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ErdkundeBrockhaus 1882

Wolga, bei den Alten Rha oder Oaros und Rhos, hunnisch Var, finnisch noch jetzt Rau, zur Zeit der großen Völkerwanderung Atel, Etel, Itil, bei den Slawen Bolga oder W., der Hauptstrom Rußlands und hinsichtlich seines langen Laufs von 3183 km der bedeutendste Strom Europas, entspringt etwa 335 km vom Finnischen Meerbusen und in der Nähe der Düna im Gouvernement Twer, auf einer Sumpfebene des Wolokonskiwaldes bei dem Dorfe Wolgino-Werchowje in einer Höhe von 260m aus einem eingefaßten, einst bewallfahrteten Brunnen, den die Anwohner Jordan nennen. Die W. vereinigt sich nach einem Laufe von 107 km mit der Selisharowka, dem Abflusse des Seligersees (s. d.), fließt durch die Seen Werchota, Stersch, Pselug, Peno und Wolgo und setzt weiterhin ihren obern Lauf in südöstl. Richtung über Rshew bis Subzow fort, wo sie das wellenförmige Tiefland erreicht, welches sie bis Sarepta nicht wieder verläßt. Auf dieser weiten Strecke fließt sie erst ostwärts über Twer, Rybinsk, Jaroslaw, Kostroma und Nishnij-Nowgorod an der Mündung der Oka, und zwar bis dahin in ruhigem Laufe, dann mit stärkerm Gefälle hinab in die tiefe Thalsenkung von Kasan. Hierauf wendet sie sich plötzlich südwärts und geht, durch die mächtige Kama verstärkt, über Simbirsk, Samara nach Saratow, und zwar auch hier noch, wie schon von der Okamündung an, mit hoher, oft bergähnlicher Thalwand auf dem rechten Ufer oder der Bergseite, dagegen mit weiten, bis an die Vorhöhen des Uralgebirges reichenden Niederungen auf dem linken Ufer oder der Wiesenseite. Zwischen Saratow und Kamyschin, auf einer Strecke von 210 km, durchbricht sie die hügelige Gegend der südwestl. oder uralisch-karpatischen Landhöhe, die sich im Obtschei-Syrt an den Ural anschließt, auf dem rechten Ufer Wolgahöhe genannt wird und dem Strom steile, zerrissene und relativ höher als die bisherigen Gelände aufsteigende Ufer gibt. Von Kamyschin an fehlen dem Strome alle Nebenflüsse. Derselbe berührt hier östlich den Steppenboden, der ihn bis zur Mündung begleitet, nur daß sein rechtes 7 bis Zarizyn und Sarepta, während auf dem linken sich flache Wiesengründe ausbreiten, immer noch steil, sein Thalrand bei Sarepta noch 130 mehoch bleibt. Bei Sarepta wendet sich die W. plötzlich gegen Südosten, wälzt zwischen durchweg flachen und niedrigen Ufern langsam ihre ungeheuere Wassermasse in vielen Armen, deren erste bedeutende Spaltung nördlich an Zaryzin beginnt, und deren nördlichster Achtuba heißt, ein Labyrinth von Sand- und Sumpfinseln, Schilf- und Wiesengründen bildend, durch den horizontalen Boden der salzigen Steppe und ergießt sich jetzt 53 km unterhalb Astrachan in einem 110 km breiten Delta mittels zweier Hauptmündungen, des Großen und Kleinen Tschulpan, und gegen 200 Nebenmündungen, die meist versandet sind, in das Kaspische Meer. Sehr merkwürdig ist das überaus geringe Gefälle dieses europ. Riesenstroms, das im ganzen nur 286 mbeträgt. Durch 38 schiffbare und 157 nicht schiffbare Nebenflüsse fallen mehr als 20 Gouvernements in den Bereich seines 1458 894 akm umfassenden Stromgebietes. Unter den Nebenflüssen sind die bedeutendsten rechts die Oka (s. d.), der Hauptfluß des blühenden moskowitischen Tieflandes, und links die Kama (s. d.). Im Winter belegt sich der ganze Strom mit Eis, aber bei der Verschiedenheit der Klimate, welche er zwischen 57e und 46 nördl. Br. durchfließt, ist der Eintritt und die Dauer der Eiszeit verschieden. Der Eisgang ist jedes Jahr ohne Ausnahme stark, zu Zeiten und stellenweise sehr verheerend. Während des hohen Wasserstandes infolge der Schneeschmelze tritt der Strom aus und erweitert sich dann außerordentlich, auf der Wiesenseite selbst bis zu 20 Km. Unter solchen Umständen ist auch das Strombett beständigen Veränderungen unterworfen. Eigentliche Stromschnellen (russ. Porogi) hat die W. nicht, aber eine große Menge von Sandbänken und seichten Stellen. Schiffbar ist die W. von der Mündung der Selisharowka bis zum Kaspischen Meer, also auf einer Strecke von etwa 3300 Km. Indes erst 330 km weiter unterhalb, von Twer an, trägt sie größere Lastschiffe und wird Verkehrsweg des ganzen Kaiserreichs. Großartig gestaltet sich die Schifffahrt sodann bei Rybinsk (s. d.), dem Teilungspunkte der drei großen, nach Petersburg führenden Kanalsysteme und einem der besten Winterhäfen, deren die W. überhaupt wenige und noch weniger gute hat, obgleich an ihr 126 Stapelplätze gezählt werden. Bei Rybinsk beginnt auch die Dampfschifffahrt. Man zählt auf dem ganzen Strome etwa 20000 Segelschiffse und einige tausend Dampfer. In ihrem untern Laufe wird die W. ein Steppenfluß, der wegen Versandung der Mündungsarme nur mit Mühe seinen Einfluß in einen asiat. Binnensee erreicht. Die großartigen Kanäle, welche die W. und ihr Stromgebiet mit dem Ocean in Verbindung setzen und den auswärtigen Handel Rußlands außerordentlich beleben, sind von der größten Wichtigkeit. Unter ihnen zeichnen sich die drei Kanalsysteme von Wyschni-Wolotschok (s. d.), Tichwin und des Marienkanals besonders aus, welche die Verbindung mit Petersburg bewirken, während der Kanal des Herzogs von Württemberg die W. auch mit der Dwina in Verbindung setzt, sodaß von allen Anlanden des Hauptstroms eine ununterbrochene Schiffahrt bis zur Ostsee, dem Weißen Meere und dem Kaspischen See unterhalten werden kann. Die Verbindung mit dem Schwarzen Meere wird durch die W.⸗Donische Eisenbahn hergestellt. Auch ist die obere W. mit der Moskwa durch die kanalisierte Sestra verbunden; aus allen diesen Verhältnissen läßt sich die große volkswirtschaftliche Bedeutung der W. erkennen. Von großer Wichtigkeit ist die Wolgafischerei. Ohne Zweifel kommt der W. hinsichts der Fülle der Fische und deren vorzüglicher Güte kein Strom Europas gleich. Die Fischereien im Strome selbst und vor seinen Mündungen sind die Quelle außerordentlicher Reichtümer und setzen bedeutende Kapitalien in Bewegung. Doch nur von Simbirsk an beginnen sie eine staatswirtschaftliche Wichtigkeit zu erlangen. Es fangen hier die beständigen Fischereien oder Watagen an, die sich am zahlreichsten unterhalb Astrachan, an den Mündungen und nächstdem an der Achtuba finden. Die meisten sind ein Regal und werden verpachtet, was dem Staatsschatz jährlich bis zu 700000 Rubel einträgt. Die häufigsten Fische sind: Störe, Hausen, Welse, Sterlete, Sasanen oder Seckarpfen, Sewrjugen, Weißlachs. Vgl. Müller, «Stromsystem der W.y (Berl. 1839); Legrelle, Le Volge. Notes sur la Russies (Par. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 734Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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