterquartier in Mülhauseno (2. Aufl., Berl. 1877); Hansen,Die Wohnungsverhältnisse in den größern Städtenv (Heidelb. 1883); Ruprecht, ⸗Die Wohnungen der arbeitenden Klassen in Londono 1884); Reichardt, Die Grundzüge der Arbeiterwohnungsfrager (Berl. 1885); Die Wohnungsnot der ärmern Klassen in deutschen Großstädten und Vorschläge zu deren Abhilfe. Gutachten und Berichte, herausgegeben im Auftrage des Vereins für Sozialpolitik‘ (2 Bde., Lpz. 1886).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 721Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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